Freitag, 11. November 2022

22-11-11 public static void()

Prinz Elon Musk küsste den verwunschenen blauen Vogel und verwandelte sich in Liz Truss. Die Explosion eines Unternehmens, das vor drei Wochen noch 44 Millarden Dollar wert gewesen sein soll, ist selbst für das Jahr 2022 spektakulär.

Wer Autounfälle faszinierend findet, für den ist hier der nicht-Paywall-Link zum New-York-Times-Artikel Two Weeks of Chaos: Inside Elon Musk’s Takeover of Twitter. Es fehlt allerdings der aktuelle Lieblingssatz der Zeitung: "Twitter, das gerade einen Großteil seiner Unternehmenskommunikation aufgelöst hat, hat auf unsere Anfragen nicht reagiert." Dafür steht die Anekdote im Artikel wie die Buchhaltung überprüfen musste, ob die Angestellten echte Menschen und keine Bots sind. 



Mir gefällt "die Twitter-Alternative", dieses Tröt, zur Zeit sehr gut. Aber ich glaube, die Nicht-Nerds werden kommen und es auf die Dauer nach ihren Vorstellungen umbauen. Es wird nur eine temporäre Bekanntschaft zwischen mir und Tröt werden. 

Finanzimperien fallen links und rechts  wie Kräne am Südkreuz. 

Der Restkran am Südkreuz steht noch. Wir fragen, uns schon, ob die Bauarbeiter noch arbeiten. Schon zwei Tage ohne Erdbeben. 

Hier im Haus arbeiten die Bauarbeiter noch. Im Treppenhaus tauchte eine Schubkarre auf. Das Hinterhaus hat die Zahl der Flutlichter auf dem Dach erhöht.

Weiterhin allerdings kein Heizungsbauer in Sicht. Gut, dass wir warm eingepackt sind. Nach der Strickjacke haben ich und der betriebsärztliche Augenservice im Rahmen der Untersuchung Bildschirmarbeitsplatz beschlossen, mein Accessoire-Game zu uppen - ich bedarf einer Lesebrille; die sich natürlich ungemein gut mit der Zopfmusterstrickjacke ergänzen wird.

Noch unbelesebrillt hangelte ich mich durch die Fernuni-Einsendeaufgaben "Java für Anfänger", die zu Montag abgabepflichtig sind. Ich habe an der Fernuni noch keine Aufgaben mit derart miserable Ausbeute abgegeben. Aber zum Glück reicht hier 1 von 100 Punkten. Das ist mehr eine "denkt noch an den Kurs"-Kontrolle als eine Wissenskontrolle.

Gestern ein ebenso erfreuliches wie überraschendes Telefonat mit der Vergangenheit über Pentabyte. 

Heute wird kommen: Trattoria a muntagnola. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird ein Menu Muntagnola bestellt werden.



Donnerstag, 10. November 2022

22-11-10 Bit Penguin

Das Büro steht noch, so wurde mir aus vertrauenswürdiger Quelle versichert. Ich blieb zu Hause, Ich empfing ein Paket mit Unterhosen, gute Nachrichten von der Fernuni und den internen Newsletter, der einem Herzensprojekt von mir in den letzten Wochen einen kleinen Artikel widmet.

Das Büro steht noch ebenso wie der schiefe Kranstumpf daneben. Außerdem: wenn der Kran fällt, dann vermutlich eher auf die Abteilung Finanzen als auf die IT; ich kann morgen wieder zurück an den Sachsendamm.

Der Schock, dass gestern Nachmittag 15 Meter neben mir ein tonnenschwerer Kranausleger auf die Erde stürzte, sitzt immer noch. Auch mit einem Tag Abstand, krass dass anscheinend wirklich niemand etwas passiert. Wahrscheinlich aber stürzte der Kran, als die Welt sich wieder etwas mehr in die normale Umlaufbahn zurückruckelte.

An einem Tag 

- platzt eine weitere große Krypto-Währungsblase. Die zweitgrößte Handelsbörse für Kryptowährungen FTX, implodiert, offensichtlich unter tatkräftiger Mitwirkung der größten Handelsbörse. 

- zieht Russland sich tatsächlich aus Cherson zurück, gesteht also mindestens intern ein wie sinn- und erfolglos der Angriffskrieg ist. 

- hat "Team Crazy" bei den US-Midterms schlecht und vor allem ohne Vorwärtsperspektive abgeschnitten. 

Die Welt am Abend des 9. Novembers 2022 war ein Stück weit mehr meine Welt als die am Abend des 8. Novembers 2022.

