Dienstag, 29. Dezember 2015

Kochbücher (I): Laura B. Russel "Brassicas"

Laura B. Russel: Brassicas. Ten Speed Press, Berkeley 2014

Als Norddeutscher in Berlin erlebe ich derzeit interessante Erfahrungen. Grünkohl, schweres Essen langer Winterabende, reichhaltige Mahlzeit norddeutscher Ortshonoratioren und bewährter Begleiter von ein bis zwölf Gläsern Korn kommt plötzlich auf in Berlin von schräg hinten durch die Hipster Health Food Apostel: als gesundes superfood „Kale“ in Smoothies, am Marktstand, in Ernährungsratgebern und als Salat. Wer hätte es je gedacht: Kohl wird langsam hip. Noch allerdings ist die aufkommende Kohl-Hipness in Deutschland eher unterentwickelt, in den USA ist man da schon deutlich weiter.



Die Vereinigten Staaten sind in Punkto gesundes Essen derzeit dabei, Deutschland zu überholen ohne einzuholen. Bei den letzten beiden Gelegenheiten, bei denen ich in den Vereinigten Staaten war, waren die Märkte exquisit, die Stände boten exorbitant gut aussehendes Obst und Gemüse an. Die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt war spektakulär, der türkische Supermarkt im die Ecke hatte ein Angebot, dass es in Berlin nur in einer Mischung aus Biomarkt und Frischecenter gibt. New York hatte gefühlt einen Obst- oder Gemüsestand alle 20 Meter. Es war beeindruckend. Und in der Mitte von all‘ dem stand Kohl.

Einerseits ist das nicht überraschend: Kohl ist so derart gesund, es ist unheimlich. Dazu ist er noch preiswert, sättigend und annehmbar unkompliziert zu verarbeiten. Und nicht zuletzt: er ist schmackhaft und aromatisch. In Deutschland aber gilt Kohl noch überwiegend als uncooles Essen der Eltern und Großeltern, berühmt und berüchtigt als Begleiter von Kasslerplatten, Schweinenackenbergen und undefinierbaren Fett-Fleischbergen.

Weswegen es spannend ist, ein Kohl-Kochbuch aus einem Land zu bekommen, in dem Kohl quasi keine Verbreitung hat und Kohl - dem Buch nach zu urteilen - ein eher exotisches Essen ist. In „Brassicas“ ist es einerseits niedlich zu sehen, wie Kohl Menschen erklärt wird, von denen die Autorin Laura B. Russel anscheinend davon ausgeht, dass sie noch nie einen Kohlkopf verarbeitet haben. Andererseits geht es frisch, offen und unvoreingenommen an das Thema. Gerade da die Autorin ihr Gemüse als „the world’s healthies vegetables“ verkaufen will, fallen natürlich die ganzen Gerichte mit den üppigen Fleischbeilagen heraus. Und Russel widerstreht auch der Versuchung, einfach zu jedem Gericht Schinken dazuzupacken. Stattdessen gibt es Kohl gedünstet und gebacken, mit Käse, Zitronen, Fisch, Gewürzen und anderem.

Einige Daten


Geschrieben hat das Buch Laura B. Russel, Food-Autorin aus der Hipster-Hochburg Portland. Oregon, Betreiberin eines Blogs, Journalistin, Autorin einer glutenfreien Kolumne in einem Stadtmagazin, und was so dazugehört. Das Buch hat 170 Seiten im Format zwischen A4 und A5. Bei amazon gibt es "Brassicas" gerade für 22 Euro. Der Name ist ist übrigens die lateinische Gattungsbezeichnung für Kohl. Die Fotos fallen ebenso wie das Schriftbild eher ins dunkel-atmosphärische, Schrift und Bilder sind aber beide noch gut erkennbar. Bisher gibt es nur eine amerikanische Ausgabe, das heißt, geschrieben in englischer Sprach, mit amerikanischen Maßangaben und ausgelegt auf die in trendigeren Stadtvierteln Portlands erhältlichen Zutaten.

