Freitag, 17. November 2017

Schwimmbad Berlin: Siemensstadt, Schwimmbad

Siemensstadt hat ein Schwimmbad? Selbst hartgesottene Berliner Schwimmer vergessen dieses Bad gerne; gelegen in einem Stadtteil, den außer Siemenstädtern niemand betritt. Fragt einen Berliner, der Euch Siemensstadt auf einem Stadtplan zeigen möchte und er wird ähnliche Probleme haben wie ein Deutscher, der South Dakota auf einer USA-Karte suchte.

Siemensstadt ist mehr richtig Berlin, aber auch noch nicht richtig Spandau. Das Bad liegt in der Großstadtregion zwischen Stadtautobahn, Heizkraftwerk, Gewerbegebieten und Flughafen. Selbst der Bäderfan, auf der Suche nach einem geöffneten Bad, findet hier nur schwerlich hin. Das Siemensstädter Bad gehört nicht zur Einflussphäre der Berliner Bäder: das Schwimmbad in Siemensstadt ist weder über die BBB-Website noch über andere Infokanäle, die von diesen betrieben werden, auffindbar.





Dazu: ein Gebäude, das nicht weiß, was es will. Ein achtziger-Jahre-Bau, der dem damaligen Trend zur postmodernen Unübersichtlichkeit folgt. Verspielt, unübersichtlich, mit Palmen und Galerien, schon das Spaßbad vorwegnehmend: aber dann doch nur ein 25-Meter-Becken mit 5 Bahnen.



Aber auch: das Bad gehört nicht zu den Berliner Bädern. Das heißt: es kostet weniger, hat länger auf, wird anscheinend sehr gut angenommen. Bei meinen Besuchen herrschte immer eine gute, freudige Atmosphäre. Zwar kommt niemand von Außen je nach Siemensstadt, aber anscheinend bewegt sich halb Siemensstadt in dieses Bad. Das Bad als Nachbarschaftszentrum: hier scheint es zu funktionieren.

Im Norden die Landebahn von Tegel, im Süden das Heizkraftwerk Reuter. Darum herum die ehemalien Siemens-Werkanlagen und Kleingärten.  Das Bad liegt im Versorgungs- und Funktionsbereich der Stadt. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Von Außen ist das Gebäude von der Vorderseite her nicht als Schwimmbad erkennbar, die Rückseite ist normal schon gar nicht zugänglich, weil es sich dort um nichtöffentliches Vereinsgelände handelt.

Das Bad ist Teil des Sport Centrums Siemensstadt mit mehreren Sportplätzen und mindestens einer Tennishalle. Das 1984 eröffnete Sport Centrum selbst war in den 1980ern ein Modellversuch ein großes umfassendes - Berlin hatte damals Geld - Breitensportangebot in einem Gebäude anzubieten und dieses dann durch einen Verein betreiben zu lassen. Sozusagen ein früher Versuch einer Public-Private-Partnership, die anderen Westberliner Bäder befanden sich zu der Zeit noch sicher im Besitz der jeweiligen Bezirke.

Überregional bekannt ist das Gebäude - trotz gelegentlich anderer Pressemitteilungen der Betreiber gar nicht - selbst berlinweit habe ich Zweifel - wenn man denn außerhalb der Siemensstadt mal davon gehört hat, dann durch das "Blaue Band der Spree", die bundesweit wichtigste Veranstaltung für Breitensport-Tanz.

Gebäude


Unübersichtlich. Ein großes Foyer, dort ein Herr am Empfang, der mich informiert, dass ich entweder bei ihm persönlich oder am Automaten zahlen kann. Ich zahle persönlich, kriege eine Wegbeschreibung „die Treppe runter, dann immer dem Geruch folgen“. Die ganze Architektur des Multifunktionsgebäudes habe ich nicht verstanden. Aber die Schwimmhalle liegt zentral neben dem Eingang auf zwei Etagen. Darum gewickelt das Restaurant – weitere Gebäudeteile müssen dann links liegen.


Rechts zu den Umkleiden, geradeaus ins Restaurant. Schwimmbecken mit Blick auf diverse Höfe.Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Beim zweiten Besuch bin ich klüger, gehe gleich an den Automaten.  Der macht ein lustiges Hin- und Her-Spielchen mit meinem Fünf-Euro-Schein um sich nach anderthalb Minuten des Hin- und Herschiebens dann doch zu entscheiden ihn nicht zu nehmen. Aber den Zehner wollte er dann haben. Direkt dahinter die Umkleiden.

Umkleiden / Duschen


Ein Kellerraum. Keine Auszeichnung nach Geschlechtern und das Gehe-durch-die-Einzelkabine-und-auf-der-anderen-Seite-ist-der-Spind-Prinzip. Der Schuh/Badeschlappen-Wechsel erfolgt in der Kabine. Alles wirkt nicht schlimm, aber doch so als hätte es schon bessere Zeiten gesehen.

Informell scheint es in der Woche durchaus eine Aufteilung in Frauen- und Männerbereich zu geben, ich bin natürlich im informellen Frauenbereich gelandet. Alles in Weiß, die Schlüsselbänder grässlich.

Als Pfand für den Spind benötigt der Besucher hier kein Eurostück, sondern die Eintrittskarte (die ich schon direkt hinter dem Drehkreuz im Schließfach gelassen hatte) - also musste ich den ganzen Weg zurück und die Eintrittskarte noch mal holen. Das passiert aber auch nur einmal, beim zweiten mal hat man dann die Karte dabei.