Natürlich sind die USA trotzdem politisch ganz anders als Deutschland. Und alleine der Versuch, das ganze anhand deutscher Verhältnisse zu erklären, ist, wie zu sagen: "Der Grand Canyon ist wie die Loreley, nur größer und trockener." 

Vor allem sind die USA vielfältiger. Auch politisch. Ein Ausdruck dessen entdeckte ich heute im New York Magazine. Dort gibt es seit Jahren einen Abschnitt "Lookbook" - Moderedakteure gehen zu einer Veranstaltung und fotografieren Streetstyle. Jetzt waren sie: 

At a Democratic Socialist Convention. 

Und mein:e Lieblingsdemokratische:r Sozialist:in in New York: "Bit Penguin, Electronics modifier, Bensonhurst."

Das New York Magazine war heute sowieso gut für Überraschungen:

Screenshot des New York Magazins mit Aufmacher "Mathias Döpfner, Part Murdoch, Part Musk"


Ein ausufernd ausführliches Porträt des Axel-Springer-Chefs und Politico-Inhabers Mathias Döpfner aus ungewohnter US-amerikanisch-großstädtischer-progressiv-zentristischer Perspektive.

Dem Porträt entnahm ich, dass Döpfer seinem Buddy Musk zuredete, Twitter zu kaufen. Und seitdem glaube ich, dass das ganze Twitter-Debakel nur eine von VW über Döpfner eingefädelte Intrige ist, um Tesla zu schwächen.

Auf Tröt las ich auch Interessantes. Aber dazu später mehr. Noch bin ich zu sehr damit beschäftigt Pumpkin Pie zu backen und auf Vermieter und/oder Heizungsfirma zu warten. Nachdem der Home-Office-Tag dazu verleitete, die Heizung anzustellen, quittierte die Gastherme unter lautem Getöse innerhalb von 20 Sekunden den Dienst. 

Aktuell 17 Grad. Aber ich bin ja seit gestern wohlgewärmter Zopfmusterstrickjackenträger.

Mittwoch, 9. November 2022

22-11-09 Kranfall zu Südkreuz

Action! Sie hält an die Aktion um mich herum. Nachdem ich schon auf dem Treppenhaus einen Trupp Bauarbeiter:innen traf (Wohnung, zweiter Stock, kein Bezug zum Hinterhaus) und dann beim Regenradeln einen Trupp Jogger, der aussah als wäre er Polizei in Ausbildung, hielt der Rest des Tages sein hohes Tempo durch.

Immerhin, einige Sachen scheinen vollendet zu werden.  Ich konnte mich guten Gewissens am Abend in die neue Strickjacke mit Zopfmuster schmiegen konnte. Über Jahrzehnte hätte ich ja Strickjacken mit Zopfmuster als Rentnerkleidung abgelehnt. Aber alleine, dass ich etwas Jahrzehnte lang machen konnte, zeigt, dass ich im Strick-Zopfmuster-Alter angekommen bin.  

Vorher war aber noch der Action-Moment des Tages. Bei dem wir Glück hatten, dass es keine Toten gab. Ein Kran auf der Baustelle neben dem Büro ist abgebrochen. Der Ausleger fiel zu Boden. Soweit wir erahnen können, war es so ein Mobil-Kran-auf-LKW. Das komplette Gebäude bebte. Der abgestürzte Kran-Teil fiel zum Glück auf leeren Grund. Mit etwas Pech hätte es auch das Dach über uns sein können. Soweit wir sehen konnten war niemand verletzt. Nichts außer dem Kran war kaputt. Wie man aus dem Südteil des Büros sehen kann, steht der Fuß des Krans reichlich schief. Gut, dass ich morgen sowieso von zu Hause arbeiten wollte.



Madame bestellte eine Waschmaschine. 

Heute fand eine US-Wahl statt, die im Wesentlichen sagt "Alles bleibt wie es ist." und auch "dieses 'wie es ist' ist echt kompliziert."

Heute hat Russland angekündigt sich aus Cherson zurückzuziehen, wobei Skepsis angebracht ist, ob es wirklich passiert. 

Ist Jubiläum der Deutschen Revolution (104 Jahre), der Pogromnacht (84 Jahre) und des Mauerfalls (33 Jahre).  

So viel Politik auf einmal kann ich textlich nicht verarbeiten. Als Zopfmusterstrickjackenträger fühle ich mich auch nicht mehr verpflichtet, es zu versuchen. 