Außer Rezepten

 



Das Buch hat eine allgemeine Einführung zu Kohl an sich und seinen vielen Vorzügen, Kohl und Gesundheit, Kohl in verschiedenen Ernährunsgsvarianten (vegan, vegetarisch, glutenfrei zu name it) den verschiedenen Aromaprofilen verschiedener Kohlsorten (von mild – Pak Choy, Blumenkohl – über stark – Brokkoli – „peppery“ – radish und „pungent“ – merrettich, wassabi) und ein Kapitel zu „taming the beast“, das sich mit „bold flavors“ befasst - in den USA ist Kohl an sich unbekannter, sein intensiver Eigengeschmack scheint aber auch dort gewöhnungs- und erklärbedürftig. Da das Buch anscheinend auch gar-nicht-Kohlesser abholen soll, beinhaltet das Buch noch überraschend detaillierte Anweisungen zum Waschen, Putzen, aussuchen etc. Die müssten jetzt nicht im Buch sein, als Wiederholung sind sie aber durchaus hinnehmbar.

Die Rezepte


Die Rezepte sind nach Kohlarten unterteilt und nehmen ungefähr 130 Seiten ein. Dabei kommen alle auch in Deutschland verbreiteten Kohlsorten vor: Grünkohl, Blumenkohl, Rosenkohl und Weißkohl, Asiatische Kohlsorten, Kohlrabi und Wasabi sowie in Deutschland eher seltener Blattkohl und diverse hier auch eher seltene asiatische Kohlsorten.  Jedes Rezept hat eine kurze Einführung warum es im Buch steht, was das Besondere am Rezept ist und welche möglichen anderen Varianten es noch gegeben hätte, die nicht im Buch stehen. Der eigentliche Rezeptteil mit Zutaten und Zubereitung ist ziemlich orthodox.

Wie zu erwarten bei einem Buch, das 2014 erschien und „gesund“ auf dem Titel hat, sind Kohlehydrate sehr selten in den Rezepten und Fleisch immer noch ziemlich selten. Die Zutaten gehen wild durch den Garten, sind vor allem asiatisch beeinflusst, aber auch mal mediterran, mexikanisch, oder klassisch amerikanisch. In Berlin-Schöneberg dürfte es kein Problem sein, 95% der Zutaten recht problemlos zu kriegen (der große Asia-Markt hilft, potenzielle Probleme sehe ich bei diversen exotischeren Blattkohlsorten), in Schleswig-Holstein auf dem Dorfe gäbe es da schon deutlich mehr Probleme und ein größerer Teil der Rezepte würde unkochbar werden oder bräuchte viel Fantasie beim Substituieren.

Am Ende des Buches steht eine Tabelle in der alle Rezepte aufgelistet sind und es jeweils ein Kreuz (oder keines) gibt, wenn das Rezept vegetarisch oder vegan ist, Fleisch enthält, Fisch enthält, Milchprodukte enthält, Eier enthält, Soja enthält, Erdnüsse enthält, Kokosnuß oder Sesam als Inhaltsstoff hat.


Beispielrezept:


Grünkohl- und Sußkartoffel-Sauté. In will jetzt nicht das ganze Rezept wiedergeben, eher ein Eindruck worum es geht.  Die Begründung ist, dass die Kombination von Grünkohl, Süßkartoffel und mexikanischen Gewürzen eine simple ist, die dennoch gut sowohl als Hauptgericht wie auch als Beilage funktioniert. Das Rezept besteht aus Grünkohl, der einige Minuten in Knoblauchöl gedünstet wird und Süßkartoffelstücken, die in Chili, Kreuzkümmel und Öl gebraten werden, um am Ende zusammenzukommen.

Andere typische Rezepte sind Blumenkohl-Hummus, Rosenkohl mit Pancetta und Feigen, gegrillter Brokkoli mit Senfvinaigrette und Blauschimmelkäse, gebackener Staudenbrokkoli mit in Wein gekochten Pilzen, gegrillter Pak Choy mit Miso-Butter etc.

