Donnerstag, 3. August 2017

Der kleine Apfel James Grieve

Es war einmal ein kleiner Apfel. Der kümmerte vor sich hin. Während seine große Schwester wuchs und wuchs, die später nachgepflanzte Birne zum Überholen ansetzte und selbst die aus dem Nichts auftauchende Mirabelle den Apfel schon bald überragte, mückerte der kleine Apfel. War es die Wühlmaus? Die Brandenburger Trockenheit? Oder doch eine Kombination der beiden?

Bis eines Jahres ein Unwetter das nächste jagte. Die Menschen konnten gar nicht rechtzeitig die Schlauchboote aus dem Keller holen konnten, bevor sie dort schon wieder gebraucht wurden. Weiden wandelten sich in Seen, Äcker in Feuchtgebiete. Auf jedem Quadratzentimeter lebten eine Fantastilliarden Mücken - und der Apfel wuchs und wuchs.



In unserem Garten, der noch vor recht kurzer Zeit ein Acker war, also rein und leer, stehen mittlerweile zwei Äpfel: Alkmene und James Grieve.  Beide bekamen wir von unseren Eltern geschenkt, beide holten wir wurzelnackt aus einer Brandenburger Baumschule bei Werder – Obstbaumgebiet. Gezüchtet und gewachsen sind sie in einem Klima, das dem unseren ähnlich ist. Während Alkmene sich von Anfang an prächtig machte, Äste nach links und rechts und oben ausstreckte, der Stamm an Größe und Masse zulegte, als würden wir ihn mit Apfel-Anabolika füttern,  kümmerte James Grieve vor sich hin.

War es die Wühlmaus, die in der Nähe tätig war und dem Flachwurzler ganz besonders zusetzte? Die ungünstigere Stelle mit mehr Wind? Oder braucht der in Schottland gefundene James Grieve trotz aller gegenteiligen Händlerbeteuerungen doch mehr Wasser als die in Brandenburg gezüchtete Alkmene?

Man soll nicht immer nur auf die Äpfel achten. Links ein James-Grieve-Blatt: länglich, glatt, elegant. Rechts Alkmene: runder, höher/dreidimensionaler, gebogen und mit kurzem Stil.


Aber James Grieve kommt. Die Gespinstmotten des Frühsommers scheint der Baum überstanden zu haben. Dieses Jahr ist der Baum als Baum zu erkennen. Mittlerweile überragt er mich deutlich. Ich muss meine Arme ausstrecken um an die Spitzen der Äste zu gelangen, und auch mit einer Hand umfassen lässt der Stamm sich nur noch mühselig. Madame begann dieses Jahr das erste mal die Äste zu erziehen, herunterzubinden und festzuziehen - schließlich wollen wir aus ästhetischen und prgamatischen Gründen lieber einen Apfel mit breiter Krone in Griffhöhe als einen schmalen hohen Baum.

Weil das mit den Blättern so nett ist, hier die Rückseite. Lang/glatt (James Grieve) lässt sich auch rückwärtig von rund/strukturiert (Alkmene) unterscheiden.


Und obwohl 2017 ein berauschend schlechtes Apfeljahr in Berlin/Brandenburg wird, scheint James Grieve Äpfel tragen. Vier Früchte hängen noch am Baum. Aber noch sieht es gut aus. Sollte 2017 das Durchbruchsjahr für den James Grieve im Ländchen Glien werden?

Ein Alter


Wie James Grieves' große Schwester in unserem Garten - Alkmene -,  gehört James Grieve zu den sogenannten „Alten Apfelsorten“. Das heißt in diesem Fall stammt die Sorte aus dem späten 19. Jahrhundert. Seine Blütezeit im kommerziellen Anbau ist lange vorbei, aber in Hausgärten ist James Grieve weiterhin verbreitet.

Nun kann und darf man „Alte Sorten“ auf keinen Fall überromantisieren. Diese Sorten entstammen meist dem kommerziellen Anbau aus der Zeit des Manchester-Kapitalismus. James Grieve wurde 1880 in Schottland entdeckt. Die Jahrhundertwende war der Zeitpunkt der Apfelmania als zahlreiche Gärtnereien begannen jedes Jahr neue Apfelsorten zu züchten, Feinschmecker im Aroma zwischen Dutzenden Äpfeln zu unterscheiden lernten, Wettbewerbe veranstaltet wurden, jedes Jahr neue beste Sorten landauf- landab angepriesen wurden. Sprich: eine Mischung aus sich ausprägender Nahrungsmittelindustrie und frühen Hipstern machten den Apfel zur In- und Superfrucht der damaligen Zeit.



