Sonntag, 19. Juni 2016

Schwimmbadnachtrag: Nuklearparkplatz

Das von mir geschätzte Turm-Erlebnisbad in Oranienburg ist doch immer wieder für einige Überraschungen gut, die Nachträge zum Turm-Artikel rechtfertigen. Neben den zahlreichen Überwachungskameras, die das Schwimmbad bis vor kurzem lückenlos abfilmten, wie jetzt öffentlich wurde, hat es auch der Standort des Bades in sich.

Lehnitzsee (1)

Das Schwimmbad liegt idyllisch am Oder-Havel-Kanal nahe des Lehnitztsees. Bild. Lehnitzsee nördlicher Bereich des westlichen Ufers. Von: Jumbo1435 Lizenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported


Das Turm-Schwimmbad steht am Lehnitzsee auf dem ehemaligen Werksgelände der Auerwerke. Die Auerwerke wiederum begannen ihre Existenz unscheinbar als früher Produzent von Gas-Glühstürmpfen und zogen in den 1920ern von Berlin nach Oranienburg. Für Gas-Glühstrümpfe wiederum benötigt man Thorium. Dieses wird einerseits aus sogenannten Monazitsanden gewonnen, andererseits lässt sich Thorium in spaltbares Uran-233 erbrüten. Dass ihr Produkt etwas mit Radioaktivität zu tun hatte, entdeckte Auer recht früh und versuchte erfolglos die radioaktive Zahnpasta Doramad zu vermarkten.

„Was leistet Doramad? Durch ihre radioaktive Strahlung steigert sie die Abwehrkräfte von Zahn u. Zahnfleisch. Die Zellen werden mit neuer Lebensenergie geladen, die Bakterien in ihrer zerstörenden Wirksamkeit gehemmt. Daher die vorzügliche Vorbeugungs- und Heilwirkung bei Zahnfleischerkrankungen. Poliert den Schmelz aufs Schonendste weiß und glänzend. Hindert Zahnsteinansatz. Schäumt herrlich, schmeckt neuartig, angenehm, mild u. erfrischend. Ausgiebig im Gebrauch.“
Radioaktive Zahnpasta ist aus heutiger Perspektive nicht empfehlenswert, fällt aber noch in die Irrungen und Wirrungen der Geschichte und einem naiven Umgang mit Technologie.

Zeitlich ist die Doramad-Produktion aber auch der Punkte an dem die Geschichte um Oranienburg und Auer unheimlich wird. Oranienburg hatte selbst für Verhältnisse deutscher Kleinstädte eine unselige NS-Geschichte mit dem KZ Sachsenhausen, SS-Wachtruppen-Ausbildungslagern und den Heinkel-Werken aus denen die deutschen Jagdflieger stammten. Oranienburg ist die deutsche Kleinstadt in der noch die meisten Weltkriegsbomben in der Erde liegen. Gründe, Oranienburg zu bombardieren gab es einige.

Bei Auer wurden ab 1933 die jüdischen Miteigentümer aus dem Unternehmen gedrängt und Auer selbst ging an Degussa. Im Besitz der Degussa war Auer an der deutschen Forschung zur Atombombe beteiligt. Während andernorts geforscht wurde, standen in Oranienburg die Produktionsanlagen mit denen Thorium und spaltbares Uran gewonnen wurden. Es gab dort auch größere Vorräte an Monazitsanden, Thorium und Uran. Etwa 1944 bekam die US-Army mit war dort vor sich ging. Zu diesem Zeitpunkt war auch klar, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, Deutschland in verschiedene Besatzungszonen aufgeteilt würden werde und Oranienburg in der sowjetischen Zone enden würde.

Somit würden also Fabrikaktionslanlagen und Rohmaterialien, um Atombomben herzustellen, in die Hände der Sowjetunion fallen. Im März 1945 flog die US Air Force einen großen Angriff auf Oranienburg und den Verschiebebahnhof neben dem direkt die Auerwerke lagen. Auch wenn offiziell der Bahnhof das Ziel war, ist wohl davon auszugehen, dass vor allem Auer getroffen werden sollte.

Und wie das so ist, wenn große Menge radioaktiven Materials mit Bomben getroffen werden: Sie verteilen sich. Aufgrund des Bombardements und anderer Auer-Hinterlassenschaften strahlt Oranienburg so wie sonst in Deutschland nur noch der Schwarzwald. Auf dem ehemaligen Auergelände gilt das natürlich ganz besondern.

Zum Teil wurde vor der Turm-Eröffnung 2002 die Erde komplett abgetragen. Zum Teil aber auch nicht. An einigen Orten, wie dem Parkplatz, liegt Sand über der ehemaligen Erde und darüber dann Asphalt. Wer wollte, könnte sich aber in die strahlende Zukunft zurück graben auf dem Parkplatz.






Freitag, 17. Juni 2016

Traktorfreitag: Traktoristen

Traktoristen und Traktoristinnen. Sie sind ein unterschätztes Thema. Nach Fritz der Traktorist letzte Woche, nähern wir uns dem Thema heute etwas textlastiger. Dennoch wird es auch ein kleines musikalisches Intermezzo geben.

Wie bereits letzte Woche kurz angerissen: Fritz hat einen Text, der aus heutiger Sicht eher bescheuert-naiv klingt, aber 1950 zur Entstehungszeit des Liedes Propaganda war. Die damals noch weitgehend selbstständigen Bauern der DDR sollten in die LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) nach sowjetischem Vorbild getrieben werden. Es sollten keine Einzel- und Kleinbauernbetriebe mehr existieren, sondern die Feldern sollten in kollektivierter Landwirtschaft bestellt werden.

Mit dem Traktor zur LPG

 

Wer Bauern kennt, weiß, dass Bauern sehr stur sein können. Insbesondere würden sie schon gar nicht niemals nie und überhaupt nicht freiwillig auch nur einen Quadratmeter Boden aus der Hand geben. Überzeugungsarbeit war gefragt.

In den 1950ern, von denen wir beim Traktoristen-Thema vor allem reden ging es tatsächlich noch um Überzeigung. Zumindest in der dieser Zeit war es in der DDR eher noch der Versuch zu überzeugen und zu gängeln als echter alternativloser Zwang. Das System, Bauern ohne Alternative in die LPGs zu zwingen, sollte noch einige paar Jahre auf sich warten lassen. Also versuchte es die Staatsführung in den 1950ern mit einem Mittelweg aus Gängelung und Propaganda: und was lag da näher als schöne Lieder über das neue kollektivierte Landleben zu schreiben?

Bundesarchiv Bild 183-19148-003, Grosskochberg, der beste Traktorist

Der beste Trakterist-der MTS Grosskochberg (Kreis Rudolstadt) ist der Trakterist Gerhard Kästner mit einer Leistung von 75 ha mittleres Pflügen, reine Feldarbeit. Diese Leistung erreichte er hauptsächlich durch die Anwendung der Gerätekopplung. Bundesarchiv, Bild 183-19148-003 / CC-BY-SA 3.0


Aber worüber gingen die Lieder? Die Kollektivierung brachte Vor- und Nachteile. Ein Vorteil des kollektivierten und damit größeren Betriebs ist die Arbeitsteilung, die das Arbeiten im allgemeinen effektiver macht. Ein anderer Vorteil des Großbetriebs besteht darin, dass es für einen größeren Betrieb einfacher ist, sich moderne Technik zu halten. 1950er waren Fuhrwerke, Pferde und andere Tiere noch weit verbreitet in der Landwirtschaft. Traktoren waren Neid erzeugendes High-Tech-Spielzeug. Der Traktor war die Zukunft, Technik und Fortschritt. Unbegrenzte Energie aus rauchender Maschine statt lahmer Ackergaul!

Und außerdem: Wie jeder Iberty-Leser weiß: Traktoren sind ja sowas von cool. Und dann gab es in den Kollektivbetrieben Menschen, die nur Traktor fahren? Das sollte doch ein Traum für jeden Jungen sein. Die Aussicht nur noch Traktor fahren zu dürfen, sollte die Bauern in Scharen in die LPGs locken.

Sprachwanderungen


Aber wenn schon eine neu geschaffene Funktion existiert - jemand, der nur Traktor fährt - dann bedarf es auch eines neues Wortes für diese Funktion. Das Wort Traktorist selbst kam aus dem Russischen (Тракторист), das den Traktoristen wiederum aus dem Latein hatten. So wie diverse Wörter des DDR-Vokubulars aus anderen Sprachen über das Russische ins Deutsche wanderten.