Fazit


Für ein echtes Fazit ist es noch zu früh, da sich ein ordentliches Kochbüch natürlich in der Praxis bewähren muss und dafür einige Monate Zeit braucht. Bisher macht es einen guten Eindruck. Die ganzen Gesundheitsteile kann man lesen ohne an der Menschheit zu verzweifeln, kann sie aber auch ignorieren. Die Rezepte machen einen originelle, inspirierenden, abwechslungsreichen, schmackhaften und tatsächlich im Alltag kochbaren Eindruck. Wirkt gut. Mehr später. 

Dienstag, 22. Dezember 2015

Die Troll-Matrix

Gestern durfte ich in einem netten Cafe an einem anregenden und inspirierenden Gespräch über Trolle, ihr Wesen und Sein und ihre Klassifikationen teilnehmen. Wenig überraschend landeten wir an dem Punkt, dass eine Vielzahl verschiedenster Verhaltensweisen unter dem Troll-Begriff zusammengefasst werden.

Zeit für mich, einige seit langem angefangene Gedankenansätze zusammenzubringen und die vorläufige Trollmatrix aufzuzeichnen. Nicht jeder Troll ist dasselbe, aber sie lassen sich klassifizieren.

Meine Grundthese dabei ist, dass jeder Troll ungeschriebene Grundregeln der aktuellen Kommunikation bricht. Sprich: der Troll sagt nicht das, was sein Gegenüber gerade legitimerweise erwarten kann, sondern geht darüber hinaus. Einfaches Beispiel: Wenn ich frage, ob Du nachher mit ins Cafe kommst und Du sagst "Penis, Du Arschloich", fällt die Antwort aus dem Rahmen. Komplexes Beispiel: Wenn ich zu einer Internetkonferenz eingeladen werde und dort einen Vortrag über Leinenangeln (englisch: "Trolling"), ist auch das eher unerwartet. Trotzdem ist beides natürlich verschiedenes Verhalten.

Um wenigstens etwas Übersicht in das Ganze zu bekommen, schlage ich zwei Dimensionen vor. Einmal "Intention" und "Anschlussfähigkeit."

Intention ist einfach: Wenn Du sagst "Penis. Du Arschloch", weil Du an Tourette leidest, ist das eine andere kommnukative Situation als wenn Du beleidigen willst. Gleiches gilt, wenn ich den Angelvortrag halte, weil ich aus seltsamen Grünen fälschlicherweise denke, ich bin auf einer Angelkonferenz als im Bewusstsein auf einer Internetkonferenz zu stehen.

Anschlussfähigkeit ist schwieriger zu bestimmen. Grob vereinfacht bezeichnet es in diesem Kontext die Fähigkeit auf die Trollkommunikation zu reagieren. Dabei können die Kommunikationsmöglichkeiten start eingeschränkt werden (Auf "Du Arschloch" kann man nur beschränkt antworten, auf eine wiederhlte Beleidigung wird es noch weniger) oder aber erweitert (die Reaktionsmöglichkeiten auf den Angelvortag sind Vielgestalt). Die Diskussion wird durch das Trollen stark in eine Richtung gezwungen oder geöffnet und kann einen bis dato für alle Beteiligten unerwarteten Spin bekommen.

Aufgezeichnet sieht das so aus:



Im einzelnen:  

Hater werden leider mittlerweile meistens als Trolle bezeichnet. Sie wissen was sie wollen und wollen eine Diskussion entweder ganz beenden, indem sie alle anderen vertreiben oder sie stark in eine Richtung lenken. Hierunter fallen die bekannten Fälle von massiven persönlichen Angriffen (siehe zB Gamergate), der Versuch mit unlauteren Mitteln persönliche oder politische Agenden zu pushen oder auch einfache Sachen wie Vandalismus und Penis-Spam. Sinnvoller Umgang hiermit ist zumindest theoretisch einfach: Hater sind zerstörerisch für Kommunikation und wissen das: löschen und sperren.

Rechthaber wirken oft wie Hater, aber sie wissen nicht was sie tun. Oftmals trifft man hier Menschen mit starken inhaltlichen Überzeugungen und nur eingeschränkt tauglichem Sozialverhalten. Oft fühlen sie sich un- und missverstanden. Die erhöhen die symbolische Lautstärke, auch wenn sie damit nicht besser verstanden werden, sondern andere Verschrecken. Rechthaber wirken zerstörerisch auf Kommunikation, entfalten diese Wirkung aber in bester Absicht. Bei Rechthabern hilft dann auch meistens Zuhören, verstehen und vielleicht der ein oder andere Hinweis, dass das Kommunikationsverhalten gerade ungeschickt ist. Sie wollen ja diskutieren, brauchen nur etwas Hilfestellung.

