Dienstag, 26. April 2016

Das Land Glien

Aus: Karl-Friedrich von Klöden: Beiträge zur mineralogischen und geognostischen Kenntniß der Mark Brandenburg: Programm zur Prüfung der Zöglinge der Gewerbschule, Band 8, Dieterici 1835, Seite 4


Aus: Centralorgan für die Interessen des Realschulwesen. Gülker 1873S. 83


Aus: August Heinrich von Borgstede: Statistisch-Topographische Beschreibung der Kurmark Brandenburg, Band 1. Unger 1788. S. 104:




Aus: Adolph Friedrich Riedel Codex diplomaticus Brandenburgensis: Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellenschriften für die Geschichte der Mark Brandenburg und ihrer Regenten. Oder der Urkunden-Sammlung für die Orts- und specielle Landesgeschichte Band 23 Abschnitt XII. Morin 1847





Sonntag, 24. April 2016

Eiszeitland

Wie nimmt man dieses Land wahr? Wie erfährt man Brandenburg? Wald-Flachland-Acker. Eine Art Flachland zumindest. Auch nicht wirklich flach. Nicht Nordseeküsten-Watt-Flach-da-steht-ein-Schaf-in-fünf-Kilometern-Entfernung-Flach. So als hätte sich die Landschaft nicht einmal beim Flach-sein wirklich Mühe gegeben.

Aus dem ICE ein konturloses Band - große Felder, Kiefern, vielleicht ein halb eingefallender Bahnhof am Gleisrand oder ein einzelner Baum auf einem Feld. Manchmal auch ein paar eingefallene Bahngebäude mehr. Die vorbeihuschenden Häuser entweder in Schattierungen des Braunen oder hellgelb-mauve-orange-hellgrün. Manchmal ein Kirchturm in der Ferne. Feldsteinkiche vermutlich. Selbst der Himmel ist auffallend oft durchgehend grau oder blau. Selbst der Himmel scheint sich der Konturlosigkeit der Landschaft anpassend zu wollen.

Nur nicht auffallen scheint die Devise zu sein, wenn man so Brandenburg betrachtet. Flach am Boden bleiben? Wie kann man eine solche Landschaft wahrnehmen? Nicht aus der Ferne hinter der Scheibe eines Zuges auf jeden Fall. Nicht einmal wirklich mit dem Sehsinn, dem abstraktesten und fernsten aller Sinne. Brandenburg ist nichts für die Liebe aus der Ferne.

Flaeming impression1
 Felder, Wälder, und weder flach noch hügelig. Brandenburg muss man fühlen, nicht sehen. 

Die Landschaft muss man riechen, in der Hand haben und vor allem fühlen. Stechende Sonne auf ausgetrockneten Feldern, Stechende Sonne und der nächste Schatten drei Kilometer weit weg. Waldgeruch inmitten der preußischen Kiefern-Armeen, knochenharter Lehm, Mückenstiche sobald einer der zahlreichen Seen auch nur zu ahnen ist. Eine Andeutung von Sumpf unter den Füßen. Der Geruch des Sees, dort hinten hinter den Bäumen verborgen. Staubiger Sand im Sonnenschein,

Bei dieser Landschaft muss man in die Nähe, um sie zu begreifen. Laufen. Kanu fahren. Fahrradfahren. Offensiv mit der Landschaft umgehen. Fahrräder sind das geeignete Fortbewegungsmittel für konturlose Landschaften. Spürt man - mehr als bei jeder anderen Fortbewegungsart; vielleicht mit Ausnahme des Schubkarreschiebens - doch jeden Zentimeter Erhöhung oder Senkung, jeden Windhauch, jede Windschneise, jedes Stück Land im Windschatten und jede Ebene. Jede glaziale Rinne bemerkt der Radler, jede Grundmoräne oder Endmoräne. Was die Eiszeiten schoben, stauchten und auskehrten wird deutlich. Selbst in Berlin - wo das Urstromtal überdeutlich merkbar ist, ebenso wie jeder Berliner Gemergelhügel. Mit dem Fahrrad wird Berlin zur Brandenburger Eiszeitlandschaft mit viel Beton.

Brandenburg hat nur selten Beton. Der Bodenbelag und seine Beschaffenheut setzt sich über Gabel und Lenker direkt bis in den Unterkiefer fort. Sand, Schotter, Waldboden. Landstraßen verschiedenen Zustandes. Ist das Asphalt? Oder war es mal Asphalt? In seltenen Glücksmomenten vielleicht einmal ein Radweg.