Ein anderes schönes Beispiel neben dem Traktoristen ist die Kombine, auf westdeutsch Vollernter oder Mähdrescher. Die Kombine kam aus dem Russischen (комбайн kombain), das das Wort aus dem amerikanischen Englisch übernommen hatte. Dort heißt die entsprechende Maschine Combine Harvester. Es ist doch nett, Anglizismen in der DDR zu entdecken, wo der Westen gute deutsche Wörter wie Vollernter verwendete.

Aber zurück zum Traktoristen. Im Russischen und den Nachfolgestaaten der UdSSR ist der Begriff Traktorist immer noch verbreitet, wie folgendes Video zeigt. Es folgt ein kurzes musikalisches Intermezzo:



Traktoristinnen

Man sollte nicht immer nur von Traktoristen sprechen, sondern auch von Traktoristinnen. Zumindest eine handvoll Traktoristinnen existierten tatsächlich. Die DDR gab sich allerdings große Mühe, es mehr wirken zu lassen. Die Traktoristinnen spielten in der Propaganda eine große Rolle, wurden gerne im Zeitungen und später im Fernsehen gezeigt und auch international vorgeführt. Praktisch und auf dem Felde allerdings gab es kaum Traktoristinnen.

Anscheinend hat es jede Frau, die je in der DDR auf einem Traktor saß, geschafft, im Neuen Deutschland porträtiert zu werden. In diesem Bereich klafften Anspruch und Wirklichkeit der DDR weit auseinander. Viele Traktoristinnen auf Propagandabildern, wenige Traktoristinnen im Acker. Wobei die Lücke nicht nur im Traktorwesen im engeren Sinne klaffte. Sie erstreckte sich auf die ganze Landwirtschaft der DDR. Auch in den LPGs durften im Wesentlichen die Männer mit den Maschinen spielen und die Frauen bekamen die langweilige Büro- und Hausarbeit ab. Mittlerweile wird das sogar erforscht: es gibt Gender-Studies-Studien zu Geschlechterverhältnissen in LPGs.

Bundesarchiv Bild 183-R90251, Rehfelde, Traktoristin
Traktoristin Franziska Küster auf einem Traktor der MAS Rehfelde. 3331-49 17.5.1949. Bundesarchiv, Bild 183-R90251 / CC-BY-SA 3.0


Die Genderforschung zum Thema LPG scheint mit heute deutlich weiter und ausführlicher zu sein, als die Aufarbeitung des Traktoristen an sich. Nach den 1950ern wird es um Traktoristen erstaunlich ruhig. Er verschwindet aus Propaganda, Musik und Bundesarchivbildern. Über den Traktoristen nach 1960 ist es schwer, nähere Informationen zu finden. Anscheinend ist der Traktorist seit den 1950ern still zurück ins Feld getreten ohne dass er noch größere Beachtung bekommen hat. Nachdem die DDR-Führung sich entschieden hatte, dass Gängelung und Zwang doch effektiver im Umgang mit Bauern war als Propaganda, tauchte der Traktorist so hervorgehoben kaum mehr auf.

Bundesarchiv Bild 183-66070-0001, VEG Pinnow, Traktoristin und Aktivistin
Traktoristin und Aktivistin Maria Plewka. Seit 6 Jahren ist die 25jährige Maria Plewka auf dem VEG Pinnow, Kreis Oranienburg, Traktoristin. Bis 1953 hat sie als Landarbeiterin gearbeitet und dort die Fahrerlaubnis abgelegt. Sie ist den Arbeitskollegen ein gutes Vorbild. Mit ihrem RS 30 pflügt sie, pflegt ihn selbständig und leistet alle vorkommenden Arbeiten. Im Herbst zog sie auf der Raupe die Winterfurche.Bundesarchiv, Bild 183-66070-0001 / Martin / CC-BY-SA 3.0

Im Nachhinein ist es bereits schwer, nachzuvollziehen, ob Traktorist wirklich eine echte Berufsbezeichnung war oder ob der Traktorist einfach derjenige bezeichnet wurde, der gerade auf dem Traktor saß. Da es sich allerdings um die DDR handelte, waren vermutlich ein Diplom und eine Bescheinigung und eine Erlaubnis vorgesehen, um Traktorist zu sein.

Es hätte nicht zum Staat gepasst, einfach so jeden dahergelaufenen Landbewohner auf die Traktoren zu lassen. Andererseits läuft auf dem Land immer alles etwas pragmatischer und informeller ab, als in der Stadt. Auch bei diesem ländlichen Pragmatismus scheint mir die DDR keine Ausnahme gewesen zu sein. Die genaue Stellung des Traktoristen nach 1960 erfordert noch Recherche. 

Traktoristische Imageprobleme


Auf jeden Fall allerdings war die Stellung des Traktoristen nie so glamourös wie Fritz es vermitteln will. Interne Untersuchungen aus der DDR aus den 1970ern fanden heraus, dass Traktoristen aus einer Auswahl von 30 Berufen fast den niedrigsten Status aller Berufe hatten. Noch schlechter schnitten nur Hilfsarbeiter und poltische Berufe ab, ganz vorne waren Ärzte und Professoren.

Das Image der Landwirtschaftlichen Berufe war auch in der DDR schlecht. So wundert es nicht, dass niemand in der Landwirtschaft arbeiten wollte. Das Klagen über mangelnde Arbeitskräfte auf dem Land, zieht sich durch die Geschichte der DDR. Letztlich konnte anscheinend nicht mal die Aussicht Traktor fahren zu dürfen die üblichen Probleme der Arbeit in der Landwirtschaft - schräge Arbeitszeiten bei oft schlecthem Wetter, Knochenjob, man lebt im Kaff - ausgleichen. Zumal die Traktoristen im Verhältnis zu all' den anderen Berufen der LPGs doch nur eine geringe Zahl der Mitarbeiter ausmachten. Die Strahlkraft des Traktoristen reichte nicht aus.

Und nach 1990 war dann sowieso alles anders. Über die Auflsung oder Weiterbestehen der LPGs könnte man noch viel schreiben - immerhin hat Juli Zeh mit ihrem roman Unterleuten damit bereits angefangen (lest diees Buch, auch wenn fast keine Traktoren vorkommen!) - aber das ist eine anderer Exkurs.

Stellenanzeigen für Traktoristen findet man zumindest noch heute, auch aus Westdeutschland. Allerdings ist der Traktorist kein klarer Beruf (mehr). Die Anforderungen eines potenziellen Traktoristen belaufen sich im Wesentlichen auf den entsprechenden Führerschein. Erfahrungen in der Landwirtschaft wären den einschlägigen Stellenanzeigen nach auch hilfreich.

Der Traktorist, gestartet wie ein Mähdrescher und geendet wie ein Handbollerwagen..

Zum Abschluss


Und weil ja heute Freitag und Wochenende ist, noch etwas längeres zum Abschluss. Die Komödie "Traktoristi" von Mosfilm (mit englischen Untertiteln);

Mittwoch, 15. Juni 2016

Ostmusik

Letztens stieß ich doch ein paarmal auf Musik aus Ostdeutschland. Uwe hat mich auf die Spaßcombo Possenspiel hingewiesen, die zwar so dezent-anstregende Texte hatten (lustig!), aber musikalisch auch mehr funky waren als ich der DDR je zugetraut hätte. Ich stieß auch Chicoree, die zwar musikalisch eher typischen lyrisch-melancholischen Ostrock machten, aber zumindest Preise für den genial-bescheuertsten Bandnamen bekommen sollten.

Und Marcus tadelte mich, weil mir die Dithmarscher-Erzgebirgsche Co-Produktion "Die immer lacht" - zur Zeit immerhin Platz 2 der deutschen Charts - so gar nichts sagte. Drei musikalisch ostdeutsche Entdeckungen innerhalb weniger Tage. Und das mir! Sollte ich da tatsächlich etwas übersehen haben? Sollten aus der DDR und ihren Nachfolgebundesländern musikalische Highlights hervorgegangen sein, die sich mir bisher entzogen?

Und das ausgerechnet mir, der ich ja selbst größere Teile der 90er in Leipzig verbracht habe und mich da intensiver mit Popmusik beschäftigt als je vorher oder nachher. Sollte ich nicht den kompletten 80er/90er-Kanon der sächsisch-thüringisch-brandenburgischen Musik auch nachts um drei im Schlaf können? Sollte es noch mehr geben? Habe ich bewegendes übersehen? Was gab es noch?