Trolle i.e.S. möchten mal einfach Spaß haben und mal auch einfach Leute aus ihrer Behäbigkeit reißen. Deren Verhalten ist am Vielfältigsten und unberechenbarsten. Kann positiv wirken, auf die Dauer aber auch sehr anstrengend sein. Zumal wenn der Troll nicht so originell ist wie er denkt zu sein. Die Reaktion hier ist ebenso wie das Trollverhalten hochgradig variabel, situations- und kontextabhängig.

Kind ist hier auch im übertragenen Sinne gemeint. Jemand sagt etwas, was nach gängigen Maßstäben für Erwachsene ungewöhnlch ist/nicht geht, und die Betroffenen freuen sich in dem Kontext. Handlung ist hier eigentlich gar nicht nötig. Das Verhalten tritt nur manchmal auf und ist diskussionsanregend. Was will man mehr?



"Ich habe Zeit gespendet, und zwar nicht zu knapp! "

Wer es noch nicht gesehen hat. Ein schönes Interview von Geolina im Deutschlandfunk zum Thema Wikipedia, Wikimedia, Spenden und Wertschätzung:

Wikipedia-Autorin wünscht sich mehr Wertschätzung



Finnish anti-vegetation task force on a Baltic sea island
Bild: Finnish anti-vegetation task force on a Baltic sea island. These sheep, owned by the government of Finland, keep the meadows from turning to thickets. By Hansenit [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Sonntag, 20. Dezember 2015

Schwimmbäder nah und fern: Stadtbad Schöneberg, Hans-Rosenthal, Berlin

Schwimmbäder sind schön. Eine der echten Errungeschaften Deutschlands ist es, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Ein Ort für alle, ein Ort für Spannung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder sind spannend und geben einen guten Einblick darin, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen und drumherum.

Den Auftakt macht quasi mein derzeitiges Heimatbad: das Stadtbad Schöneberg in Berlin.

Berlin schoeneberg stadtbad 25.11.2013 11-49-03

Gebäude:

Eigentlich ein recht spannender Bau: ein für Berlin und die Zeit typischer 1920er-Backsteinbau. Die großen Becken liegen im Obergeschoss mit Blick auf einen kleinen Park und die Umkleidekabinen im Erdgeschoss. Schon ein etwas eigenwilliges Gefühl, wenn man beim Umziehen weiss, dass gerade das komplette Becken über einem ist. Mehrfach innen umgebaut und dabei leider etwas verbaut. Von dem recht spannenden Gebäude und schönen Gebäude bekommt man drinnen kaum etwas mit und man muss schon sehr genau darauf achten, um zu merken, dass man nicht in einem austauschbaren Zweckbau ist.

Becken: 

Ein großes Becken mit 25-Meter-Bahn und 3-Meter-Sprungbrett, Kinderbecken, kleines Außenbecken, ein paar Whirlpools und eine Rutsche. Recht ordentlich, aber nicht außerordentlich. Whirlpools und Solebecken sind quasi immer voll, das Außenbecken hat zu meinen Badezeiten meistens geschlossen. Bonuspunkte gibt es für das vergleichsweise warme Wasser.
  
Umkleidekabinen/Duschen:

Duschen nett: warm, gut zu bedienen und generell nett eingerichtet. Umkleidekabinen okay, 200er-Stil in milchigem Plastik, die Gestaltung zwingt einen aber lange Gänge entlang. Deutliche Minuspunkte dafür, dass das mit dem Türen ab. und aufschließen nie so richtig funktioniert und extra Minuspunkte dafür, dass hier die "passen-Sie-auf-Diebe-auf" Warnungen selbst für Berliner Verhältnisse recht ausgeprägt sind - die Schließfächer aber im beckenbereich liegen. Sprich: man muss erstmal seine kompletten Wertsachen in Badehose durch die Gegend tragen und dann mit in die Dusche nehmen, wenn man sie nachher wegschließen will. Das System ist nicht ausgereift, 

Publikum:

Typische Schöneberger Mischung. Tendenziell jünger (so 4 bis 40), tendenziell nichtdeutscher Herkunft, überraschend viele Menschen, die tatsächlich schwimmen können. Oft sind Kurse von Meerjungfrauen-Apnoetauchen für kleine Mädchen bis zu Schwimmlernkursen für Erwachsene, auch daher ist das Publikum recht abwechslungsreich.