Der Weg zum einsamen Kirchturm in der Ferne ist kein konturloses Etwas mehr. Er besteht aus Rapsfeldern mit Anstieg. Senken . mit überraschend steilem Abstieg in den schattigen Wald. Trotz wochenlanger Sonne noch voll Matsch und Modder. Hoffentlich kiptt nichts um. Der Einblick in den halben Schuppen hinter der Kurve. Das Schild mit dem Otterwechsel neben dem Mückenschwarm. Und natürlich die leichte Anhöhe vor der Kirche. Gleich hinter dem überraschend steilen Anstieg hinter dem ehemaligen Weinberg.

Mittwoch, 20. April 2016

Lehm

Dieser Text behandelt das Material Lehm. Zum Schauspieler siehe Ralf Lehm.

Lehm. Viel Lehm. Überkopfhoch Lehm. Dank diverser Erdarbeiten sind wir gerade glückliche Besitzer mehrerer Kubikmeter Lehm. Diese sollen weg. Langfristig ist der optische Reiz eines großen Lehmhaufens begrenzt. Deshalb verbringe ich meine Wochen und Tage gerade mit Schaufeln.

Ich entwickle eine innige Verbindung zum Lehm, die leider nicht so recht auf Gegenseitigkeit beruht. Erkenntnis Nummer 1: Lehm hat - zumindest wenn er so sehr Richtung Ton tendiert, wie der unsrige - genau zwei Konsistenzstufen: Modder, in dem man bis an die Knöchel versinkt oder betonhart. Lehm wiegt etwas mehr als zwei Tonnen pro Kubikmeter, bei mehreren Kubikmetern ist das eine Herausforderung.

Lehmgrube

Lehm. Bild: Lehmgrube am Hamberg in Ottensheim Von: Otto Normalverbraucher Lizenz: Attribution required

Nächste Erkenntnis: Lehm existiert nicht. Es existieren Teilchen. Je nach Größe sind das Blöcke, Steine, Sandkörner, Schluff oder Ton. Dabei ist Ton am Kleinsten, Blöcke am größten. Um genau zu sein, hört nach dem Deutschen Institut für Normung ein Stein ab 20 Zentermeter Kantenlänge auf, ein Stein zu sein und wird ein Block.

Lehm ist nun einfach eine Mischung von Sand, Schluff und Ton, die gerne auch noch einige Steine enthalten kann. Einige Steine sind da. Sogar einige wenige, die so aussehen wie die steinzeitlichen Faustkeile, die vor länger Zeit mal im Museum in meine Hand wanderten. Aber ist es überhaupt Lehm in dem diese Steine sind? Also eine Mischung von Teilchen? Oder eher Schluff – Teilchen, die weder Sand noch Ton sind, sondern in der Größe dazwischen liegen und die kaum jemand kennt? Recherchieren tut not.

Auf jeden Fall ist es braun-gelblich-weißlich, beinhaltet immer wieder einzelne größere Tonklumpen und fühlt sich auch manchmal sandig an. Also vielleicht doch fetter Lehm. Lehm, das quatschige allgegenwärtige im Untergrund. Baumaterial, recht gut für Pflanzen und aufgrund seiner Allgegenwart weit genutzt.

Brandenburg, wo der Lehmhaufen steht, ist allerdings eher als ärmliche Sandbüchse bekannt, in der die Böden aus Sand bestehen auf denen nichts wächst. Nicht hier. Brandenburg ist Eiszeitland. Die zurückweichenden Gletscher haben im ganzen Land größere Lehminseln inmitten der Urstromtäler hinterlassen. Zum Glück für Bauern und Gärtner – ist doch quasi alles besser als Sand. Unser eigentlich recht durchschnittlicher Boden wird so für Brandenburger Verhältnisse Premiumerde. Zumindest Teile des Lehms wurden wir an Freunde und Bekannte los, die damit ihren eigenen Sandgarten aufbessern wollten,

Lehm speichert Wasser und Nährstoffe. Soweit besser als Sand. Lehm speichert viel Wasser und neigt zur Staunässe. Soweit so ungut. Da der Boden recht undurchdringlich ist, neigt er bei starkem Regen auch zu Pfützen und kleinen Seen. Immer wieder dieser Wechsel zwischen trockenharter Platte im regenarmen Brandenburger Sommer und amphibischem Biotop im verregneten Spätwinter. Lehm geht mit den Jahreszeiten. Wenn auch nur langsam. Der Boden ist dicht, wärmt sich im Frühjahr später auf und kühlt im Herbst später ab. Ein echtes Plus für Menschen, die mit Lehm bauen, will man doch ein wärmeisoliertes Haus – nicht ganz so gut zum Anpflanzen. Ist doch draußen schönste Sonne und die Pflanzen bibbern immer noch.