Dienstag, 8. November 2022

22-11-08 KM468

Und Action! Spärlich sind die Tage an denen ich noch vor 7 Uhr morgens und vor dem ersten Kaffee bereits die halbe Küche fege - und die halbe Küche staubsauge; die Modellnummer unserer Kaffeemaschine herausfinde, die Zweitkaffeemaschine lokalisiere - und dann auch noch gleich eine Ersatzkanne für das gesprungene Kanne der KM468 bestelle. Und dann Kaffee.

Der Tag behielt diesen Modus bei - die Ereignisse wurden an sich erfreulicher, aber dieses Überraschungsmoment mit neuen Arbeitspaketen blieb erhalten. Wobei es nicht half, dass ich die Existenz eines vormittäglichen Drei-Stunden-Meetings komplett vergessen hatte. Dessen Auftauchen verbesserte den Rest der Tagesplanung nicht. 

Madame testete derweil experimentell, wie viele Oerstedt eine Gurke hat. Das Ergebnis liegt bei nahe Null. Wenn Madame nicht gerade gurkenforscht, lässt sie klarstellen: Keineswegs fuhr sie gestern nach Charlottenburg, um ein Fahrrad aufzupumpen. Sie fuhr zwar nach Charlottenburg - aber keinerlei Fahrräder wurden in ihrer Gegenwart aufgepumpt. Weder in Charlottenburg noch anderswo. 

Die nachmittägliche Dunkelheit erlaubt neue Einblicke. Entgegen meiner Thesen scheinen in der neuen Vattenfall-Deutschland-Zentrale am Bahnhof Berlin-Südkreuz doch Menschen zu arbeiten. Durch die erleuchteten Fenster kann man Veranstaltungen sehen, in denen gut gekleidete Personen Folien an eine Leinwand projizieren und andere zusehen. 

Näher am zu Hause, macht die Hinterhaus-Dach-Baustelle ungeahnte Fortschritte. In der Dunkelheit, mit Baustellen-Flutlichtern, sieht sie beeindruckend aus. Die Frage, ob es sinnvoll ist, ausgerechnet Mitte November Dachbalken und Dach komplett zu entfernen, möchte ich nicht stellen. Die Herren von der Baustelle sollen das Dach über unseren Köpfen bearbeiten wenn sie im Hinterhaus fertig sind. Bis dahin möchte ich an die Kompetenz der Bauarbeiter glauben.

Das Küchenthermometer bleibt bei 16 Grad morgens und abends. Für Euch getestet: Bei strahlendem Sonnenschein lässt sich ein Besprechungsraum mit großen Süd- und Ostfenstern auch ganz ohne energetische Nachhilfe auf 29 Grad bringen. Ich empfehle ihn aktuell Kolleg*innen als büroeigene Wärmestube. Zumal er Unterhaltungswert bietet. Durch seine Fenster lässt sich gelegentlich ein vorbeirauschender Staatsbesuch bewundern. 



(Die Strecke ist eine mögliche Strecke vom Flughafen zum Bundesministerium der Verteidigung. Die Zusammensetzung der Kolonne aus vielen Limousinen und wenigen Kleinbussen spricht für wichtigen Einzelbesuch. Es ist mir bisher noch nicht gelungen, er ergründen wer in dieser Fahrzeugkolonne saß)

Montag, 7. November 2022

22-11-07 Wie riecht Deutschland?

Madame fuhr nach Charlottenburg und ließ Fahrradreifen aufpumpen.

Das Küchenthermometer zeigte heute Morgen 15 Grad, ist aktuell bei 16 Grad. Noch ist das gut aushaltbar. Aber trotz des wärmsten Novembers aller bisherigen Zeiten, ist der Zeitpunkt absehbar, an dem wir die Heizung anschalten werden. (mit kurzem Gedanken an die Menschen weiter östlich in den beschädigten Häusern ohne funktionierende Heizung).

Nachdem sich ein komplettes journalistisches Genre namens "Energiespartipps" bildet, zitierte Madame einen besseren Artikel zum Thema aus dem Guardian. Quintessenz: Heat the Human, not the room. Und seitdem kennt mein Google schöne neue Wörter wie Indoormütze und Schlafmütze. Es freut auch meinen inneren Haushälter, der deutsche-Michel-Mützen als "Investition" verbucht, Heizgas hingegen als "Konsum".