Tatsächlich stammt eine Vielzahl der bis heute erhaltenen „Alten Sorten“ aus dieser Zeit des Apfelhypes. Eine Sorte wie James Grieve, wohlschmeckend und dazu noch dem schottischen Klima trotzend, musste einschlagen. Der Baum selbst war ein Zufallsfund, er wuchs einfach. Vermutlich stammt er von einem wild abgeblühten Cox Orange ab, womit er eine Gemeinsamkeit mit Alkmene hat.

Während Alkmene aber mühselig in einer preußischen wissenschaftlichen Anstalt bei Frankfurt/Oder von Hand gekreuzt und gezüchtet wurde, fand hier der Gärtner James Grieve den Apfel wild wachsend, zog ihn bei seinem Arbeitergeber auf – heute ist an dieser Stelle der Zoo von Edinburgh – und nur wenige Jahre später gewannen James Grieve, der Gärtner, mit James Grieve, dem Apfel,  alles an Apfelpreisen, was das Vereinigte Königreich zu bieten hatte.

James Grieve brachte nie so viel Ertrag wie Golden Delicious, war nie ganz so lecker wie Cox Orange. Aber insbesondere weil er früh reif wird (August-September), jede Menge Saft hat und sich bestens mit anderen Bäumen verträgt, war er zwar nie eine dominierende Apfelsorte, aber lange sehr präsent.

War lange


Mittlerweile können James-Grieve-Fans froh sein, wenn die Sorte noch unter den Top 100 der angebauten Sorten ist und das wohl auch nur aufgrund von Altanlagen, die nicht gerodet wurden. Der Apfelmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. James Grieves Qualitäten sind weniger bedeutsam geworden. Nachteile, wie die mangelnde Transport- und Lagerfähigkeit wiegen schwerer

Während in Brandenburg im Jahre 2007 beispielweise noch 9.000 kommerziell genutzte Alkmene-Bäume standen, waren es nur noch 3.000 James-Grieve-Bäume. Beides sind aber nur Nischenäpfel, selbst in Brandenburg – ein Landstrich für den sich vergleichsweise gut eignen – stellen sie zusammen kein ganzes Prozentd des kommerziellen Anbaus. Verbreitete Sorten wie Jonagold oder Elstar kommen auf 310.000 bzw. 270.000 Bäume im Bundesland.

Zahlen für den Hausgarten fand ich keine, aber ausgehend vom üblichen Angebot in Baumärkten, Gärtnereien etc. ist James Grieve im Garten weiter verbreitet als im Alkmene. Er hat einiges zu bieten.

Ein Anspruchsloser


Obstbäume in Brandenburg zu pflanzen bedeutet für den Baum, er muss einiges abkönnen. Im Laufe der Jahrzehnte wird der Äpfel einige Polarwinter über sich ergehen lassen ebenso wie den einen oder anderen Dürresommer. Auch wenn es im Sommer 2017 schwer zu glauben erscheint: Die meisten Jahre ist es bei uns sehr trocken. Falls wir nicht täglich zum Garten fahren und gießen wollen, was wir nicht wollen, sollte ein Apfel trockenstress-resistent sein. 

Dank Klimawandel wird das Klima in den nächsten Jahrzehnten absehbar extremer: Also kommen im Zweifel mehr Polarwinter und auf jeden Fall mehr Dürreperioden.

Frosthart scheint er zu sein. Bisher überstand er alles gut,


James Grieve kann das angeblich alles ab. Aber als ob sich der Apfel schon von Beginn an darauf einstellt unter schlechten Bedingungen zu vegetieren und nur ungenügende Umstände zum Leben zu haben: Er wächst nicht stark und hat sehr unregelmäßige Wuchsphasen. Selbst unter optimalen Bedingungen bleibt er im Vergleich zu anderen Äpfeln auf gleicher Grundlage(*) klein.