Trotzdem – für Brandenburger Verhältnisse ist das Ländchen Glien im Nordwesten Berlins (slawisch bedeutet Glien übrigens Lehm..) ist ein blühender Garten Eden. Umgeben von den Urstromtälern von Spree und Havel saßen die Menschen hier schon früh im Trockenen und konnten sogar Sachen anbauen.  Am Rande liegt Velten, „die Ofenstadt“, denn es gab ja Ton zur Fertigung. Wunderzeugs lehm. Kubikmetergroß. Und über zwei Tonnen pro Kubikmeter schwer. Ich gehe dann bei Gelegenheit wieder Schaufeln.Und falls jemand Lehm braucht, gerne melden.

Laut nachgedacht: Mapping Wikipedia

Mal in die Gegend gedacht: wo es bei Wikipedia hängt, wo Probleme sind, und dass es etwas mit Tonfall zu tun hat: den Eindruck haben ja viele. Aber kann man da vielleicht etwas vom gefühlten Problem wegkommen und das ganze konkreter und handhabbarer machen?

Mal als Idee:

Man nehme 10 sogenannten Funktionsseiten, also Seiten, die mehr oder weniger alle Wikipedia-Schreibenden betreffen und an denen sie vorbeikommen können: Löschkandidaten, Meinungsbilder, Vandalismusmeldung, Fragen zur Wikipedia, Adminnotizen.. vielleicht der Einfachheit halber die Zehn mit den meisten Beobachtern.

Dann lasse man einerseits ein paar automatische Auswertungen drüberlaufen: Tonfall, Zahl der Beteiligten, Zusammensetzung der Beteiligten (Admins, Poweruser, Gelegenheitsuser, Newbies), Austausch oder Nicht-Austausch der Gruppe über die Zeit.

Zum anderen befrage man Wikipedianer verschiedener Gruppen welchen Eindruck sie von der Seite haben: hilfreich / sinnvoll/ abschreckend/ motivierend etc.

Wenn es gut läuft, hat man dann eine ganze Menge Daten, die man korrelieren kann: man weiß besser, wo es mehr Probleme gibt und wo weniger und womit diese eventuell zusammenhängen. Das nun wiederum könnte helfen, die Probleme besser zu lösen.

Zum Teil kommt dabei sicher das raus, was schon immer alle ahnten. Selbst da wäre es aber nicht schlecht, das mal belastbarer und sicherer geahnt zu haben. Und wie das immer so ist: Methode dient dazu, sich selbst zu überraschend: zum Teil gibt es sicher auch überraschendes. Wäre vielleicht mal einen Versuch wert.

Dienstag, 19. April 2016

Wunder der Welt: Eis Pulver

Neuste Entdeckung im Biomarkt. Und ein schönes Beispiel, dafür wie etwas harmlos anfängt, dann seine eigene Logik entwickelt und am Ende steht man als Außenstehender staunend davor.

Hier Veganismus: ich unterstelle mal, dass am Anfang viele Veganer anfingen, da sie sich auf gewisse Art natürlich/naturverbunden/im Einklang mit der Umwelt ernähren wollten. Und wenn man das dann lang genug durchzieht kommt am Ende Eispulver (eigenschreibweise Eis Pulver) dabei raus.

Jetzt kann sich jeder das köstliche Eisblümerl Eis in drei Varianten ganz einfach selber machen. Für die Kreation von eigenen Geschmacksrichtungen gibt es das Eisblümerl Eis Pulver Basis auf der Basis von Reispulver. Vermischt mit Flüssigkeit, Eisblümerl Nussmus (oder auch Pflanzenöl) und Agavensirup wird es einfach kurz aufgekocht und dann entweder in der Eismaschine oder in der Gefriertruhe fertiggestellt. Auf gleicher Basis, aber mit Geschmack ergänzen das Eisblümerl Eis Pulver Vanille und das Eisblümerl Eis Pulver Schoko das eisige Trio. Mehr Infos.

Wobei es mir nicht gelungen ist, irgendeine Info zum Thema Reissirup zu finden, die nicht offensichtlich von den Reissirupverkäufern selber kommt. 