Musiker aus Brandenburg


Um das Thema überschaubar zu halten, habe ich versucht mich auf Brandenburg zu beschränken. Dank der Bibliothek Potsdam gibt es zum Thema eine ausführliche und fast aktuelle (September 2014) Übersicht: "Musiker aus Brandenburg. Kurzbiografien der in der Sondersammlung Musik aus Brandenburg“ der Musikbibliothek der Stadt - und Landesbibliothek Potsdam vertretenen Musiker."

Deren 65 Seiten sind nicht vollständig und haben anscheinend insbesondere was die 2000er angeht Lücken, bieten aber von Büchsenschütz, Gustav über Bach, Carl Philipp Emanuel und Paul van Dyk bis hin zu Blutiger Osten und der Fercher Obskisten Bühne doch eine große Auswahl. Was gab und gibt es denn so an Brandenburger Musik?

Chart-Fernseh-Schlager natürlich. Den lasse ich mal weitgehend aus. Der ist halbwegs bekannt und musikalisch halbwesg uninteressant - scheint zudem eher aus anderen Teilen der DDR gekommen zu sein als ausgerechnet aus Brandenburg. Der einzige Name, der mir da wirklich was sagte, war Wolfgang Lippert - nun ja. Spannender sind in der Richtung Gerhard Gundermann und Achim Mentzel, die ich jetzt aber auch für eingeschworene Westdeutsche als bekannt voraussetze.

Beat und Rock


Zu den unbekannteren Episoden der DDR-Musikgeschichte gehörte die Beat-Musik, die allerdings schon kurz nach ihrem Aufkommen wieder verboten wurde. Die Sputniks aus Berlin (1963-1966), die Butlers (1962-1965) aus Leipzig oder Scirocco (1964- ) aus Potsdam existierten zu kurz oder waren zu stark gegängelt um eine eigenen Identität zu entwickeln. Scirocco war die einzige Band, die länger existierte und für den größten Teil der Zeit haben die dann eher unerträglichen Schlager produziert. Für mich klingt das eher so als wäre die Entwicklung des Beats zusammengebrochen als die Bands noch dabei waren, englische Bands zu kopieren. Hätte was werden können, ist es aber anscheinend nicht.

Mit dem klassischen Ostrock - in Brandenburg beispielsweise vertreten durch die Puhdys oder Keimzeit (1980- ) - konnte ich ja nie was anfangen. Mag daran liegen, dass die Bands ihre Hochzeit so zwischen 1975 und 1985. Als ich sie dann kennenlernte, waren sie 10 bis 15 Jahre hinter ihrer Blütezeit. An sich schon kein gutes Alter für eine Rockband, und umso schwieriger, wenn sich zwischendurch das komplette Umfeld geändert hat. Um mal ein Beispiel zu nennen. Keimzeit. Eine Brandenburger Band deren Appeal sich mir stets verschloss. Mittlerweile kann ich in der Wikipedia nachlesen:

In den 1980er Jahren erspielte sich die Band auf tausenden Konzerten eine treue Fangemeinde, vor allem im jetzigen Bundesland Brandenburg. Konzerte mit mehr als fünf Stunden Spieldauer waren keine Seltenheit. Die Abende wurden – über den eigentlichen Auftritt hinaus – zu teilweise sehr alkohollastigen Partys. Die Auftritte wurden zudem meist abseits vom staatlich gelenkten Musikgeschäft der DDR organisiert, zum Beispiel in Dorfkneipen mit ihren Veranstaltungssälen. Ende der 1980er Jahre wurde der Band kurzzeitig die Spielerlaubnis durch die staatliche Künstlerorganisation entzogen.

Im DDR-Kontext klingt das ziemlich großartig. Danach im Nachwendewesten wirkt es wie aus der Zeit gefallen.

Wendezeit

Bewegung kam in den späten Achtzigern in die Szene. Zumindest in den größeren Städten war der Staat deutlich weniger präsent und es begannen sich subkulturelle Szenen zu bilden. Es wurde dunler-untergroundiger und die Kontrolle ließ offensichtlich nach. Diese Zeit der Offenheit und Unbeständigkeit war Zeit der Experimente und Entwicklungen. Dabei ist ein echter Generationsbruch über wenige Jahre zu sehen, der sich in verschiedener Musik ausirchtete,

Meine Erfahrungen in Leipzig, war dass die Menschen de zur Wende etwa 20-25 waren, also in den Achtzigern popmusikalisch sozialisiert waren in einem Depeche Mode Land lebten. Ausgehend von der Musik muss die DDR zu der Zeit echt ein melancholischer, düsterer, geradezu lyrisch angehauchter Staat gewesen sein. Außerhalb der Großstadt entwickelten sich zudem noch eine große Folkszene, die beispielsweise das eher biedere Volksmusiktreffen in Rudolstadt bis heute zur wichtigsten Veranstaltung für Folk- und Weltmusik in Deutschland emporhob. Auch die zahlreichen ostdeutschen Mittelalterbands würde ich auf die Folk-Szene der DDR zurückführen.

Die Generation etwas jünger: zur Wende etwa 15-20 Jahre alt - hörte dann schon Punk, Handcore, Oi. Musik die hart war und weh tun soll. Gerne auch mal etwas künstlerischer angehaucht. Als Beispiel mal Sandow aus Cottbus mit einer eher ruhigen Nummer.



Ebenfalls zu der Zeit entstand die Neonazi-Szene, die uns ja auch bis heute beschäftigt. Aber abgesehen davon, dass es Nazis sind, machen sie auch elendig grottige Musik und müssen uns deshalb hier nicht weiter beschäftigen.

Nach der Wende entstanden aus der Punk/Kunst/Hardcore-Szene jede Menge Punkbands. Ich glaube das Ostdeutschland der 90er war eine schier unerschöpfliche Quelle von Schlager-Deutschpunkbands, die ihre Instrumente nicht so richtig bedienen konnten. Anscheinend kamen die vor allem aus Sachsen (Leipzig) und Thüringen. Dennoch gibt es auch einige Brandenburger Deutschpunkcombos. Eine Erwähnung ehrenhalber sei Bier Icki Ütsch aus Postdam für den originellen Namen gewidmet. (und wer jetzt verwirrt ist, folge diesem Link) Typischer aber sind eher die Babelsberg Pöbelz.

Aber es war auch spannender mit 44 Leningrad.



Außerhalb der lokalen Szene deutlich bekannter, auch Nachwende, gegründet 1990 in Potsdam: die Band Subway to Sally. Die eine Mischung aus handgemacht dem düster-lyrisch-melancholischen einerseits und recht hartem Rock spielen. Mir persönlich zu unspannend und unentschlossen, aber auf jeden Fall mit Erfolg.

Überraschungen


Bei soviel Punk, Melancholie und dem düsteren in der Musik gab es dann auch Überraschungen für mich. G.E.S. aus Cottbus ist eine Band, die ich der DDR nicht zugetraut hätte. Eine ordentliche staatliche Amiga-veröffentlichende Band mit Fernsehauftritten und Auslandsaufenthalten, aber doch so anders. Die DDR hatte eine echte Disco-Band. "It's raining man" aus Cottbus in Miami-Vice-Outfits. G.E.S.!



Auch eher untypisch war Metal. Die Metaller waren im Osten eher Blueser - ein Thema, das schon fast ein eigenes Buch lohnen würde .Aber auch Metal gab es. Biest aus Jüterbog südlich von Berlin - war es die einzige Metalband der Welt, die je die Auszeichnung als "Hervorragendes Volkskunstkollektiv” bekam? - spielten bluesigen Metal.

Noch untypischer war Hip Hop. Es scheint genau eine Hip Hop Band gegeben zu haben, die jemals offiziell wahrgenommen wurden. Die ist so - naja. Jede musikalische Entwicklung fängt mit schlechtem Kopieren der Originale an und die DDR brach zusammen, bevor sich eine DDR-Hip-Hop-Szene bilden konnten. Aber auch in Westdeutschland war es mit dem HipHop immer schwierig, und die westdeutschen Bands hatten weniger Probleme an die Originale zu kommen. (Zum Vergleich zur selben Zeit erschien beispielsweise De La Souls Me, Myself and I) Es war eine erste Aneignung und was aus einer originären DDR-Hip Hop Szene hätte werden können wer weiß. So aber bleibt uns nur die Electric Beat Crew aus Schulzendorf etwas östlich von Berlin.




Und jetzt?


