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Samstag, 4. September 2021

Traktorfreitag: Wahlen

Letzte Woche packte mich die Abenteuerlust. Mit dem Fahrrad begab ich mich auf fremdes Territorium. Ich überschritt die Bezirksgrenzen von Tempelhof-Schöneberg und wagte mich in das weite Berlin hinaus. 

Wie stets bei diesen kleinen Urlaubsfahrten nach Berlin stellte ich fest: als radelnder Mensch ist die Bezirksgrenze auffällig. Stets werden die Radwege besser, ihre Kennzeichnung deutlicher und der Straßenraum fairer geteilt. Dann komme ich wieder nach TS zurück und erlebe die Utopie der autogerechten Stadt - nur halb verfallen und nie umgesetzt. 

Da wir Bund, Stadt und Bezirk wählen, fragte mich Madame, ob man nicht einfach den ADFC direkt wählen kann? Und man kann: Saskia Ellerbeck, Grüne Spitzenkandidaten hat im Lebenslauf: " Leiterin des Bereichs Wissensmanagement und zentrale Prozesse beim ADFC Bundesverband" Das nenne ich für den Bezirk die bestmögliche Empfehlung.

Gegenüber meinen sonstigen Überzeugungen habe ich bereits briefgewählt - vor allem, weil ich als Wahlhelfer in einem anderen Wahllokal als dem Meinen eingesetzt bin und ich dieses Wahlscheingedingse das sonst auch mich und die anderen Wahlhelfenden zukäme, eher ansträngend fände. 

Ich weiß nicht, ob ich die Wahlkampf-Wahrnehmung nach der Stimme jetzt mehr oder weniger anstrengend finde. Diesmal beeinflusste er sogar meine Wahlentscheidung, dieses Anti-Grüne-anti-Annalena-Petitessen-Gewese ging mir zu sehr auf den Nerv. Nichts von den "Vorwürfen" wäre bei einem Mann länger als einen halben Tag ein Thema gewesen. Soweit ich rekonstruieren kann, das erste mal jemals, dass ich bei einer Wahl mit der Zweitstimme grün wählte.

Langsam freunde ich mich mit den biederen Herzplakaten der Berliner SPD an. Ist der Kevin Kühnert hier nicht knuddelig?



Das Board der Wikimedia Foundation wählte ich auch und wundere mich, dass man bei einer rein digitalen Onlinewahl länger als 20 Minuten - geradezu mehrere Tage - zur Auszählung benötigt. Vermutlich müssen die ganzen Bots und Mehrfachabstimmer noch aussortiert werden.

Während ich die Wahl habe, haben andere den Wahl. Zum Beispiel den Wahl W28. Und damit wünsch ich ein schönes Wochenende.


Donnerstag, 22. September 2011

Wir wählen keine Handwerker: wo das Nuf falsch liegt

Ja, tatsächlich, es gibt sinnvolle Gründe, Piraten zu wählen.

Zur Vorgeschichte: Sascha Lobo schrieb auf einer Website deren Namen ich nicht nennen will einen Essay zum Erfolg der Piratenpartei in Berlin. Kurz zusammengefasst: die Leute haben Piraten gewählt, weil die auch mal zugeben können, etwas nicht zu wissen. Darauf antwortete das Nuf Authentizität schön und gut…

Dabei entstand ein lesenswerter Essay, der sich inhaltlich dagegen wandte, Leute aufgrund vermeintlicher Authenzität zu wählen. Dafür benutzt sie das schöne Bild eines Hausbaus:

Nehmen wir an, ich baute ein Haus. Das Haus sollte Wände, Decken, Fenster und Treppen haben – jedoch beauftragte ich einzig einen Schreiner. Der hatte einen schicken Flyer, ist Fensterexperte und Holzdielen kann er auch verlegen. Mit dem Rest, so bedauert er, kenne er sich derzeit noch nicht so aus, er sei jedoch willens, seine Defizite aufzuholen. Das Geld zum Hausbau überweise ich ihm vorab. Irrational? Seltsam. Immerhin haben vergangenes Wochenende 129.795 BerlinerInnen genau das getan.


Dem würde ich beim direkten Hausbau zustimmen. Allerdings leben wir nicht im direkten sondern im repräsentativen Hausbau. Die Handwerker (die Verwaltung..) entzieht sich der Wahl, wir wählen nur einen Abgesandten, der dann die Handwerker beaufsichtigen und unsere Interessen vertreten soll. Und wenn wir da vor der Wahl schauten gab es einen ganzen Haufen ähnlicher Leute, die alle so halbwegs kompetent wirkten. Die waren aber auch sehr von sich eingenommen, haben die anderen schlecht gemacht, schienen mit allen Handwerkern in engster Verbrüderung zu leben, und hatten zu allem Unglück auch noch Vorstellungen vom fertigen Haus, die den meinen so gar nicht entsprachen.

Bergtierpark Erlenbach Rast- und Spielplatz

Und dann war da der komische Typ am Rande der Siedlung, der voller Enthusiasmus mit einem Hammer und einem Do-it-Yourself-Buch wild vor sich hingewerkelt hat? Und Heidewitzka, er hatte zwar noch keine klaren Vorstellungen vom fertigen Haus, aber seine ungefähren Ideen klangen so ähnlich wie meine. Aber ob den die Handwerker ernst nehmen? Ob er beurteilen kann was sie machen? Ob er ihnen sinnvolle Arbeitsanweisungen geben kann? Andererseits: immerhin brennt er wohl nicht mit meinen Bauausgaben und den Handwerkern zusammen auf die Bahamas durch.

Ich vermute so ähnlich sind die Piratenstimmen zusammengekommen. Anderer fanden beide Optionen blöd und blieben zu Hause. Wieder andere finden die ganze Idee mit der Bauaufsicht blöd, wollen sie abschaffen, und selber Hämmern. Die schreiben dann "Nieder mit dem System" auf die Wahlzettel.