Dienstag, 12. April 2016

Magnolien, Wurzelpeter und rempelnde Jogger

KNORKE: Der gemütliche, mehr oder weniger regelmäßige wikipedianische Stadtrundgang durch Berlin fand auch im April statt. Auch wenn der Frühling zumindest an diesem Tage auf sich warten ließ: es war lausig kalt; ansonsten aber schön: 

Streckenmäßig war es diesmal eher ein Mikro-KNORKE: ein Straßenblock (Wöhlertstraße, Pflugstraße, Schwartzkopffstraße, Chausseestraße) am Rande der historischen Mitte, einst dreiseitig von der Mauer und dem Wedding umgeben, noch früher die Grenze zwischen bürgerlich-militärischem Berlin auf der westlichen Straßenseite der Chausseestraße und proletarisch-linkem Berlin auf deren östlichen Straßenseite. Sitz zahlreicher Fabriken im sogenannten Feuerland und des Garde-Füsilier-Regiments; heute ruhige Wohngegend, eigentlich zentral, doch auch so ein wenig städtebauliche Ödnis, geprägt vom Neubau der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes, der mit "Klotz" noch sehr zurückhaltend beschrieben ist.

Wurzelpeter 10.04.2016 14-11-36
Wegzehrung,

Acht Knorkistas und Gäste trafen sich am U-Bahnhof-Schwartzkopffstraße, ehemals der Geisterbahnhof Stadion der Weltjugend, davor der Bahnhof Walter-Ulbricht-Stadion, und noch davor der Bahnhof Schwartzkopffstraße, um dann sofort in die Seitenstraßen zu verschwinden. Dort bereits die erste Entdeckung in der Wöhlertstraße: eine ungewöhnliche Baumbepflanzung unter anderem mit blühenden Magnolien und einer Haselnuss - diverse Knorkistas meinten, sie hätten tatsächlich noch nie Magnolien als Straßenrandbepflanzung gesehen. Der bestens vorbereitete und gut aufgelegte Aalfons begann in der Pflugstraße mit seinen literarischen Auszügen der zahlreichen jungen Literaten, die es um die Jahrhunderte in den Kiez verschlagen hatte. Ungewöhnlich wie die lebendig die verschlafen scheinende Gegend plötzlich wirkte. Auch wenn die Worte Aalfons die Gegend zum Leben erweckten, auf der Straße selbst herrschte eher dämmrige Ruhe. Selbst das von Jenny de la Torre Castro betriebene Gesundheitszentrum für Obdachlose sorgte durch seine Existenz nicht für mehr Leben, sondern hing auch eher verschlafen in den Seilen.

Dass hier früher mehr Leben herrschte, zeigte sich auch an den Schilderungen zahlreicher Straßenschlachten, die sich hier ehemals abspielten. Während der Teil westlich der Chausseestraße schon lange Militär- und später Polizeigelände gewesen war - demnach in der Weimarer Republik solides Rückzugsgebiet nationaler bis SA-naher Menschen - lebten im Carree Wöhlert/Pflug/Schwartzkopffstraße vor allem die Arbeiter der nahegelegenen Maschinenfabriken. Da ging die Luzie ab. Immerhin davon bekamen wir auch live einen kleinen Eindruck durch den Jogger, der plötzlich wild durch die Führung pflügte, ältere Damen umrempelte und sich in bester Berliner Manier doch noch beschwerte. Was waren das für Zeiten als in Vor-Wende und Kurz-Nachwende-Zeiten fast ausschließlich Polizisten in dem Kiez wohnten und jede Form der Kriminalität oder des Rowdytums komplett unbekannt war.

Aber zurück zu den Literaten: Theodor Fontane statteten wir an seinem Grab noch einen kleinen Besuch ab und hörten die Lebensgeschichte von Peter Hille und einigen zurecht in Vergessenheit geratetenen anderen Literaten. Wir bewunderten neue Luxusbauten gegenüber dem BND und ließen uns von BotBln über den Unsinn aufklären, ausgewachsene Kiefern umpfanzen zu wollen. Unter der Pöschke-Werbung tranken wir Wurzelpeter und gedachten der Friedensfahrt-Teilnehmer, die hier das Friedensfahrt-Etappenende mit einem oder mehreren Likörchen am Werksausschank feierten.