Nebenan in der New York Times fand sich eine Anpreisung für die kürzlich verstorbene Julie Powell - frühe Foodbloggerin, mit dem Projekt alle Rezepte eine Julia-Child-Kochbuchs nachzukochen. Es führte zu einem Blog, einem Buch, Ruhm und einer Fernsehserie "Julie & Julia". 


Nachdem Madame aus Charlottenburg zurückkam, beschloss sie, dass Miesmuscheln nicht so sehr fein sind, sondern auch vergleichsweise nachhaltig. Man muss immerhin nicht das halbe Meer zerstören, um sie zu finden. Da sie von Natur aus in dicht besiedelten Kolonien leben, ist der Anbau auch unkompliziert und Antibiotika-frei. Außerdem konnten wir so schon für das Weihnachtsmenü üben.



Ich brachte vom Istanbul-Supermarket ein Büschel Petersilie mit. Und entdeckte an der Kasse WM-Duftbäume: Deutschland, Polen, Brasilien, Argentinien.. Fast hätte ich die 1,98€ alleine aus Neugier investiert. Dann aber fiel mir ein, dass die normale Insassenzahl unseres Autos >1 beträgt und dieses Experiment vielleicht nicht auf Gegenliebe fällt.

Nun aber sitze ich zu Hause und grüble "Wie riecht wohl Deutschland? Wie Polen?"

Sonntag, 6. November 2022

22-11-06 Zwerchfell mit Schuhbeck

Einige von Euch werden es mitbekommen haben. "Starkoch" Alfons Schuhbeck hat Steuer- und Justizprobleme. Das ist ein Thema für die einschlägige Presse, sendet Schockwellen durch die kulinarische Landschaft ebenso wie durch die Münchner Szene. Damit kann ich leben: was mich allerdings trifft, ist dass im Rahmen der Schuhbeckschen Geschäftsprobleme seine Gewürze zunehmend schwer zu bekommen sind. m

Mein hilft-beim-Grillen-bei-Alles-Gewürz die "Lamm Gewürzzubereitung zum Braten und Grillen" war zwischenzeitlich aus. Nur dank des Geburtstags bin ich wieder versorgt. Und konnte diese Zubereitung gleich bei einem Skirt Steak einsetzen. (Siehe Blogpost nebenan)

Rückblickend würde ich sagen, das Skirt Steak, aka Kronfleisch ist derart aromatisch, dass es keinerlei zusätzlicher Gewürze bedarf. Meine Güte.

Während ich so grillte, flogen die Kranichschwärme über das Haus, die ich schon weiter auf der Route gen Afrika vermutet hatte. Die Sonne schien stark genug, um uns auch Anfang November auf die Terrasse mit sich auf einen strahlen grünen Garten zu locken. Nebenbei bestaunte ich die Strauchrosen, die sich seit dem Frühjahrsrückschnitte von kniehoch hin zu drei Metern emporgeschossen hatten.

Dazu gelesen. Weiterhin "Putins People" (auf deutsch Putins Netz) - eindrucksvoll. Es ist eine Sache abstrakt zu wissen, dass es nach 1990 zu wilden Geldverschiebeaktionen und Machtübernahmen mit der Mafia, dem KGB und der Ex-KPdSU gekommen ist. Es ist etwas ganz anderes, davon detailliert mit Namen, genauem Vorgehen und Zusammenhängen zu lesen. Und zu lesen, wie Russland wurde was es ist.

Matthias Warning. Ex-Stasi-Offizier, Putin-Vertrauter und Nordstream-Lobbyist. Bild: Управляющий директор компании Nord Stream AG Маттиас Варниг von Пресс - служба Президента Российской Федерации Lizenz: Diese Datei stammt von der Webseite des russischen Präsidenten und ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0-Lizenz. Kurz gesagt: Du darfst die Datei vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen sowie Bearbeitungen davon anfertigen, solange du www.kremlin.ru als Urheber nennst

Passend dazu, hat der Focus - ausgerechnet der Focus - eine Zusammenarbeit mit dem Economist gestartet. Was mir erlaubt, einen Economist-Artikel auf Deutsch ohne Paywall zu verlinken:  Beitrag unseres Partnerportals „Economist“Russlands Elite erwägt eine Zukunft ohne Putin . 

Während das Institute for the Study of War schon seit Wochen detailfreudig darstellt wie Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin sich als neuer starker Mann zu präsentieren versucht, widmet sich der Economist den traditionellen Apparatschiks. Fazit: 

Die Elite [wird] in den nächsten Wochen und Monaten realisieren wird, dass es an ihr liegt, das Regime zu retten - vielleicht sogar ihr eigenes Leben. Bisher hätten die Mitglieder stets auf Putins Fähigkeit zum Erhalt des Regimes (und damit auch ihrer selbst) vertraut.