Und nu? Die Neonazi-Szene ist recht aktiv mit einem Musikstil, den ich mal unerträglich-einfältigen Deutschpunk nennen würde. Subway to Sally gibt es noch. Schlager gibt es auch noch, immer mal wieder auch erfolgreich durchgepoppt. Bürger Lars Dietrich stammt aus Postdam. Doreen Steinert ist vor allem bekannt als Ex-Verlobte von Sido, hat aber auch mal bei einer Casting-Sendung gewonnen. Auch wenn ich mich nach Ansicht ihres Unplugged-Videos Frage: warum? Jeanette Biedermann lebt mittlerweile in Brandenburg und betreibt eine Pop-Schlager-Combo namens Ewig. Muss man auch nicht kennen. Wirklich spannendes aus Brandenburg aus dem hier und jetzt habe ich noch nicht gefunen. Virginia Jetzt! kann doch nicht alles sein! Ziehen die potentiellen Musiker heute wirklich alle mit 17 nach Berlin und gründen dann da ihre Bands? Ich glaube ich muss noch weitersuchen für das hier und jetzt.

Als Abschluss aber doch noch ein Fundstück aus dem hier und jetzt: Punkabilly, Depeche Mode und Achim Mentzel. Alles in einem Song! Yes!

Dienstag, 14. Juni 2016

Schwimmbäder nah und fern: Einige Nachträge

Bei meinen diversen Schwimmbadposts sind ja einige Fragen offen geblieben. Teils habe ich die im Text gestellt, teils habe ich sie mir auch nur gedacht.

Nun bin ich seit einiger Zeit Besitzer des praktischen Büchleins Bäderbau in Berlin. Architektonische Wasserwelten von 1800 bis heute. Einerseits kann ich das Buch natürlich nur empfehlen. Faszinierende Geschichten, noch faszinierende Fotos, Hintergrundinformationen und Wissen über jede Menge Bäder deren Existenz ich nicht einmal erahnte (Admiralsbad! Blub! Viele viele Fluss- und Seebadeanstalten). Zum anderen beantwortet das Büchlein aber auch einige Fragen.

Bundesarchiv Bild 183-Z0318-028, Berlin, SEZ, Wasserkaskaden
Bäder, die ich leider nicht mehr besuchen kann. Das SEZ in Friedrichshain. Immerhin ausführlich gewürdigt im Buch. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-Z0318-028 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0


Beim Stadtbad Schöneberg fragten wir uns, was aus den Wannenbädern wurde. Das weiß ich immer noch nicht. Aber immerhin ist jetzt gesichert, dass sie existierten. Die Wannen befanden sich in den Obergeschossen des straßenzugewandten Kopfbaus hin, während im Erdgeschoss des Kopfbaus die Angestellten des Bades wohnten. Außerdem erfuhr ich, dass auch in Schöneberg die großartige, großartige Konstruktion eines Glasdachs geplant worden war, die dann Budgetkürzungen zum Opfer fiel. Schufte! Gebaut wurde das Bad übrigens mit extrem knappen Budget um den dringenden Bedarf in Schöneberg abzuhelfen und die Nutzung war für nicht mehr als 20 Jahre geplant. Dafür allerdings hat sich das Bad gut gehalten.

Zum Stadtbad Mitte ist mir bei aller Begeisterung entgangen wie revolutionär es damals war. Es handelte sich um die größe überdachte Schwimmhalle Europas. Die 50-Meter-Bahnen in der Halle waren eine absolute Novität. Auch dass Frauen und Männer im selben Becken badeten war 1930 revolutionärer als es aus dem Jahr 2016 betrachtet aussieht. Schade allerdings, dass der ehemals auf dem Dach seinede Ostseestrand - zum Liegen und Sonnen - den Zeiten zum Opfer gefallen ist.

Das Stadtbad Wilmersdorf, das ich ja besonders liebe, weil es sich schon immer halb wie ein Freibad anfühlt, ist tatsächlich so geplant. Der Architekt schrieb damals unter anderem von einem "überdeckten Teich.. der eben nicht als Halle fühlbar wird, nicht als Innenraum, sondern nur noch überdachendes Zelt." Ziel erreicht würde ich sagen. Geschätzt hatte ich seine Bauzeit in die 1950er, tatsächlich wurde es 1961 eröffnet. Wobei in dem Buch ein Foto des Bades von 1963 ist, das noch eine Glaswand mehr zeigt als heute vorhanden ist. So ist das mit den Büchern. Sie beantworten Fragen und werfen neu auf: was wurde aus der Glaswand?

Das Stadtbad Lankwitz, von mir auf die 1960er geschätzt, stammte von 1967 bis 1970. Irgendwie fällt es selbst diesem Buch schwer, etwas interessantes zum Bad zu sagen, außer, dass es ungewöhnlich quadratisch ist.

Die diversen Kombibäder (Mariendorf, Seestraße, Gropiusstadt und noch diverse andere, die ich bisher nicht live gesehen habe) gehen auf einen standardisierten Typus der Firma Ibaco aus Velbert zurück, die diese Bäder quer über Berlin abwarf. Das Bad in Mariendorf war das letzte einer Fünfer-Serie. Das Bad in der Seestraße kam dann als Nachzügler einige Jahre später, ist ja auch optisch verändert und sollte ursprünglich auch ein Wellenbad haben.

Ich staune: die mittlerweile halb zugebauten Mosaiken in der Weddinger Seestraße, die mir nach dem Kunst-Leistungskurs des örtlichen Gymnasiums aussahen, kamen von einem Künstler mit Wikipedia-Artikel.Aber vielleicht lag es auch nur an der Zeit: die überraschende Erkenntnis, dass die naive Kunst aus dem VHS-Kurs damals für teuer Geld renommierter Künstler eingekauft wurde, traf mich mittlerweile nicht nur in Schwimmbädern, sondern auch in Unigebäuden, öffentlichen Plätzen und anderen öffentlichen Orten. Und fast immer lag die Zeit ihrer Entstehung zwischen 1980 und 1985.

Soviel zu den Berliner Bädern. Mir ist auch aufgefallen, wieviele Bäder ich noch nicht kenne und bei wievielen davon die absurde Öffnungszeitenpolitik der Berliner Bäderbetriebe sich auch jegliche Mühe gibt, mir einen Besuch zu verwehren.

Aber noch ein Nachtrag außerhalb Berlins. Diesmal nicht aus dem Buch. Zum mir ja eigentlich sympathischen Turm Center Oranienburg. Im Schwimmbad hingen bis vor kurzem 40 Überwachungskameras "Sieben Jahre lang wurden der Eingangsbereich, Wasserrutschen, die Sammelumkleide, das Sole- und das Sportbecken sowie Kellerräume, die nur für Mitarbeiter zugänglich sind, per Kameras kontrolliert." schreibt die MOZ. Örgs.

Schwimmbadblogs nah und fern

Ein kleiner Hinweis auf den Tagesspiegel und kleines und viel zu kurzes Porträt des wunderbaren Schwimmbadblogs.

„Also, ich nehm' ja keine Drogen, aber ich bin schwimmsüchtig! Deshalb kennt sie fast alle Berliner Bäder so gut wie ihre Schwimmtasche. Und fragt man sie nach Öffnungszeiten, so hat sie diese wie auf Knopfdruck parat. Egal wie unregelmäßig die Betriebszeiten gerade wegen Personalnot und diverser Pannen sind. 

Und hier geht es ohne Umweg über den Tagesspiegel direkt zum Blog,

Montag, 13. Juni 2016

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia mal werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiss nicht mal, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven


Chiara Ohoven

Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm


Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittersten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk


Glenn Danzig at Wacken Open Air 2013 02

Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Anstregenheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikpedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Vebrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

München


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Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbare Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.


Freitag, 10. Juni 2016

Traktorfreitag: Fritz

Nach den letzten Posts musste das jetzt sein.



Und weil ich ja auch nicht anders kann, noch der Hinweis, dass das Lied nicht ganu so bescheuert naiv ist, wie es für heutige Ohren klingt. Das Lied stammt von 1952(?), der Begriff Traktorist war erst seit Ende der 1940er Bestandteil der deutschen Sprache und kam erst mit Kolchosen und LPGs überhaupt in den DDR-Sprachgebrauch. Anfang der 1950er leisteten noch genügend Bauern erbittert Widerstand gegen die Kollektivierung. So naiv wie es klingt, das ist der Soundtrack zur Zwangskollektivierung.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Schwimmbäder nah und fern: Sommerbad Wilmersdorf

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: das Sommerbad Wilmersdorf


Berlin sommerbad wilmersdorf eingang 22.05.2011 17-04-30

Yeah!  Es ist Freibadsaison. Endlich an Wind und Sonne, raus ins Grüne, Rasen, Pommesgeruch und bewegte Luft. Da ich die Berliner Bäder immer noch nicht davon überzeugen konnte, die Freibäder von März bis Dezember zu öffnen, wird es jetzt Zeit. Zuerst einmal natürlich ins persönliche Stammbad: das Sommerbad Wilmersdorf.