Neben seiner Härte im Nehmen besitzt James Grieve eine weitere wertvolle Eigenschaft. Er eignet sich als Befruchter für fast alle anderen Äpfel. Apfelbäume benötigen mindestens einen zweiten Baum in der Nähe, von dem die Hummeln dann die Pollen hin- und hertragen können. Die Bäume müssen allerdings kompatibel sein und auch gleichzeitig blühen.





James Grieve ist mit fast allen Sorten kompatibel. James Grieve ist sogar eine der wenigen Sorten, für die das oben gesagte nicht gilt, die sich selbst am eigenen Baum befruchten kann. Sprich: ein James Grieve in der Gegend macht alle anderen Äpfel besser. Und auch: wenn die Bienen alle sterben, müssen wir nicht auf Äpfel verzichten, sondern nur noch James Grieve essen. 

Ein Gravensteiner-Ersatz


Nun ist James Grieve geschmacklich kein Cox Orange und vermutlich nicht mal eine Alkmene. Dennoch sind sich die Testberichte und Anbauerfahrungen einig, dass der Apfel für eine Alte Sorte aromatisch ist.

Seitdem ich mich für Wikipedia mal ausführlicher mit dem Gravensteiner Apfel beschäftigte, feststellte, weiss ich, dass Gravensteiner wie Cox Orange einer der besten Äpfel überhaupt ist. Wie Cox Orange ist Gravensteiner aber natürlich auch dementsprechend zickig in seinen Anforderungen.

Echte Geschmacksproben waren bisher mangels essbarer Äpfel in ausreichender Anzahl nicht drin.


Ich bin umso erfreuter, dass James Grieve auch gerne als Gravensteiner-Ersatz für schlechtere Anbaugegenden empfohlen wird. Mein persönliches Standardwerk zu Äpfeln, der Obstsorten-Atlas rät: „In Gebieten mit nur mäßigen Sommerniederschlägen oder nicht durchgehend befriedigender Bodenfeuchte ist James Grieve der ähnlich reifenden Sorten Gravensteiner vorzuziehen.“

Aber der Unterschied ist auch klar. Die einschlägige Literatur beschreibt James Grieve als „würzig-aromatisch, wertvoller Tafelapfel.“ den Gravensteiner hingegen als „herrlich duftend, edel gewürzt, ausgezeichneter Tafelapfel“

Der Unsrige


Ja, schwer war es. Der Apfel mit den eleganten Blättern tat sich schwer. Wuchs kaum. Im ersten Jahr rollte er kaum seine Blätter aus. Im zweiten waren es dann mehr Blätter, aber ob die Äste wuchsen? Wir wussten es nicht. Vielleicht half mehr Mulch? Mehr Dünger? Konsequenteres Vertreiben der Wühlmaus?

Mittlerweile bekommt ja jede etwas größere Pflanze, die in den Garten kommt, einen unterirdischen Käfig aus Kaninchendraht gegen die Wühlmaus. Aber James Grieve pflanzten wir zuerst, noch jung und naiv. Auf jeden Fall entfernten wir alle Äpfel vom Baum. Der Baum soll wachsen und nicht seine Energien verplempern.



Langsam kommt er an.
 
Letztes Jahr dann der erste geerntete Apfel und das erste mal der Eindruck, dass der Baum überhaupt ernsthafter wächst. Zu lange warteten wir mit der Ernte, die Würmer holten sich alle Äpfel zuerst. Die Reste die wir dem Wurm mit Hilfe eines Messers entringen konnten, machten Lust auf mehr.

Dieses Jahr jetzt ein Baum, der – wohl auch dank des mehrfachen Regenweltuntergangs hier – in diesem Jahr mehr an Astwachstum und Stammdicke zugelegt hat, als in den Jahren zuvor. Zurzeit ist er sogar ungezieferfrei. Und mit noch vier Äpfeln, die allerdings aufeinander sitzen. Erntereif sollte er Ende August sein. Ich bleibe gespannt.

Und außerdem


Ein Lächeln überzog meine Lippen als ich las, dass 2015 ausgerechnet das Prinzenbad eine Patenschaft für einen James Grieve übernommen hatte – das war zwar eine Marketingaktion bei der für meinen Geschmack deutlich zu oft die Wörter „Szene“ und „nachhaltig“ fielen – aber immerhin, es sorgte zeitweise einen James Grieve im Schwimmbad, der es bis zum eigenen tazblog-Artikel schaffte.