Mittlerweile würde Ihnen das Vertrauen in Putin fehlen, noch aus der Situation herauszukommen. 

Es gibt also drei Gruppen: Putin, dem eine überzeugend militärische Option fehlt, der auf Durchhalten setzt. Der darauf setzt, dass Kälte, Stromnot und innere Streitigkeiten Ukraine und westliche Partner destabilisieren. Seine Hoffnung ist, dass ihm die Ukraine zum Höhepunkt des Winters hin auf dem Silbertablett serviert wird.

Prigoschin/Kadyrow, die auf Eskalation setzen. Zumindest nach außen. 

Und die Apparatschicks, die das Thema gerne ganz los wären - aber nicht wissen wie und schon gar nicht, wie sie es loswerden ohne als Vaterlandsverräter dazustehen oder aus einem Fenster zu fallen.  

Samstag, 5. November 2022

22-11-05 WMDEDGT

Sieben Uhr. Wir wachen langsam auf und Madame bittet um Anschaltung des Radios. Bis ich mich zum Radio gedreht habe, hat im Deutschlandfunk die Presseschau mit den Kommentaren der Tagespresse begonnen. Ein journalistisches Genre, das mit bis heute erstaunt. "Die Nord-Olper Rundschau findet, dass die iranische Führung.." Warum? Für wen hat eine Relevanz, was die Nord-Olper Rundschau dem iranischen Regime empfehlen würde? Das Regime selber? Gibt es Menschen, denen der Kommentar der Rundschau noch ein Leuchtturm im wilden Wogen des politischen Meinungswesens ist? 

Über diesen Gedanken döse ich davon- Es ist Samstag, wir können dösend und internetlesend bis neun mit Kaffee im Bett bleiben. Gegen Neun treiben bis uns Frühstückshunger und ein vages Gefühl, dass es im Leben noch Anderes geben muss als Dösen-mit-Kaffe, aus dem Bett. Es folgt Frühstück mit Madames weltbestem Sauerteigbrot und diversen Aufschnitten. Der Deutschlandfunk ist inzwischen zum Wochenendjournal mit einem Bericht zur Rammstein Airbase fortgeschritten.

Die Mischung aus Das-doch-nicht-Weihnachtshotel-hat-endlich-die-Anzahlung-zurücküberwiesen und einer versuchenden auf-heute-begrenzt-Aktions-Werbemail eines Anziehzachen-Internetladens verleidet mich zum shoppen. Sie nennen es "Loungewear", ich sage dazu "IT-Fachkleidung."

Da es uns gestern zu kalt und dunkel war, um noch zum Bungalow zu fahren, packen wir langsam. Das Küchenthermometer zeigt 16 Grad, fühlt sich wach und ausgeschlafen wärmer an als die 17 Grad vom Abend vorher. Wir packen ein paar Nahrungsmittel, Unterwäsche und Bücher ein und machen uns auf Richtung Verlorenort.

Ich bitte Madame, ihren Laptop einzupacken. Mein Desktop-PC ist nicht transportabel und mein Laptop so malad, dass er auf Dauerstrom angewiesen ist. Denn heute ist der 5., der Tag von Was-machst-Du-eigentlich den ganzen Tag (WMDEDGT). Und mehr als drei Absätze kann ich auf dem Handy nicht bloggen. I need a Keyboard.

Der neu Lambda-besonnte Subaru fährt besser als seit Wochen. Fast hätte ich die Fahrt sich deutlich verzögert. Eine junge Frau mit Wolfsburger Kennzeichen ist verwirrt durch das Autobahndreieck Berlin-Funkturm. Das kann ich total verstehen. Nicht verstehen kann ich die Fast-Vollbremsung auf dem Mittelstreifen einer dicht befahrenen Stadtautobahn und das plötzlich nach-Rechts-Ziehen über zwei Spuren hinweg im Schritttempo auf die Ausfahrt. Zum Glück finden ich und alle Autofahrer*innen der näheren Umgebung rechtzeitig die Bremse, alle Autos und Insassen bleiben heil. 

Dazu läuft das Deutschlandfunk-Europa-Journal zum "Alltag im Kosovo." Madame liest im weiteren Verlauf der Fahrt vom Beifahrersitz aus die besten Stellen aus dem Guardian vor.