Schließlich fachsimpelten wir noch über Hausnummernklau, die Entstehung des Liedes Lili Marleen an genau dieser Straßenecke, verirrte Touristen an Straßenbahnendhaltestellen und die regionalen Bezeichungen von Spätis beziehungsweise Vergisslichkeitslädchen. Ein kleines Eckchen Berlin mit viel Geschichte und Power. Wie eigentlich immer ein sehr vergnügliches KNORKE - schreibt der Berichterstattende, auch nachdem die Wirkung des Wurzelpeters mittlerweile nachgelassen hat.

Sonntag, 10. April 2016

Schwimmbäder nah und fern: Kombibad Seestraße, Berlin-Wedding

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: das Kombibad Seestraße in Berlin-Wedding

Über den Berliner Ortsteil Wedding schrieb ich hier und an anderer Stelle ja schon einiges. Der Wedding hat seine zwei Seiten hat zwischen Urbanität nah am Abgrund und parkgeprägtem ruhigen Außenbezirk; diese hat auch das Kombibad: die Vorderseite an der Seestraße - einer Verlängerung der Stadtautobahn - mit viel Verkehr und Sexshop, Shisha-Bars und Spielhallen nicht allzu weit entfernt, liegt die Rückseite in einer parkähnlichen Anlage, umgeben von Mehrfamilien-Reihenhäusern. Statt Straßenlärm hört man dort Vogelgezwitscher.

Neben dem Bad ist noch eine Sporthalle, direkt in der Nähe weitere Parks und Friedhöfe. Das Freibad soll eher berüchtigt sein - soweit ich nachvollziehen konnte beschweren sich mittlerweile andere Freibäder über die Besucher, die Freibad wechseln, weil sie in der Seestraße Hausverbot haben - das Hallenbad aber strahlt eine einladend-unspektakuläre Spießigkeit aus, die sich auch drinnen fortsetzt.

Kombibad Seestrasse 18.01.2016 11-32-15

Gebäude


Den Schwimmbadtyp "Kombibad der 1970er" habe ich in diesem Blog ja schon desöfteren erwähnt. Die Seestraße ist auch eines der Bäder aus der Reihe. Wie man dem mittlerweile halb hinter einer Verkleidung versteckten Wandmosaik entnehmen kann, allerdings erst 1980 gebaut. Anscheinend sind schon diverse Erfahrungen mit dem Kombibadbau in das Weddinger Bad eingegangen. Das Kombibad Seestraße ist quasi ein Kombibad Plus. Die Grundelemente sind alle vorhanden, dennoch wirkt das ganze Bad etwas einladender. Die Fassade ist nicht mehr in Waschbeton gekleidet, sondern mit falschem Klinker ausstaffiert, zudem hat es ein nettes Hütchen und neue Fenster.

Umkleidekabine/Dusche/Fön


Das bekannte Modell "Fliesenlabyrinth im Dunkeln"; also mit Beleuchtung, die langsam, spät und unzuverlässig auf Bewegung reagiert. Mittelgroße Kabinen, mit Fliesen verkleidete Schränke. Wobei es mir nicht sofort gelang, funktionsfähige Schränke oder Kabinen zu finden. Dafür immerhin mit vielen Fönen, die auch höhenverstellbar sind.

Die Duschen sind eher klein und in einem komischen Gelb gehalten. Wirklich eigentümlich, dass innerhalb der Duschen eine Dusche mit zwei Sichtwänden abgetrennt ist und dadurch etwas Privatsphäre suggeriert - diese Dusche aber andererseits direkt neben dem Eingang zum Schwimmbecken ist, so dass man dicht an ihr vorbeilaufen muss und zumindest ich immer das Gefühl habe, jetzt mindestens einen halben Meter zu nah an einer privaten Duschsession zu sein.

Leider ist das ja sozial immer eher schwierig in Schwimmbädern zu fotografieren. Aber dieses großartige Strichmännchen, das vom Startblock aus über die Brandungswellen fliegt und das mit "über die Duschen" beschriftet ist, hätte ich Euch gerne gezeigt.  Ansonsten sind im Wedding die Ansprüche anders: während hier auf die schriftliche Ermahnung zum Duschen ganz verzichtet wird, bekomme ich immerhin den Hinweis, dass in der Dusche Rasieren, Maniküre und Pediküre untersagt sind. Hmm, ja.

Schwimmbecken


Das Berliner Kombibad-Modell: ein 50-Meter-Becken mit ziemlich kaltem Wasser, dazu ein Nichtschwimmerbecken (Niedlichkeitsbonus für die Mini-Rutsche in Elefantenform) und ein extra Sprungbecken. Das Becken ist hier alledings nicht neben dem Hauptbecken, sondern dahinter und mit extra Oberlichtern versehen. Da mir auch die Decke etwas höher scheint als in Mariendorf oder Gropiusstadt und am Längsende keine mittelhübsches Wandbild sondern weitere Fenster sind, ist das ganze Bad deutlich luftiger und weniger tunnelartig als die Vergleichsbäder.