Restauration:

War mal drin. War okay. Muss nicht wieder sein.

Preis: 

7,50 Euro. Der Berliner Preis für besonderer Schwimmbäder. Mit den 2 Euros Extra bezahlt man für Warmwasser, Rutsche und Whirlpools.


Und sonst:

Meines Wissens als einziges der Berliner Bäder mit einem Namen versehen: Stadtbad Hans-Rosenthal. Der Moderator Hans Rosenthal hat hier Schwimmen gelernt. Mit 25, nachdem es ihm vorher als Juden in NS-Deutschland nicht erlaubt und möglich war. Endlich mal eine Benennung mit Sinn und Verstand und Würde.

Empfehlenswert?

Dafür, dass das Bad eigentlich nichts besonderes hat, sind 7,50 Euro schen ein recht steiler Preis. Andererseits: das Wasser ist warm, das Publikum angenehm und das Bad an sich ein nettes.


Sonntag, 13. Dezember 2015

Wikipedianer wandeln durch Weltstadt: KNORKE wird 10

Ach, was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein und die Welt war groß und aufregend, sondern auch danach was vor der eigenen Haustür passiert. Dabei ging es nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehört auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden auch Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin ist dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rauh und nicht für jeden Stadtführer geeignet. So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner (unter anderem Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben: die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln und sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafes.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese auch einmal persönlich anzuschauen. Und wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dzember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen sind spärlich, was aber erhalten blieb war:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer genau bei jener legendären Tour sonst geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*) und es machte Lust auf mehr.

Wannsee29 KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour (Hackescher Markt) und einen Monat später der dritte Anlauf (Prenzlauer Allee). Betreut, gepflegt und koordiniert von Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKES von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerisches Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen durch das Botschaftsviertel, rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sondern-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei wage den Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbrauchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin LandnutzungBerlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen dabei recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenes Augens und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf, mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermanstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel gekuckt, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour sogar Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die KNorkisten sogar, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewönung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber mal neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufen auch deutlich mehr als derjenige der die Tour ansetzte. Manchmal glauben die Mitlaufenden auch mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird dann oft etwas anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01 Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour die Müllerstraße im Wedding entlang. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße. Und Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.


(*) Wobei ich sagen muss: 2005 fand ich den Hermannstraßenartikel ja super, mittlerweile aber eher gräßlich!

Dienstag, 1. Dezember 2015

In Verteidigung eines Gangster-Rappers #Haftbefehl #Böhmermann #trollen

Böhmermann


Vor einigen Tagen veröffentlichte der deutsche Comedian Jan Böhmermann ein mittellustiges Video, in dem er sich über deutschen Gangster-Rap lustig macht und seinen eigenen Polizisten-Rap dagegen setzt. Das Video hat eine recht einfache Struktur: er nimmt die üblichen Text-Bild- und Musikklischees des Gangster-Raps und überall, wo der echte Gangster-Rapper seine "Homies" nennen und preisen würde, nennt und preist Böhmermann die deutsche Polizei.

Da jener Böhmermann ein Liebling des sich selbst hip dünkenden Teils des deutschen Feuilletons und dessen Lesern ist, folgte eine intensivere Diskussion unter weißen Bildungsbürgern, ob sich weiße Bildungsbürger über Gangster-Rap lustig machen dürfen oder nicht. So weit so normal.

