Freitag, 5. August 2016

Wilde Möhre

"Die Wilde Möhre besitzt ihr Hauptvorkommen in ausdauernden Unkrautfluren". So sagt Wikipedia und einige unsere Nachbarn würden den "ausdauernden Unkrautfluren" vermutlich zustimmen. Dabei folgen wir in unserer Zufallsmöhrenzüchtung nur dem Tipp des BUNDs:

Sparen Sie im Rasen Stellen aus, die Sie nur zweimal im Jahr mähen, so dass mehr Wildblumen zur Blüte kommen. Zahlreiche Bienenarten danken es Ihnen und Sie können sich über den Anblick einer schönen Wildwiese freuen.

Egal wie man sie nun interpriert: die Wildwuchsinseln inmitten der Brandenburger was-auch-immer-Wildmischung-über-die-vor-nicht-solanger-Zeit-ein-Rasenmäher-fuhr sind da. In ihnen strecken die Wilden Möhren ihr Charakteristisches Haupt empor. Stängel mit Blütenständen, die - so man klein genug dafür ist - von unten aussehen wie futuristische Weltraumkapseln. Wer weiß, vielleicht war der ein oder andere Sci-Fi-Designer auch Wilde-Möhren-Fan?



Die Möhrchen wachsen über einen Meter hoch und bilden schon fast Möhrenfelder. Diverseste rot-schwarze Fliegen, Wanzen sowie weitere kurzrüsselige und rüssellose Insekten freuen sich an der Labestelle. Was auch immer so die Möhre vom Leben erwartet, wir scheinen es zu haben:



* Trockenheit - Oh ja!
* Sonne - und wie.
* Leicht lehmiger Boden - auf jeden Fall. 

Stickstoffarmer Boden. Hm. Angeblich ist die Möhre eine Zeigerpflanze eines solchen Bodens. Nur irritierenderweise ist der Löwenzahn ein Zeiger für einen stickstoffreichen Boden und der wächst noch besser auf die Möhren. Na, irgendwas mit Stickstoff auf jeden Fall.





Nicht den Schierling verzehren!

Der eingefleischte Karottist könnte den ganzen Tag durch den Garten wandeln, an den Blätter reiben und sich Möhrendämpfe reinziehen. Entdeckte er die Pflänzchen früh genug - etwa ein Jahr bevor sie blühen - könnte er sie auch rausziehen und mit den Wurzeln das machen, was man gemeinhin auch mit den unwilden Möhren macht: zubereiten und essen. Oder pur essen. Ist gar nicht mal so unfein. 



Wobei man aufpassen sollte, die Möhren nicht mit dem Schierling zu verwechseln. Der ist immerhin seit Sokrates  als ungenießbar in die europäische Geistesgeschichte eingegangen und hat optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Möhre. Unterscheiden lassen sie sich einfach: (a) Möhren riechen nach Möhre, wenn man die Blätter zerreibt und (b) haben die Möhren auch oft einen symptomatischen schwarzen Punkt in der Mitte vieler Blüten.

Nach diesem Punkt soll die Möhre in volksetymologischer Deutung ihren Namen vom "Mohren" haben, was aber nicht stimmt, da der Wortstamm der Möhre deutlich älter ist und auf sowas wie Mokra, Morke und More zurück, was in germanischen und slawischen Sprachen und auch im griechischen sowas wie Wurzel bedeutete. Womit auch klar ist, dass die norddeutsche Bezeichnung, die ich in meiner Kindheit lernte "Wurzel" eigentlich die einzig richtige Bezeichnung für die Möhre ist. 


Obertongesang und Urtinktur


Neben den Sci-Fi-Designern besitzt die Möhre auch weitere Fans: Kaninchenzüchter, Schmetterlingsliebhaber (die Raupen fressen gerne Möhrenteile) und Hippie-Raver. Das Brandenburger Wilde-Möhre-Festival ist eine Art Burning-Man-Festival der Mark, nur halt in kleiner und ohne Wüste. Aber für deutsche Verhältnisse geht die Brandenburger Steppe locker als Wüste durch. Das Festival schmückt sich mit DJs, Band, viel Electro-Musik, Shiatsu-Workshop. Klangbad, Foodsharing, Tanzimprovisation, Zahnpasta selbst gemacht, Obertongesangworkshop, Fahrradschlauch-Upcycling, Workshops zur Kohle-Politik und natürlich: 
Alles über die Möhre lernen: Wo kommt sie her? War die Möhre schon immer orange? Was tun die dunklen Möhren auf dem Wochenmarkt? Dazu wird es jede Menge zu schmecken, zu fühlen und zu hören geben geben.
Und praktischerweise auch noch zur Blütezeit der echten Möhre: in zehn Tagen fahren die Hippie-Raver in die Lausitz.