Entstanden ist das zeitgleich mit dem bekannteren Kreuzberger Prinzenbad öffnete es 1956. Es wurde gebaut auf dem Gelände eines ehemaliges Gaswerks. Heute liegt es inmitten eines größeren Sport/Parkbereichs zu dem auch noch das Stadion Wilmersdorf gehört. Irritierenderweise befindet sich das Bad gar nicht in Wilmersdorf, sondern in Schmargendorf. Ältere Berliner sollen das Bad auch Lochowbad nennen, nach einer vorbeiführenden Straße, die bis 1968 Lochowdamm hieß. Von diesen älteren Berlinern habe ich aber noch keinen getroffen.


Gelände

20.000 Quadratmeter Liegewiesen. Platz! Es sei denn man kommt bei über 30 Grad. Vom Eingang geht es direkt zu Umkleidebereichen/Duschen etc. Dahinter sind die Becken, dann kommen die Wiesen. Ein Grund, warum ich Freibäder mag: die Anmutung von Raum wird hier betont. Als kleinerer Park ginge das Bad auch durch.

Die Becken sind von dunklen Hecken eingefasst, was einen schönen Kontrast zum Hellblau des Wassers ergibt. Mein besonderer Liebling ist aber der Eingangsbereich, der einerseits nach 50er-Jahre-Leichtigkeit aussieht, andererseits auch nach Strand und Urlaub. Anscheinend wurde der Eingangspavillon seit seinem Bau kaum mehr verändert. Dazu kommt im Eingangsbereich noch ein schicker Brunnen mit Bär, ein Rosenbeet -und Lavendel  selten kriegen Berliner Bäderbetriebe einen Eingangsbereich hin, bei dem ich mich willkommen fühle.


Sommerbad wilmersdorf brunnen

Umkleidekabine/Dusche/Fön

Der Umkleide- etc. -bereich sollte bitte sofort unter Denkmalschutz gestellt werden, so wunderbar wie er aus der Zeit gefallen ist. Die Umkleidekabinen sind aus Holz und stilistisch noch weitgehend identisch mit den älteren Umkleidekabinen der Vorkriegsvolksbäder. Daneben Schließfächer (Schloss bitte selbst mitbringen), die neueren Datums zu sein scheinen, in ihrer unaufdringlichen Funktionalität aber gut zum Rest passen.

Erstaunlich, dass es der Umkleidebereich schafft, selbst bei 30 Grad immer kühl und feucht zu sein. Die Toiletten und die Duschen - dem Schild nach noch "Brausen" - sind eher neuer. Von der Anmutung eher so Schulsport der 1970er und sehen auch so aus wie unsanierte Schulen der 1970er - ich verdenke es niemand, der sein Duschen auf die Kaltwasserdusche direkt neben dem Bad beschränkt.

Einen (!) Fön habe ich nach längerem Suchen im Herrenbereich dann auch noch gefunden. Für langhaarige Hippies, die bei 20 Grad kommen, scheint das Bad nicht gedacht.

Schwimmbecken

Ein Schwimmbecken, 50 Meter (!), acht Bahnen, umgeben von dunklen Hecken, davon eigentlich immer zwei Bahnen für ernsthafte Schwimmer abgetrennt. Wenn man nicht gerade bei 30 Grad ins Freibad geht, auch immer mit Platz. Manchmal muss man sich halt entscheiden ob man lieber die Kampfradler des Schwimmbads in der Sportbahn über sich ergehen lässt oder das Risiko der kleinen Kinder eingeht, die im restlichen Bereich fröhlich von den Startblöcken hüpfen.

Daneben liegt ein extra Sprungbecken mit 5 und 10-Meter Turm. Es gibt auch noch kleinere, flachere Becken. Diese Becken sind aber so gut in den Wiesen versteckt, dass ich sie noch nie bewusst wahrnahm. Und ich weiss, ich wiederhole mich: aber es gibt doch nichts schöneres als leichten winderzeugten Wellenschlag beim Schwimmen. 


Publikum

Wie das bei Freibädern so ist: unter 25 Grad ist man allein mit drei anderen Menschen und dem Personal, über 25 Grad wird es voll, bei 30 Grad muss man leider mit Handtuch im Becken stehen, weil es keinen anderen Platz mehr für das Handtuch gäbe und man sich auch nicht mehr wirklich bewegen kann. Immer wenn ich da war, egal bei welchem Wetter, war die Stimmung angenehm entspannt. Das Publikum wesentlich ist jünger und diverser als in Hallenbädern, erfreulicherweise auch mit wenig stressigen Jugendlichen, dafür mit vielen lauten Kindern und nicht-so-stressigen-Jugendlichen. Über Jahre beobachte ich nun mittlerweile bei jedem zweiten Besuch den wirklich sehr sehr braungebrannten älteren Herrn mit wechselnden Partnern beim Freiluftschach.

Gastronomie

Pommes, Burger, Wurst etc., was ich halt im Freibad erwarte. Der "Snackpoint" wurde dieses Jahr umfassend renoviert, um nicht zu sagen, neugebaut, seit einigere Zeit auch mit neuen Tischen, Stühlen etc. Auch sonst scheinen die Snackpoint-Betreiber engagiert: es gab schon lustige Fotoaktionen, dieses Jahr wenn ich es recht mitbekommen habe ein Konzert und man ihnen von Jahr zu Jahr zusehen, wie sich etwas tut. Freundliche Mitteilungen auf den Schildern können sie auch,

Preise/Öffnungszeiten

5,50, das Übliche in Berlin.

Täglich 7 bis 20 Uhr! Extra in dick und mit Ausrufezeichen: es gibt neben Schöneberg noch ein Bad, bei dem man sich tatsächlich merken kann wie es geöffnet hat,

Sonstiges 

Die Morgenpost schreibt "das Sommerbad Wilmersdorf und ist sehr gepflegt und hat einen freundlichen Charakter." Den freundlichen Charakter unterschreibe ich sofort. "Sehr gepflegt" ist allerdings nur ein passendes Attribut, wenn der einzige Vergleichsmaßstab die anderen Berliner Bäder sind.


Eine Sondererwähnung gilt noch den Fahrradständern, die ich ebenfalls in die späten 70er/frühen 80er verorten würde. Entstanden als der Kreuzberger Bügel noch nicht verbreitet war, den Menschen aber schon bewusst wurde, dass man am älteren Felgenbrecher ein Fahrrad nicht vernünftig anschließen. Mit Kette zum anschließen. Habe ich noch nie woanders gesehen, ist aber jedes mal unterhaltsam

Weiterlesen:


Die Sammlung aller Iberty-Schwimmbadposts findet sich unter: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick

Update 2017


Der Originalpost  stammte aus dem Juni 2016 und seitdem ist doch einiges passiert, fast wirkt es so als hätten die BBB diesen Blogpost gelesen.

Die Fahrradständer wurden zumindest teilweise ersetzt. Durch ein ebenso originelles wenn auch nicht ganz so improvisiert wirkendes Modell:



Nachdem ich ja meinte, dass "Lochow" als Begriff vielleicht nicht so bekannt ist, steht jetzt am Eingang eine Bank, die noch mal auf den Namen hinweist. Wie auch an der "Rixe", dem Sommerbad Mariendorf, nicht zu verwechseln mit dem Sommerbad am Kombibad Mariendorf ("Ankogelbad")



Der Snackpoint hat sich noch einmal vergrößert, nimmt langsam den kompletten Bereich zwischen Herrenumkleide und Schwimmbecken ein.

Und vollkommen übersehen hatte ich bisher die Duschen. Was ein Versäumnis! Halb oben Air, mit Dach und Wänden aber einem größeren Streifen nichts zwischen beiden und dieser wunderbaren 50er-Jahre-Fisch-Bemalung. Nie weiter kalt duschen am Beckeneingang sondern immer zu den Fischen!