Das große Becken wird gerne mit allerlei Leinen in diverse Teilbereiche unterteilt deren Bedeutung sich mir nicht immer erschließt. Bisher wollte mich aber noch niemand vertreiben, ich scheine halbwegs richtig geraten zu haben, welche der Bereiche für normalen Badebetrieb sind und welche nicht.

Publikum


Offensichtlich werden sämtliche Grundschulen des Berliner Nordens in das Bad gekarrt: die Anzahl schwimmender Kinder unter Aufsicht ist ja auf jeden Fall auffallend. Ansonsten gehörte die Klientel bei meinen Besuchen eher zum "Mehrfamilienhaus-im-Park"-Teil des Weddings. Menschen gesetzteren Alters, die friedlich ihre Bahnen zogen; mal mit mehr mal mit weniger sportlichem Antrieb und alles in allem überraschend entspannt.

Gastronomie 


Tatsächlich ist das "Restaurant Seepferdchen" die einzig mir bekannte Gastronomie in einem normalen Bad, die ich auch aufsuchen würde, wenn ich da nicht gerade schwimmen würde. An sich ein durchaus gemütlich eingerichtetes türkischen Frühstückslokal mit diversen Früstücken aller Art, Backkartoffeln, warmen Gebäck und anderen Nettigkeiten. Als ich da war, waren auch diverse Grüppchen von Menschen da, die offensichtlich weder schwimmen wollten noch auf kleine Kinder warten mussten, sondern sich einfach im Seepferdchen verabredet hatten. An der Wand eine leicht irritierende aber ganz gut aussehende Deko aus Cuba-Fotos und Berliner Sehenswürdigekeiten und ein signiertes und gewidmetes Poster vom Weddinger SC.

Beim zweiten Besuch allerdings war aus mir nicht ersichtlichen auch nicht weiter erklärten Gründen das Foyer geschlossen. Was zum einen bedeutete: der Zugang zum Bad ging über den Behinderteneingang; einmal ganz um das Bad rum und dann hinten in der Ecke kurz nach den Mülltonnen führte der Weg: zum anderen war das Lokal Seepferdchen auch geschlossen. Und überraschend und ohne Begründung schließen ist für Gastronomiebetriebe aller Art ja eher schwierig.

Preise/Öffnungszeiten


Berliner Normalpreis: 5,50.

Geöffnet
Mo 12 bis 16 Uhr
Di 6.30 - 8.00; 14.30 - 22.30 Uhr
Mi 6.30 - 22.30
Do 6.30-10.00; 14.00-20.00
Fr 6.30-8.00
Sa 9.00-15.00
So 8.00-16.00

Ein Bad wie geschaffen dafür, dass man vor verschlossenen Türen steht. Merken kann sich diese Zeiten auf jeden Fall kein Mensch außer "Mittwoch ist offen.".

Sonstiges 


Der SC Wedding, seines Zeichens Wasserball-Bundesligist trägt im Kombibad seine Heimspiele aus. Wo sie das Publikum hinstecken ist mir nicht wirklich klar. aber das lässt sich vielleicht herauskriegen.

Fazit


Architektonisch das verbesserte Kombibad, mit einer tatsächlich positiv erwähnenswerten Gastronomie und einer 50-Meter-Bahn. Wären nicht diese wahnwitzig-unmerkbaren Öffnungszeiten ein Ort um öfter hinzuschwimmen.
 

Montag, 4. April 2016

Schwimmbäder Nah und fern: Dithmarscher Wasserwelt, Heide, Schleswig-Holstein

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: die Dithmarscher Wasserwelt, in Heide, Dithmarschen, Schleswig-Holstein

West! West! Westdeutschland! Es gibt in der ehemaligen Bundesrepublik diese Tradition von Bädern, die unoprätentios einfach für die Gemeinde da sind. Weder sind sie besonders flashy, noch versuchen sie Touristen anzulocken, dafür haben sie alles was mensch im Alltag braucht. Das Heider Bad ist ein Bestandteil dieser Tradition. Verglichen mit den echten Touri-Bädern in den nahegelegenen Ortschaften Büsum und St. Peter Ording sind hier das Zielpublikum eindeutig die Einheimischen - so ist auch Anspruchshaltung, Gestaltung und Öffentlichkeitsarbeit des Bades.