Wir brauchen das aber nicht. Schmecken und fühlen können wir die Möhren ohne Workshop auch einfach so. Dass es bei der Möhre nichts zu hören gibt, bin ich mir sicher; und wo die Möhre herkommt: von den Samen von den anderen Möhren würde ich todesmutig behaupten. 



Für die noch todesmutigeren: die Möhre, als häufig lokal vorkommende Pflanze, soll natürlich auch alles möglich und unmögliche Heilen und ist dem Mars zugeordnet(??). Erstaunliches soll die Möhre können

Wenn man Daucus einnimmt, nur wenige Tropfen auf die Zunge, ist es überraschend, wie schnell man sich sammelt, man wieder weiss was man will, was man sagen muss und was Sache ist!
 
Nur für Homöopathie taugt die Möhre nicht

Zur homöopathischen Urtinktur hat Roger Kalbermatten, Autor und Entwickler der Wesenhaften Urtinkturen, folgende interessante Entdeckung gemacht: „Die Wilde Möhre kann nicht als Urtinktur verabreicht werden. Sie wirkt zu rasch und zu stark und würde daher sehr bald eine Umkehrwirkung verursachen.

Am besten zur Deko


Wobei dieses Blog ja an solchen obskuren Sachen wie Doppelblindtests festhält und behauptet, dass Medizin erst getestet sein muss bevor sie als Medizin gelten kann. Von den Abwegen der Naturheilkunde zurück zum Nahrungsmittel.

In anderen Gärten Gärtner pflanzt Gemüsen an. Bei uns: Gemüse pflanzt sich selbst an. Allerdings bietet den Wildmöhren auch den Vergleich, was die jahrtausende währende Zucht aus dem Mörchen gemacht hat. Die wilde Wurzel ist in ihrem beige-weiß doch eher unspektakulär auch nicht sonderlich groß. Sie schmeckt zwar nicht unfein, aber als Aromabombe würde ich sie nun auch nicht bezeichnen.

Ich glaube, die Möhre hat ihren heutigen Hauptnutzen doch vor allem als Dekopflanze und Nahrung für alles von der Schwalbenschwanzraupe bis hin zu Fliegen und Erdwespen. 



Tugendbleme


Und weil es so schön wahr mit der Etymologie, zum Abschluss noch ein dezent gekürztes Wikipedia-Zitat: 

Für die Möhre bestehen bzw. bestanden auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Beschlossene, Beslotene, Bestenauw (mittelhochdeutsch), Blutströpflin, (Ostpreußen), Gälröw (Altmark), gehl Reiwe (Pommern), Hofpasteren, Kattenklawe (mittelniederdeutsch), Maidele (Württemberg auf dem Heuberg), Marach (mittelhochdeutsch), Mörwortel (mittelniederdeutsch), Mohrenkimmich (Schweiz), Mohrrüben (Sachsen, Schlesien), Moorwutteln (Ostfriesland),  Moraja (althochdeutsch), Morch (althochdeutsch), Morcha (althochdeutsch), Morche (althochdeutsch), wilde Morchen, Morel (mittelniederdeutsch), Morell (mittelniederdeutsch), Moren, Morha (althochdeutsch), Morhe (althochdeutsch), Morhel (spät-althochdeutsch), Morhelen (spät-althochdeutsch), Morhila (spät-althochdeutsch), Morich (althochdeutsch), Morling (althochdeutsch), Morochen (althochdeutsch), Morröw (Altmark), Morwortel (mittelniederdeutsch), Mouroh (mittelhochdeutsch), Muren (Eichsfeld), Murke (Wien), Murr (Siebenbürgen), Murrestängel (Siebenbürgen), Murrworteln (mittelniederdeutsch), welde Pastenach (mittelhochdeutsch), welde Pastenei, wild Peterling, gelbe Rüben (Salzburg, Bayern), geel und rot Rüben, wildi Rüabli (St. Gallen), Schatthuatbengel (St. Gallen bei Werdenberg), Tugendbleme (Siebenbürgen), Vogelnest, Vogelsnest, Wörteln (Göttingen, Pommern), Worteln (Ostfriesland), Wortlear (Helgoland), Wurtels (Ostfriesland), Wurzel (Oldenburg) und Wutteln (Ostfriesland bis Holstein)

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