Mittwoch, 8. Juni 2016

Kommmunistenspargel

Vor einiger Zeit habe ich schon versucht zu ergründen, ob es in der DDR Spaghetti gab. Nun gibt es neben Spaghetti auch anderes feines Essen. Gerade in Berlin, das mittlerweile von Brandenburger Spargelhöfen umkreist und eingeschlossen ist, stellt sich die Anschlussfrage: Wie sah es eigentlich mit dem Spargel in der DDR aus? Konnte man auch vor 1990 so nett entlang der Spargelfelder lustwandeln? Zumindest nach der in Beelitz nacherzählten Legende, haben dort die Spargelbauern seit 1990 alles wieder quasi aus dem Nichts erschaffen.

Immerhin: die Grundfrage lässt sich einfach beantworten: gab es in der DDR Spargel? Ja! Gab es soviel Spargel wie heute? Nein. Mit detaillierteren Informationen wird es schwieriger.

Vor der DDR existierte auf jeden Fall Spargel. Die Brandenburger Streusandbüchse bietet sich zur Spargelzucht an. Mit Berlin existiert auch ein naheliegender Markt für große Mengen des Gemüses. Die Brandenburger Kleinstadt Beelitz - gelegen etwas südlich von Berlin auf einem Sander aus Sand, Kies und Geröll - war schon vor dem Krieg berühmt für seinen Spargel. Von 1870 bis in die 1930er dehnte sich die Anbaufläche stets aus. In den letzten Jahrzehnten kamen ebenso zu Touristen zum Spargelfest  nach Beelitz wie Erntehelfer aus Osteuropa.

Bundesarchiv Bild 183-R0312-500, Mark Brandenburg, Spargelernte
Spargelernte in Brandenburg. Vor 1945.  Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R0312-500 / CC-BY-SA 3.0


Vor-DDR-Spargel

Historisch wichtiger, heutzutage als Spargelgebiet weniger bekannt, ist die Altmark, heute im nördlichen Sachsen-Anhalt. Wie Brandenburg auch ein trockenes Gebiet mit leichten Sandböden. Um das Zentrum Osterburg herum gab es nicht nur regen Spargel-Anbau, sondern mit August Huchel auch eine der prägenden Gestalten der frühen Spargelzucht. Huchel untersuchte in den zwanziger Jahren planmäßig große Mengen der damals vorherrschenden lokal begrenzten Landsorten und begann die Spargelzucht zu systematisieren. Daraus entstand Huchels Leistungsauslese, die erste deutsche Spargelsorte im engeren Sinne.

Huchels Leistungsauslese können passionierter Kleingärtner auch heute noch als Pflanzen und Samen kaufen. 1929 entstand aus Huchels Forschungen die Deutsche Spargelhochzuchtgesellschaft Osterburg/Altmark.

Dekadent und ohne Kalorien


In groben Zügen lautet die überlieferte Geschichte dann so. Die DDR - der Staat in dem Ragout fin zu Würzfleisch umgetauft wurde - mochte Spargel nicht, der einerseits zu dekadent war und andererseits zu wenig Kalorien pro Hektar erzeugte. Die DDR-Führung zwang die Bauern zur Umstellung. Der einzige vorhandene Anbau danach war von Nebenerwerbslandwirten mehr oder weniger im Hobbybetrieb und zur Aufbesserung des eigenen Einkommens. Die Flächen waren klein und Spargel außerhalb der eigentlichen Anbaugebiete kaum zu bekommen.

Huchel selbst floh 1953 in den Westen und wurde dort zum "Spargelprofessor vom Niederrhein.". Seine Spargelfelder in der Altmark waren durch den Krieg zerstört. Huchels Bemühen um den Spargel passte nicht mit den Landwirtschaftszielen der damaligen DDR-Führung zusammen. 

Spargel gegen Westmark


Andererseits soll die Staatsführung später auch mitbekommen haben, dass sich Spargel gegen Westmark verkaufen ließ. Soweit ich aus den Quellen herausinterpretieren kann, war dies aber vor allem wieder in der Altmark der Fall. In Brandenburg wurde kaum Spargel angebaut. Die Altmark liegt deutlich verkehrsgünstiger zum westdeutschen Spargelzentrum Ostniedersachsen.

Wenn es DDR-Spargel im regulären Handel gab, dann im Intershop, später auch im Delikat-Laden: eine Art Intershop ohne Devisen, dafür mit erstaunlich hohen Preisen in DDR-Mark. Anscheinend gab es aber polnischen Spargel in Hortex-Läden: Läden, die sich speziell auf den Verkauf polnischer Produkte in der DDR spezialisiert hatten. Aber wieviele Hortex-Läden gab es in der DDR? Und gab es diese auch außerhalb Berlins?

In Polen auf jeden Fall scheint es weiter Spargel gegeben zu haben. Nicht jedoch in der Tschechoslowakei. Auch Böhmen war vor 1945 ein großer Spargelanbauer. Hier allerdings scheint es die kommunistische Herrschaft erfolgreich geschafft zu haben, den Spargel bis heute komplett von der Speisekarte zu verbannen.

Komplett untergegangen ist der Spargel in der DDR nicht. In der Altmark wurde die Pflanze weiterhin regelmäßig gezüchtet. Das Zentrum der Zucht wanderte dann irgendwann von Osterburg 20 Kilometer nach Süden nach Möringen, seit 2010 ein Stadtteil Stendals. Die Zucht war  anscheinend so erfolgreich, dass der Betrieb kurz nach der Wende mit der Südwestdeutschen Saatzucht auch einen Käufer fand und auch noch heute existiert.

Die Sorten Helios aus der Altmark (zugelassen 1987) und die Sorte Epos (zugelassen kurz nach der Wende) sind heute beide noch im kommerziellen Anbau vorhanden. Neuere Sorten aus Möringen, die  kommerziell angebaut werden, sind Ramos, Ravel und Rapsody.

Und mit Spargelforschung ließ sich in der DDR anscheinen auch wissenschaftliche Karriere machen.

In ihrer Dissertation beschäftigte [Frederike Kaufmann] sich mit Untersuchungen zur Faserigkeit von Spargel und schloss ihre Promotion 1963 mit der höchsten Bewertung ab. Zunächst als Assistentin, später als Oberassistent in arbeitete sie danach an der Humboldt-Universität am Institut für Gemüsebau. 1967 habilitierte sie sich mit einer Schrift über die Erhöhung der Spargelproduktion. ... Sie war die führende Expertin für den Spargelanbau in der DDR und ihre wichtigstes Buch Spargel erschien 1974. (Ganzer Nachruf hier)

Schilderungen von Zeitgenossen sagen, dass die Bückware Spargel als inoffizielle Währung funktionierte und sich gut gegen allerlei andere Güter tauschen ließ. Der Anbau von Spargel lohnte für den einzelnen Anbauer. Anscheinend war er aber immer knapp genug, dass mensch auf Tauschhandel angewiesen war, um ihn zu bekommen. Auch scheint der Fokus des Anbaus für die DDR-Bevölkerung eher auf grünem Spargel gelegen zu haben: der kann maschinell geerntet werden, kann deshalb auch in schwereren Böden angebaut werden ohne dass die Ernte unmöglich wird, und war wohl auch nicht so gut zu exportieren.

Wieviel Spargel denn nun angebaut wurde, und wie sehr das staatlich gefördert war, erschließt sich mir nicht wirklich. Die Erinnerungen an Bückware scheinen das Bild auf jeden Fall zu verfälschen, da ein Großteil des Spargels in den Westen ging. Ein gutes Beispiel dafür ist das Jahr 1986 - das Jahr der Tschernobyl-Katastrophe - als der Westen dann plötzlich keine Agrargüter aus dem Osten mehr haben wollte und der Spargel anscheinend auch in Teilen der DDR problemlos zu bekommen war.

Nach der Wende


Während Brandenburg Spargeldarbte und die Altmark nach Niedersachsen lieferte, änderte sich alles nach der Wende. Westdeutsche Spargelbauer zogen der Tradition hinterher, taten sich mal mit den verbliebenden ostdeutschen Spargelbauern zusammen oder zogen ihr Ding ohne Rücksicht auf Verluste durch, vielleicht war sogar der ein oder andere Ostdeutsche gegen alle Wahrscheinlichkeiten erfolgreich. Der Spargelanbau im Berliner Umland boomt. Und boomt. Und boomt. In Beelitz wird mittlerweile ein mehrfaches der Fläche mit Spargel angebaut wie noch in den 1930ern.