Dabei hat die Dithmarscher Wasserwelt meines Erachtens mehr zu bieten als viele selbsternannte Spaßbäder: es ist unkompliziert, alles funktioniert, die Öffnungszeiten sind zuverlässig und es ist einfach da. Ein in vieler Hinsicht sehr angenehmes Bad.

Entstanden ist das Bad als "Schwimmzentrum" in den 1970ern. Davon ist allerdings kaum mehr etwas zu bemerken. Die ganze Anlage wirkt immer noch sehr neu und zeitgemäß nachdem sie 2002/2003 zum heutigen Bad umgebaut wurde - was vor allem heißt, dass Rutschen und Außenanlagen hinzukamen und es in seiner ganzen Anmutung nicht allzu sehr aus der Zeit gefallen scheint.


Gebäude


Es ist halt da. In seiner Anmutung durchaus funktional, vor allem mit Metall und Glas gestaltet. L-förmig mit einem recht nett gemachten Rutschenturm. Pluspunkte gibt es für die schräg zur Fensterseite hin ansteigende Decke, die dem ganzen den Eindruck von Raum und Helligkeit gibt, mehr als es das vorhandene Licht eigentlich rechtfertigen würde. Ansprechend-solide würde ich es mal zusammenfassend nennen. Die L-Form mit abgetrenntem Sprungbecken, die Anordnung der Kabinen neben dem Schwimmbecken und die Gastronomie am Längsende des Beckens mit Blick auf dieses lässt eine enge Verwandtschaft im Konzept zu den Berliner Kombibädern erkennen - nur dass das hier alles einmal gründlich umgebaut und durchaus nett modernisiert wurde.

Umkleidekabinen/Duschen


Die Kabinen sind getrennt nach Geschlechtern. Dabei ist das Heider Bad eines der wenigen mir bekannten Bäder, bei dem die Laufwege für Frauen kürzer sind als diejenigen für Männer - meistens ist das umgekehrt. Einige Gebrauchsspuren sind erkennbar, an sich ist aber alles in Ordnung und funktioniert und  ist aus unauffällig normalen Kunststoff/Metall und farblich auch eher in unauffälligem beige-elfenbeinfarben.

Das "Duschen vor dem Baden"-Schild


Auch ein fester Bestandteil jedes Schwimmbades ist der Hinweis vor dem Baden zu Duschen. Diese Hinweisschilder sind anscheinend nicht genormt, es ist überraschend wie vielfältig und abwechslungsreich der entsprechende Hinweise gestaltet sind. Mal sind sie bittend, mal ermahnend oder fordernd - mal bereits fest in die Wandgestaltung integriert, mal auf laminiertem ausgedruckten Papier. Die Heider Variante ist ausgedruckt, A4, gestalterisch eher harmlos-fröhlich (bunt, Comic Sans?) und weniger fordernd als vielmehr erläuternd, warum Duschen vor dem Schwimmen eine gute Idee ist.

Schwimmbecken


Es ist riesig. Wenn man es weiß, kann man noch das 1970er-Bad mit 50-Meter-Becken, Sprungbecken daneben und Restaurant am Ende erkennen, das ja auch in Berlin gerne gebaut wurde. Nur wurde das Bad in Dithmarschen umfassend erweitert - großes Lob an die Umbauenden, dass die 50-Meter-Bahn dabei nicht dem Umbau zum Opfer gefallen ist. Ein Innenbecken mit 50-Meter-Bahn, dessen Ende flacher ist und als Nichtschwimmerbereich gekennzeichnet. Dazu kommt ein recht großes Sprungbecken mit drei Meter Turm, und ein Solebecken, dessen Größe in anderen Städten auch schon für ein Hauptbecken ausreichen würde und auch noch zwei Rutschen, die vermutlich auch irgendwo enden. Selbst bei voller Belegung des Bades ist es eigentlich nie ein Problem, dort noch mit Platz abzuhängen.

Draußen kommt dann noch ein beheiztes Außenbecken hinzu, das über das heute übliche Spielzeug und eine kleine Rutsche verfügt - allein der rechteckige, schwimmfähige Teil ist mindestens 20 Meter lang, eignet sich also tatsächlich zum Schwimmen. Das Außenbecken ist ganzjährig offen und führt im Winter zum netten Anblick des dick eingemummelten Bademeisters der unter seinem recht nett aussehenden Vordach aufpasst. Auf dem Rettungsplan im Foyer fanden wir dann auch noch zwei weitere kleine Becken (eins drinnen, eins draußen), die uns beim Badbesuch versteckt geblieben waren. Zum Außenbereich gehören auch noch größere Wiesen und Freiflächen, so dass sich das Bad wohl auch recht problemlos als Freibad nutzen lässt.