Weiterlesen


Die Iberty-Artikel zu Garten und Kleintierzoo liegen unter Kleintierzoo.- die Sammlung. 

Wie zu jeder halbwegs verbreiteten Apfelsorten existiren auch zum Thema James Grieve eine Fantastilliarde Internetseiten, die jeweils dieselben – manchmal auch stark voneinander abweichende – Basisinfos zu einzelnen Äpfeln voneinander abschreiben. Immer nur drei Infos, und die sind selten konsistent. Kennen oder wahrnehmen muss man diese Seiten alle nicht.

Für Basisinfos hingegen ist der Wikipedia-Artikel zu empfehlen – den habe ich ja auch selbst geschrieben – oder auch die staatlichen Stellen und Obstbauberatungen (oder auch die Bayern). Auch okay, die Obstsortendatenbank des BUND Lemgo. Allerdings sollte dem Leser da klar sein, dass die meisten Infos und Scans aus >100 Jahren alten Büchern stammen.

Immer nett Rosie Sanders: Das Apfelbuch mit einer schönen Seite zum James Grieve. Schöne Zeichnungen, kurze, informative Texte. Besonders lesenswert in der guten deutschen Übersetzung, weil hier ein offensichtlich englisches Gartenbuch mit englischer Sortenauswahl und vielen Anglizismen auf die Übersetzung sehr deutschlandspezifischer Gartenbegriffe und altertümelnder deutscher Sortennamen trifft. Ein nettes crosskulturelles Zusammentreffen.

Nicht direkt zum James Grieve, aber allgemein hilfreich für den Apfel- und Birnenbau: die häufigsten Krankheiten und Schädlinge, Symptome, Biologie und Folgenden des Landes Berlin

Bei Interesse an Obst auf jeden Fall anschaffenswert: der Obstsorten-Atlas in seiner aktuellen aber durchaus auch in älteren Ausgaben. Konzentriert sich auf den Erwerbsanbau,  denkt dabei aber durchaus auch an Direktvermarkter und andere kleinere Produzenten; und gerade bei älteren Ausgaben: viele der ehemals kommerziellen Sorten existieren mittlerweile ja nur noch im Hausgarten.

Im Internet für die Harten: Die Baumobstanbauerhebung 2007 des statistischen Landesamtes Brandenburg:  „Ziel der Baumobstanbauerhebung ist es, die Gesamtfläche des Baumobstanbaus sowie die Obstarten,  die  Obstsorten  (bei  Äpfeln  und  Birnen),  die  Anbausysteme,  die  Pflanz-  und  Umveredelungszeitpunkte  und  den  Verwendungszweck  des  Obstes  jeweils  nach  der  Fläche  und  der  Zahl der Bäume zu ermitteln und so Informationen über die Betriebs- und Anbaustrukturen des Baumobstanbaus zu gewinnen.“

Und wer wirklich alles über historischen Obstanbau in Brandenburg wissen möchte: Hier bitte: Erhaltung und multivalente Nutzung obstgenetischer Ressourcen am natürlichen Standort unter obstbaulichen landespflegerischen und landschaftsökologischen Gesichtspunkten

Anmerkungen


(*) Kein Apfel wächst auf seinem eigenen Stamm. Die Edelreiser, also das was die Sorte und den Apfel ausmacht, werden auf einen anderen Stamm einer anderen Sorten geproft, von dem dann die Wurzeln und die Basis des Stammes stammen. Größe und Wuchs des Apfels bedingen sich vor allem aus diesem Basisstamm, die Basis kann dabei vom großen Baum bis hin zu einer Brusthohen Säule reichen. Die Sorte des Edelreisers hat auch einen Einfluss, der ist aber deutlich weniger ausgeprägt. Die Bezeichnungen „Halbstamm“, „Hochstamm“ etc., die es im Handel gibt, sagen theoretisch nichts über die Grundlage aus, sondern geben nur an, in welcher Höhe die ersten Äste abgehen. Praktisch ist es aber meistens so, dass bei den höheren Ansätzen auch kräftigere Unterlagen genutzt werden.

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