Beelitz Spargel

Beelitzer Spargel hat heute mittlerweile wieder einen bundesdeutschen Namen. Nicht zuletzt wohl wegen der ganzen Pressemenschen in Berlin. Brandenburg hat mittlerweile Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg im Anbaugebiet hinter sich gelassen und ist nach Niedersachsen das Bundesland mit dem zweitmeisten Spargel. Altmarktspargel gibt es auch wieder in großen Mengen. Aber sein wir ehrlich: in Stendal, Osterburg und Bartkow kommt halt nie ein Mensch vorbei, der den Ruhm des Altmärker Spargels außerhalb dessen Anbaugebiets tragen könnte. Die Anbauflächen in der Altmark sind weit hinter dem Stand von vor dem Krieg.

Dienstag, 7. Juni 2016

Spargelberge

Sieben Menschen aus dem weiteren Wikipedia-Umfeld stapfen durch den Sand. Spargelsand. Beginnend am Bahnhof Kremmen in Oberhavel geht es nach einem kleinen Rundparcours durch "Europas größtes Scheunenviertel" vorbei an Gaststätten und Andenkenläden zum Spargelhof mit angeschlossenem Streichelzoo, einem Eisverkauf und dem großartigen Spielplatz mit Traktorthema.


Die Kremmener Erntekönigin 2015/2016 verkauft Stücke einer Riesenerdbeertorte zu Gunsten von Frank Zanders Obdachlosenessen. Überholt von der galoppierenden Postkutsche geht es hinauf aus Land.

An der Straße stehen die besten Häuser aus den 30ern, 60ern und von heute. DDR-Zäune aus Armierungsstahl stehen neben dem was heutige Hauskataloge zu bieten haben: Säulen, Veranden, Steingärten und Riesenbonsais. Ziegen dösen im Schatten neben dem Schiefermonstrum mit einer Lichterkette, die eher an Zähne erinnert. Eine verlassene Straße, an jedem zweiten Grundstück das Schild "Warnung vor dem Hund." Einmal hängt am Zaun auch auch "Den Hund bitte nicht beachten". Der zu ignorierende Hund ist fast so groß wie der Zaun, wahrscheinlich reicht ihm ein kleiner Hüpfer, um auf die Straße zu kommen.



Auf den Grundstücken stehen Rosen, Pferdeanhänger und selbst liebevoll gestaltete Vogelscheuchen. An etwa jedem fünften Haus wird die Auffahrt neu gepflastert, Eine Ameisenstraße verläuft quer über den Weg. Warum machen die Ameisen denn einen Knick mittendrin? - Erdmagnetfeld!

Die Häuser verschwinden. Flugsanddünen am Weg. Dort wächst ein Restwäldchen von Kiefern. Der kleine Robinienansammlung in der Mitte blüht. DTausende von Bienen haben die Robinien ebenfalls entdeckt. Keine Biene zu sehen, aber der Wald summt als wären wir inmitten eines Bienenschwarms.

Wo auf dem Sand keine Kiefern stehen, sind Spargelfelder angelegt. Sand ist gut. Berlin und dessen spargelfreudige Konsumenten sind nicht weit. Die Ex-LPG-Felder haben eine dementsprechende Größe. Wir sind in Ostelbien. Versehen sind die Felder mit kilometern an Bewässerungsschläuchen. Spargel mag keine Staunässe - deshalb Sand - aber viel Wasser. In Brandenburg regnet es eher selten.

Der erste Spargel darf schon frei wachsen und sich erholen. Die weiße Folie ist entfernt. Schmale grüne Stengel strecken sich aus dem Spargeldamm heraus. Im Damm selbst sind noch einzelne weiße Stangen, die mensch ausbuddeln kann. In dieser Reihe ist die Saison bereits vorbei.

Heutzutage werden kommerziell nur noch zwei Spargelsorten angebaut. Die eine kann von April bis Ende Mai gestochen werden. Die andere rettet dem Bauern die Saison bis zum 24. Juni. Anderswo gibt es bereits Spargelzelte mit Bodenheizung, um die Ernte bis in den März ausdehnen zu können.

Zwei Spargelreihen weiter wird selbst am Sonntag gestochen. Die Arbeiter hören südosteuropäischen Turbofolk. Kann jemand die Sprache erkennen? Die Männer, jung, drahtig, muskulös, schieben Gestelle vor sich her. Diese Spargelmaschine? Wie heißt sie? "Spargelspinne" steht auf dem Gerät. Aber das scheint ein Markenname zu sein. Gibt es einen genereischen Begriff? Spargelauto? Folienlotte!


Der Sand wird zu Lehm. Der Sandweg - nicht geeignet für Fahrräder zu einem Lehmweg, verstärkt mit Feldsteinen und Bauschutt. Auch nicht geeignet für Fahrräder. Die Spargel- werden zu Raps- und Maisfeldern. Was wächst dort am Raps? Kornblumen! Mohn wächst! Klatschmohn? Oder anderer? Wie erkennt man die Unterschiede? Die Alte Weide hier: ist sie wohl als Naturdenkmal geschützt? Wir überqueren eine Landstraße. Ein kleines Kreuz mit frischen Blumen steht an der Einmündung.

Brandenburg hat Relief. Selbst das Berliner Umland. Hügelauf- und Hügelab. Dass dort jede kleine Erhebung gleich "Berg" oder "Berge" heißt, scheint übertrieben. Aber auf und ab geht es definitiv.

Es donnert. Ein Regenbogen. War der Himmel nicht vor 10 Minuten noch strahlend blau? Es regnet. Heftig, aber kurz. Vermutlich hat es oben schon aufgehört zu regnen als die ersten Tropfen unten ankamen. Über dem Raps kreist ein Milan. Nicht weit entfernt ist Eden. Eden, Ortsteil von Oranienburg. Eine Mustersiedlung für Vegetarier aus den 1900ern mit großen Gärten und dem Wunsch nach einem besseren Leben. Oranienburg und Umland war schon lange Fluchtort für Berliner.

Jetzt noch auf den Gipfel des letzten Hügels erklimmen. Dann hinab zu Rhabarbercrumble, Erdbeeren und Sahnejoghurt. Eiszeitland im Frühsommer.

Freitag, 3. Juni 2016

Flugsanddünen

Lehm. Natürlich. Zu bedenken gilt allerdings: Die Welt besteht nicht nur aus Lehm. Auch wenn dieses Blog vielleicht den Anschein erwecken kann. Es existiert auch Ton. Ton ist wichtig. Dem Ton verdankt Brandenburg seine Backsteinklöster, Berlin seine alten Bauten, Velten verdankt dem Ton ein Ofenmuseum und das Ländchen Glien verdankt ihm seinen Eisenbahnanschluss. Aber dazu später mehr. Es gibt auch Sand.

Sand in Brandenburg wirkt als Thema nicht originell. Als "märkische Sandbüchse" verschrien, vermutlich mit Berechtigung. Wir sind aber nicht irgendwo in Brandenburg. Wir sind im Ländchen Glien. Glien ist slawisch für Lehm - da nun ist Sand erklärungsbedürftig.

Nach den Eiszeiten gab es keinen Sand. Nicht hier auf der leicht erhöhten Lehmplatte im Ländchen. Aber nebenan war Sand. In den Flusstälern dessen was später einmal die Havel werden sollte. Ansonsten war es wüst und leer. Und es war Wind. Und der Wind wehte durch die Täler, nahm den Sand mit und türmte ihn andernorts wieder auf. Es entstanden Dünen. Und dann war Wald.

Dünen dürften die meisten vom Nordseeurlaub kennen. Die Uwe-Düne auf Sylt ist ein Biest. Die wüstenartige Dünenlandschaft beispielsweise um das Lister Becken herum beeindruckt. Binnendünen erhalten weniger Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil man an ihnen nicht baden kann. Sondern auch, weil sie verschwunden sind. Denn es ist Wald. Bäume, Unterholz und anderes Gepflanze, das den Blick auf die Dünen versperrt.

Und die Dünen sind verschwunden. Oder es sind Häuser. In Berlin beispielsweise tarnt sich die Brandenburger Eiszeitlandschaft inmittem des ganzen Gesteins. Immerhin in Berlin existiert die 15 Meter hohe Düne Wedding noch als "einzige erhaltene innerstädtische eiszeitliche Binnendüne Berlins und Deutschlands". Was nicht stimmt. Berlin hat noch einige andere Dünen. Aber die sind überwachsen. Wie es die Düne Wedding auch einmal war, bevor sie freigerupft wurde. Der Claim der "erhaltenen Düne" ist also etwas zweifelhaft. Aber immerhin, die Düne Wedding ist als solche erkennbar.