Auffallend ist die ausgeprägte Bandenwerbung knapp unter der Hallendecke, bei der lokale Geschäfte aller Art für sich Werbung machen. Wirkt ein wenig so als könnten dieselben Banden auch am Spielfeldrand des örtlichen Fußballvereins in der Schleswig-Holstein-Liga, des Heider SV, hängen. Aber wer weiß: vielleicht gibt es da auch einen Kombideal.

Publikum


Wie so halt so sind die Dithmarscher. In sich selber ruhend und eher nicht so laut, aber einem Klönschnack in den Bahnen gegenüber nicht abgeneigt. Vor allem halt Einheimische und wie die Dithmarscher so sind: zu einem Großteil Einheimische, die das schon mehrere Generationen sind. Abgesehen davon, dass alle etwas älter wurden war die Kundschaft wohl schon zu Eröffnungszeiten des Schwimmzentrums sehr ähnlich.

Fönen


Mir wurde aufgetragen, auch mal etwas zur Fönsituation zu schreiben. Wer meine Frisur kennt, weiß, warum ich dem Thema normalerweise nicht die große Aufmerksamkeit schenke, aber hier war ja eine geeignete Testerin dabei. Alle Föne fest installiert auf einer Höhe - zu hoch für Kinder, zu niedrig für Erwachsene. Deshalb stehen dort noch diverse Stühle und Podeste herum mit denen man individuell die eigene Körperhöhe anpassen kann. Das ist verbesserungsfähig. Steckdosen für selber mitgebrachte Geräte scheint es auch nicht zu geben.

Gastronomie


Typische Schwimmbadgastonomie der netteren Sorte. Das Bistro/Café ist eher funktional und mit Mut zur Farbe eingerichtet und erlaubt den Blick auf das Becken. Typische Schwimmbadkarte mit Wurst, Schnitzel und Hamburger. Aber auch Scholle - wir sind ja an der Nordsee und die Salate machen zumindest auf der Karte auch einen okayen Eindruck. Bei uns war das Personal schnell und freundlich, der Kaffee auch gut und ohne Tadel.

Für die Lokalität spricht, dass sie zwei Sparschränke an der Wand haben und diverse Pokale in der Ecke -> sprich, es gibt echte Stammkundschaft,

Pluspunkte gibt es dafür, dass im Beckenbereich diverse Tische und Stühle stehen, an denen Menschen auch problemlos selbst mitgebrachtes verzehren können.

Preis/Öffnungszeiten


Bis zu zwei Stunden kostet es fünf Euro, danach die Tageskarte acht Euro. Bei aller Sympathie erschließt sich mir nicht, warum man in dem Bad einen ganzen Tag verbringen sollte (außer es ist Freibadwetter mit Außengelände, dann hat Dithmarschen aber noch eine ganze Menge anderer Badeorte zu bieten) und wenn man echte Strecken schwimmt (und dafür mehr als zwei Stunden braucht) sind acht Euro ärgerlich. Die fünf sind okay. Originell: am Eintritt muss man auf jeden Fall acht Euro bezahlen und kriegt drei Euro wieder, wenn man das Bad schnell genug wieder verlässt.

Montags zu, Mittwochs ab 15 Uhr geöffnet, sonst entweder von 6.30 bis 21 Uhr (Woche) oder 9 Uhr bis 21 Uhr (Wochenende). Das passt.

Sonstiges 


Was man direkt an der Nordseeküste gar nicht erwarten würde: die Sole im Solebecken ist tatsächlich echt, aus 500 Meter Tiefe gefördert.

Pluspunkt: Free Wifi.

Fazit

Unprätentios, nett, für jeden was dabei und dabei groß genug, dass man auch zu vollen Zeiten noch sein Plätzchen findet. Das 50-Meter-Becken mit kaltem Wasser zum Kilometer schrubben, das Außenbecken zum entspannten Schwimmen und das riesige Solebecken zum Rumschwadern. Alles unaufdringlich, etwas eingewohnt, patent und die Gastronomie schließt sich da an. Sofern man es schafft unter zwei Stunden Aufenthaltsdauer zu bleiben, ein sehr angenehmes Alltagsbad.