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Dienstag, 17. August 2021

Schullektüren, 1987-1995

Stumm schauten wir der endlosen Kette der gelben Busse zu. Der Schienenersatzverkehr passierte uns im 15-Sekunden-Takt: Mariendorf-Tempelhof und zurück. Z bewegte Schultern und Oberkörper, ihre Hände tanzten auf raumgreifenden Pfaden durch die Luft. Wir hatten uns verabredet, um ein paar Fotos für einen Simone-Bildes-Tribut für ihr Insta zu machen. Sie mit Salto mit Schraube, ich wollte helfen, indem ich in der Gegend stand.

Aber wir planten nicht. Sie hatte meinen Blick gesehen, der nicht zum Reden einlud. Ich seufzte: „Warum schreiben Menschen so anstrengende Sachen ins Internet? Warum lese ich das?“

Chaucer: Tales of Canterbury. Aus dem Ellesmere-Manuskript.

Während ich auf Z gewartet hatte, hatte ich durch Twitter gescrollt. Immer mehr kam mir die Plattform vor, wie alte Menschen, die ihren Fernseher anschreien - immer aggressiv, nie komplett falsch, nie ganz richtig und sinnlos. Aufregung über Themen, die weit außerhalb der eigenen Wirkungs- und Kompetenzsphäre lagen.

„Nimm zum Beispiel die USA“, fing ich an. Ich wusste, dass Z - als Absolventin der University of Arkansas in Northern Mississippi - mich verstehen würde. „Ich ging in Mississippi zur Schule“, fing ich an, „Was Vorurteile angeht die USA der USA. Mississippi ist der Bundesstaat mit der ärmsten Bevölkerung, der niedrigsten Bildung, den meisten fundamentalistischen Christen, einem krassen Rassismus. 

Und doch: Mississippi ist auch der Staat, in dem die Stadtregierung in der Hauptstadt Jackson gibt, die eine progressive Gesellschaft mit sozialistischen Wurzeln als Keimzelle einer sozialistisch-utopischen Region schaffen will. Oder meine persönlichen Erfahrungen: so furchtbar das Bildungssystem in vielerlei Hinsicht war: Von den sieben Lehrern, die mich in Mississippi unterrichteten hatte, waren drei herausragend. Eine Quote, die meine deutsche Schulen niemals erreichten.“

Inspiriert durch Blogposts von Herrn Rau und Poupous geheimen Laboratorium, dachte ich über Schullektüren nach. 

Freitag, 22. September 2017

Kleinstadt-Antifa, 1994

Lebensverändernde Momente suchen sich unerwartete Orte. Zum Beispiel wird man Antifaschist nahe des Mississippi-Rivers, nicht unweit von Elvis Presleys Anwesen „Graceland“; bei 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, während man eingeklemmt in eine Stuhl-Tisch-Kombination noch kurz vorher einen Werbespot für Mountain Dew gesehen hat.

Hückeswagen - Islandstraße 48 ies
Bild: Hückeswagen - Islandstraße 48 ies 
Von: Frank Vincentz 
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Freitag, 2. Dezember 2016

Alabama Crimson Tide ist das beste Footballteam der Welt

Blaue Flecke allüberall. An den Händen, den Unterarmen und erst recht an den Oberarmen. Erst an der Schulter wird es besser. Dort ist das Shoulder Pad. 32 Grad Anfang Oktober, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich stehe auf einer Rasenfläche in South Haven, Mississippi, Südstaaten, USA. Schwer atmend, blaue Flecken zählend und auf der Suche nach dem Gatorade. Der Zustand nach zwei von vier Stunden des täglichen Trainings.



Lange Jahre hatte es gebraucht, bis ich meine Football-Begeisterung ausleben konnte. Bereits zehn Jahre vorher als Junge in der Grundschule hatte ich nachts vor den Fernseher geschlichen, um beim Superbowl die Niederlage der Cincinatti Bengals gegen die San Francisco 49ers mit Joe Montana zu erleben. Zu meinem großen Leidwesen gewann das falsche Team. Denn – ich war jung – Cincinattis Helme im Tigerstreifendesign waren ja wohl das coolste, was es an Sportkleidung gab. Seitdem verfolgte ich den Football. Aber erst Mississippi, die große verschwitzte Umkleidekabine, das Feld, das Laufen-laufen-laufen und noch mehr-laufen, ließ aus dem Interesse eine Obsession werden.