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Hier ist die einzige erhaltene innerstädtische eiszeitliche Binnendüne Berlins und Deutschlands. Foto: Berlin-Wedding Sanddüne Wedding Von: Fridolin Freudenfett Lizenz: CC-BY-SA 4.0

Zurück nach Brandenburg ins Ländchen Glien. Auch dort existieren Flugsanddünen. Die meisten liegen im Krämer Forst, hinter den sieben Bäumen und unter den sieben Unterhölzern und darauf wachsen halt Kiefern. Es sind unbeachtete Dünen wie sie nicht im Buche stehen. Andere Dünen liegen weiter nördlich nahe des kleinen Städtchens Kremmen. Es sind genügend Dünen, damit die Ortschronik den schönen Titel trägt "Mehr als Sumpf und Sand." In Brandenburger Anmaßung und unter Unkenntnis von Mittelgebirgen taufte sie jemand auf den Namen "Kremmener Sandberge". Wind und Flusstäler ließen sie entstehen. Wenn es auch hier wohl nicht das Havelufer war. Hier türmte der Wind vermutlich die sandigen Teil des Rhinluchs auf. Rechts der Sumpf des Flusstals rechts der Sand der Dünen und in der Mitte ein mittelalterliches Kleinstädtchen. Ebenso romantisch wie man versteht, warum im Kremmener Umland früher kaum jemand leben wollte.


Kremmen beim Bahnhof 08.11.2015 14-46-13

Dünen sind keine Sehenswürdigkeit. Es hilft auch nicht, wenn sie von Kiefern bewachsen werden. Aber dafür bieten sie den Boden für etwas anderes: Spargel. Spargel mag Boden der sich gut durchwurzeln lässt, also sehr locker ist. Spargel mag keine Staunässe, sondern Boden der gut durchlässig ist: Sand. Flugsand ist steinloser Sand. Der Sand ließ das Geröll per Gletscher hinter sich, als er vom Winde verweht wurde. Steinloser Boden freut den Bauern. Guter Sand nahe Berlin. Wo Millionen von Menschen auf etwas zu Essen warten. Wie geschaffen für Spargel. Nicht an der Nordsee, nicht auf Sylt. Nur in Brandenburg. Nachdem die DDR den Spargel fast zu Tode ignoriert hatte, feiert der nun seine Renaissance. Nicht nur in Beelitz im Berliner Süden, sondern auch im Norden. Auf Flugsanddünenfeldern. Sand, Kiefern, Spargel, Dünen. Brandeburger Steppenromantik.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Grabwespen und Hornisse

Der Lehmhaufen. Ich erwähnte ihn bereits. Der Lehmhaufen und ich, wir haben weitere ausfüllende Stunden miteinander verbracht. Dabei fiel mir auf: Wir nicht alleine in unserer Zweisamkeit. Die Wühlmaus scheint aus dem Haufen mittlerweile ausgezogen und weitergewandert (leider nur innerhalb des Grundstücks). Trotzdem sind Lehm und ich noch nicht alleine. Ebenfalls anwesend sind diverse Grabwespen oder Erdfliegen oder was auch immer es sind. Kleine fliegende Tierchen, allein unterwegs, und entweder gelb-schwarz gestreift oder rot-schwarz gemustert. Diese haben den Lehmhaufen mit zahlreichen Löchern versehen und fliegen sehr aufgeregt um den Haufen herum, wenn ich anfange abzutragen.

 Grabwespe an Lehm (unscharf)

Aber was sind das für Tierchen? Insekten gibt es ja doch einige. Auf jeden Fall sind die Tierchen am Haufen weniger unheimlich als die Hornissenkönigin, die uns letztens im Schlafzimmer aufsuchte.

Hornisse an FAZ


Aber zurück zu den wesentlich possierlicheren Insekten. Was sind sie? Was machen sie? Sind sie gefährlich? Und wie schlimm ist der Frevel, dass wir ihnen erst ausversehen eine Heimstatt schufen und ich sie jetzt wieder einreiße?

Der Kosmos-Naturführer klärt mich erst einmal auf, dass Grabwespen eigentlich eher Bienen sind - oder zumindest mit diesen verwandt. Außerdem sind Grabwespen keine Erdwespen. Denn Erdwespen sind einfach gewöhnliche schwarmbildende Wespen ("Zwetschgenkuchenwespen"), deren Nester in der Erde sind. Grabwespen hingegen leben solitär, bauen kleine Gänge in Erde, deponieren dann Eier und füttern die je nach Art mal mehr oder weniger regelmäßig.

Dem kann ich zustimmen. Außerdem ernähren sich Grabwespen von anderen Insekten. Das kann - je nach verzehrtem Insekt - für den Gärtner eher gut oder schlecht sein. Wikipedia schafft es nicht, über die Inhalte des Naturführers hinaus Aufzuklärung zu leisten - der wikipedianische Informationsexzess verhindert, dass ich irgendeine für mich sinnvolle Inhalt finde.

Aber was ist nun mit dem Grabwespen? Wie kommen Sie in meinen Lehmhügel? Was machen sie dort? Und was sollte ich tun? Erste Erkenntnis: es gibt ungefähr 5000 Arten der Grabwespen und ihre Aufteilung in Gattungen, Familien und ähnlichem ist gerade in Bewegung - was erklärt, warum Wikipedia in den Erklärungen etwas ausfranzt. Da die Tierchen nicht nur recht klein sind, sondern auch die Eigenschaft haben, eher hektisch hin- und herzufliegen, ist die Bestimmung auch nicht ganz trivial.

Wir scheinen am Lehm verschiedenen Arten zu haben; mindestens die Grabwespen rot-schwarz und gelb-schwarz-gestreift scheinen unterschiedlichen Arten anzugehören. Die eine verbreitete Art in Deutschland, die es im Zweifel immer ist, gibt es auch nicht.

Vielleicht ist das oben fotografierte Tierchen ja Astata boops,auf deutsch wohl auch die Wanzengrabwespe? Das Aussehen könnte grob hinkommen. Andererseits lassen sich wie ich lernte, Astatas nicht per Foto voneinander unterscheiden. Und ich leide ja schon etwas, weil ich den Insekten gerade ihren Lebenslehmhaufen abgrabe. Da will ich die Tierchen nun nicht auch noch fangen, betäuben oder schlimmeres mit ihnen machen, um zu wissen, wer sie genau sind.

So sei es halt eine der drei in Mitteleuropa vorkommenden Astatas. Wobei andererseits die beiden anderen Astatas, die Astata kashmirensis und die Astata minor gefährdet beziehunsgweise stark gefährdet sind. Man hat im Zweifel ja immer nicht das seltene sondern das häufige Tierchen im Garten. Wäre es die boops würde sie ausschließlich von Wanzen leben, wäre nicht gefährlich und auch nicht weiter geschützt.

Und nach weiterer Recherche: Dryudella sehen sehr ähnlich aus. Dryudella stigma ist die anscheinend in Deutschland häufigste Art. Dryudella mag Waldränder und Flugsand und siedelt in lockeren Gemeinschaften. Das käme halbwegs hin. Waldränder und Flugsand existieren in einigen Kilometern Entfernung. Immerhin ernährt sich Dryudella wie Astata vor allem von Wanzenlarven - da macht es in seinen Folgen keinen großen Unterschied, was wir haben. Dryudella ist in Deutschland aber auch gefährdet.

Wenn ich mal davon ausgehe, dass man eher die häufigen als die nicht-so-häufigen Tierchen sieht, bin ich also wieder bei Astata boops als schwarz-rotes Tier. Bei der auch anwesenden gelb-schwarzen-Erdwespe bei der ich weiterhin keinerlei Anhaltspunkte habe, wer sie ist. Gelb-schwarz gestreifte Insekten scheint es auf jeden Fall noch viel mehr zu geben, als schwarze Insekten mit roten Fleck.

Um die Eingangsfragen zu beanworten: wer sind sie? Astatas vermutlich. Was wollen sie? Kinder. Was machen sie? Wanzen essen. Sind sie gefährlich: nein. Sind sie gefährdet: vermutlich nicht. So werden wir noch einige Wochen oder Monate zusammen verbringen. Und wer der Lehmhaufen hier weg ist: Hinter der Hecke bei dem Nachbarn gibt es einen Lehmhaufen, der ist noch viel viel größer als der hier.