Die Duschen sind auch eher weiß und unspektakulär, relativ stark in Gemeinschaftsbereiche, Einzelduschen und Doppelduschen geteilt. Für jede Duschvorliebe sollte hier etwas dabei sein,

Schwimmhalle


Groß. Mit Galerie, einer kleinen Aussichtsplattform (mit echten Palmen!) ein relativ flaches 25 Meter Becken (ein Teil stehbar, der andere Teil 180cm), lateral ein Nichtschwimmerbecken mit einer Rutschenkonstruktion in der Mitte und diversen angelagerten Babybecken – der Babybeckenbau über mehrere Etagen wirkt zumindest optisch nett.



Fensterfronten nach draußen (auf einen Durchgangsweg zwischen Parkplatz und Sportplätzen) bzw. in das Foyergebäude und das Restaurant. An der Wand noch nette Wandgemälde von einer Art Schiff.

Das ganze soll schon sehr aufgelockert wirken, hat diese dezidiert nicht-rechteckige Unübersichtlichkeit, die auch das Spreewaldbad oder das Freizeitforum Marzahn auszeichnen. Nur, seien wir ehrlich, dem Bad in der Siemensstadt fehlt die Opulenz Kreuzbergs und auch die gelassene Freundlichkeit des Marzahner Bads. Dafür ist dieses von den drei Bädern das älteste.

Das Schwimmbecken war dann mittelwarm, an einem Ende die Rückenschwimmerfähnchen und mit Standardverkachelung. Das Nichtschwimmerbecken konnte ich nicht testen, nach drei Sekunden wurde ich von einer jüngeren Dame, die anscheinend zum Bad gehört, wieder aus dem Becken geworfen. Ich verstand nicht genau, was sie alles sagte, aber es ging um „nur für Kunden.“ Letztlich war es dann ein Babyschwimmkurs, der dort stattfinden sollte,

Gleichzeitig wurde dann noch im Schwimmerbecken ein Teil der Bahn für einen Aqua-Irgendwas-Kurs abgeschnitten. Ich beschloss, dass um 10:00h die Zeit für Schwimmer vorbei ist.

Publikum


Ach du meine Güte. Es war Montag, das Wochenende war kulturintensiv aber bewegungsarm gewesen und ich freute mich darauf, mal ein wenig Strecke zu machen und mich auszubewegen. Der Plan starb, als ich das volle Becken sah. Geschätztes Alter jenseits der 70, viele drei-ältere-Damen-nebeneinander-Schwimmerinnen, Querbeckenläufer und anderes, eine tapfere Frau mit
Schwimmkappe und Brille, die wahrhaftig versuchte Kraul durch die Massen zu slalomnen,

Das war voll, und obwohl ich länger da war, tauschten sich zwar die Menschen aus, Durchschnittsalter, Dichte und Schwimmstil blieben gleich. Was mir seit Hohenschönhausen auch nicht mehr begegnet ist: so viele Menschen im Becken, die mich so skeptisch anschauen „was will der denn hier?“

Deutlich anders am Wochenende: obwohl das Spaßbaden erst für später angesetzt war, war das Bad voll: Kinder, Kinder und Kinder mit Eltern. Anscheinend liefen mehrere Kurse parallel im Becken, das Nichtschwimmerbecken war voll und dazwischen übten auch Einzelaltern mit Einzelkindern schwimmen „Ach, eine Bahn Kraul hin- und zurück kannst du doch.“ Trotzdem ging Schwimmen überraschend gut und selbst als einziges Nicht-Kind fühlte ich mich willkommen.

Gastronomie


Ein echtes Restaurant (vage gutbügrlich) mit echter Karte und deutlich angepriesenen Seniorentellern. Dem Blick in das Restaurant nach zu urteilen, wurde es auch gut angenommen, mein persönliches Seniorenlimit für den Tag war allerdings erreicht und ich habe dann auch freiwillig auf den Espresso verzichtet.



Was ein Fehler war. Beim zweiten Versuch war ich dann doch dort, stellte fest, dass ich noch mehrere Restauranträume übersehen hatte, das Personal extrem freundlich und auf so eine hemdsärmelig-Berliner-Art extrem nett war. Der Espresso war weit überdurchschnittlich, unaufgefordert bekam ich ein Glas Wasser dazu und das an mir vorbeigetragene Essen sah auch für Schwimmbadverhältnisse weit überdurchschnittlich aus. Kein Wunder, dass es das Restaurant wieder ziemlich voll war.


Preise / Öffnungszeiten

Tja, die Preise waren knapp. 4 Euro oder drunter, die Öffnungszeiten reichlich (jeden Tag von 6.30h oder 9.00h bis 17.30h oder 22.00h, an allen Tagen entweder morgens früh oder abends lang oder beides.).








Dann kam die Sommerpause, soweit normal, und der große Regen. Laut Website des SC Siemensstadt stand die komplette Technik unter Wasser. Hier das Video des Vereins vom 22. Juli:




Mittlerweile ist das Bad wieder offen. Und Wunder über Wunder. Irgendetwas ist fast immer frei und man kann Kurse online buchen. Sind halt nicht die Berliner Bäderbetriebe in der Siemensstadt.

Fazit



Falls mir jemand eine Zeit verrät, an der es Platz zum Schwimmen gibt, komme ich gerne wieder.. Oder anders gesagt: ein beliebtes Bad, mit sehr enger familiärer Athmosphäre, einer überraschend ansprechenden Gastronomie, das sich trotz seines verbauten 80er-Jahre-Stils auch als Schwimmbad tapfer hält. Wird zudem nicht von den Berliner Bädern betrieben, hat also deutlich bessere Öffnungszeiten und Preise. Ein sympathisches Nachbarschaftsbad - nur kann man halt ob seiner Beliebtheit anscheinend nicht Schwimmen.

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