Bei der Ankunft gegen 12 begrüßt uns bereits ein Trupp Kraniche, der auf dem Acker neben der Ortseinfahrt steht. Es scheint die Sonne. Die neu errichtete Bank leuchtet einladend vor dem Haus, nach einer kurzen Gartenrunde lasse ich mich auf der Bank nieder und lese mich durch das Internet. 

Empfehlenswert zum Beispiel der Blog-Reisebericht "Mit Familie im Zug von Turku nach Venedig" in bisher fünf Teilen oder der Read-like-the-Wind-Newsletter der New York Times. Viel mehr Zeitungen und Feuilletons könnten doch auch mal Bücher besprechen, die nicht in den letzten drei Monaten erschienen sind. Madame liest derweil die aus Berlin mitgebrachte Print-Sonntags-FAZ.

Im Hinterkopf arbeitet die durch die Gartenrunde aufgeworfene Frage "Wenn die Wildrose neben der Mirabelle zu groß wird - wohin dann mit ihr?" Aber bisher ohne Antwort. 



Während wir sitzen, lebt das pralle Leben um uns herum. Auf des Nachbarshausdach setzt sich ein Reiher. Eine Vierergruppe Kraniche lässt sich von warmer Luft in Kreisbewegungen über uns nach oben treiben. Auf dem großen Wühlmaushügel vor uns landet eine Libelle. Admirale flattern ums uns herum. Am Ende lässt sich eine herbstermattete Hippiewespe (aka Gallische Feldwespe) auf meinem Arm nieder. 

Gartenbankblick

Der Kaptain schickt eine Signal-Nachricht vom Energiekostendrama. Immerhin: für den September-Strom gibt es eine ganz brauchbare Rückerstattung.

Es kommen die Nachbarn T und N vorbei. Sie sind auf dem zum Angeln und fragen ob wir heute Abend frisch geangelte Forellen haben möchten - aber hallo. Das Abendessen ist gesichert.

Gegen 14.30h ist die Sonne soweit um das Haus gezogen, dass die Bank im Schatten liegt. Die 11 Grad Außentemperatur sind doch etwas frisch zum Sitzen und wir ziehen auf die sonnenbeschienene Terrasse um. Irgendwann packt mich schlechtes Gewissen, dass ich ja nicht den ganzen Tag sitzen und lesen kann. Ich packe die Fernuni-Unterlagen aus und verlege mich aufs Sitzen und lernen.

Es geht: Zins, Zineszins, effektiver Jahreszins, Investitionskostenrechnung et cetera. Wir fragen uns, warum das kein Schulstoff ist. Mathematisch ist das im Vergleich zum Abistoff nun wahrlich kein Hexenwerk - und es hat im Gegensatz zu sich schneidenden Ebenen im dreidimensionalen Raum praktische Relevanz für fast Jeden.  



Um 16 Uhr, wird es dann auch auf der Terrasse zu kalt. Wir ziehen uns in den Bungalow zurück und beschließen erstmals diesen Herbst irgendwo so richtig zu heizen. Ich hole eine Armvoll Holz von hinterm Schuppen, Madame versucht sich am Entzünden des Eichhörnchenofens. Der Ofen kann sich anscheinend auch nicht mehr richtig erinnern, wie das mit dem Heizen funktioniert und leistet Widerstand.

Um mich vom effektiven Jahreszins bei stetiger Verzinsung abzulenken, spiele ich erst mit Duolingo, dann greife ich zu einem Geburtstagsgeschenkbuch "Putins People." Das Buch erschien 2020. Es hilft Vieles in der Welt zu erklären, was im letzten Jahr passiert ist. Ein gutes Geburtstagsgeschenk.



N ist derweil mit einer Forelle und einer Lachsforelle vorbeigekommen. Gegen 18 Uhr beginnt Madame mit der Zubereitung im Backofen. Dazu Schupfnudeln aus dem Kühlschrank und Salbeibutter, in Teilen aus dem Beet. Es schmeckt so fein, wie die Beschreibung vermuten lässt. 

Es knistert der Eichhörnchenofen, ich schwanke zwischen Putin und Zinseszins. Wir beschließen, dass es draußen schon sehr dunkel ist, und die Bettdecken warm und wir umziehen könnten. Vorher holen wir allerdings Schlafsachen/Loungewear/IT-Fachkleidung ins Wohnzimmer in die Nähe des Eichhörnchenofens. Niemand möchte in einen vier Grad kalten Schlafanzug schlüpfen.

Vielleicht mache ich aber auch noch eine Runde HIIT.