Haftbefehl 


Böhermann hat sich aber nicht nur über den Gangster-Rap als Genre lustig gemacht, sondern sich ein spezielles Vorbild genommen: den Offenbacher Gangster-Rapper Haftbefehl und dessen Stil. Damit wird die Sache interessant. Während die Diskussionen bei Böhmermann und dem bildungsbürgerlichen Diskurs-Zirkel ja im eigenen Kreis blieben, ist Haftbefehl nicht Teil der In-Group. Böhmermann und die Bildungsbürger stehen letztlch auf derselben Seite und werden es bei aller Uneinigkeit zum selben Thema auch bleiben. Haftbefehl ist nicht Teil des Witzes und kann und darf auchuch nicht mitlachen. Für Haftbefehl gibt es die Optionen "Mitlachen" nicht, wenn, dann ist es "lachen über ihn."  Böhmermann hat provoziert, oder, wie wir im Internet sagen, Böhmermann versucht Haftbefehl zu trollen. Haftbefehl hat mit einem Battle-Rap geantwortet.

Trollen ist ein Thema hier bei Iberty, und noch mehr ist ein Thema "wie geht man mit dem Troll um". Das jetzt-Magazin hat Haftbefehl getadelt "das wiederum heißt vor allem: Jan, ich nehme dich ernst. Was wahrscheinlich die kontraproduktivste Reaktion ist, die ein Gangster-Rapper zeigen kann, wenn ihn ein Comedian angeht." Jetzt könnte nicht falscher liegen! Ernst-nehmen ist das Beste was Haftbefehl hier machen kann.

Und das Trollen


Um die Reaktion von Haftbefehl einzuordnen, muss man zum Glück weder Ahnung von Gangsterrap noch vom hippen  Teil des Feuilletons haben. Es reichen angewandte Troll-Fähigkeiten. Ein Troll wie Böhmermann will angreifen ohne sich selbst angreifbar zu machen, provozieren ohne zur Rechenschaft zu ziehen zu sein. Böhmermann kann das, und bringt den angegriffenen in eine unangenehme Situation. Bei Böhmermann, wie bei jedem Troll, gibt es im Wesentlichen vier halbwegs sinnvolle kurzfristige Reaktionsmöglichkeiten, die je nach Kontext besser oder schlechter geeignet sind:

Löschen und sperren: fällt hier wohl aus, weil Haftbefehl die Möglichkeiten zum Löschen fehlen.

Ignorieren: Das empfohlene Standard-Vorgehen gegen Trolle und auch vom jetzt-Magazin empfohlen.
Ignorieren funktioniert wenn es alle machen. Bei einem Böhmermann-Video mit 4,5 Millionen Aufrufen, das vermutlich mittlerweile größere Teile der Szene entdeckt haben, ist es dafür auch zu spät.

Darauf einsteigen: die Möglichkeit wäre, auf das Spiel einzusteigen, und selbst ein entsprechendes Satire-Video aufzumachen. Satire aber ist Böhmermanns Spielfeld, Satire kann er besser und Böhmerann würde es deutlich ausspielen.

Ernst nehmen: ist eine elegante Methode um mit Trollen umzugehen. Es verlagert das Spielfeld auf Haftbefehls Terrain und bringt eine neue Verbindlichkeit ins Spiel. Jetzt ist Haftbefehl derjenige, der Inhalt und Stakes hat, während Böhmermann absichtlich noch im unverbindlich-unkonkreten geblieben ist. Damit das Video ernst genommen zu haben, stellt Haftbefehl Böhmermann vor eine Wahl: entweder er macht weiter wie bisher und bleibt unverbindlich und satirisch: dann allerdings ist Böhmermann der oberflächlich-abgehoben bleibende Laberkopf, der nicht wirklich einen Inhalt hat. Oder Böhmermann steigt darauf ein, dann allerdings ist plötzlich er auf Haftbefehls Terrain und muss nach dessen Spielregeln spielen. Und bei einem echten Rap-Battle hat Böhmermann wahrscheinloch wenige Chancen.

Chapeau, Haftbefehl.

P.S: und was ich nun an Böhmermanns Stelle machen würde: ernst nehmen. Nicht in Form eines Rap-Battles, sondern tatsächlich in ernster Auseinandersetzung. Dann muss Haftbefehl entscheiden ob er nun in seiner Blase bleiben will, oder inhaltlich darauf eingehen.