Mittwoch, 24. Juni 2015

Was wurde eigentlich aus ... Pegida?

Wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn? Gibt es Pegida überhaupt noch?

Die ein oder andere wird sich noch erinnern. In diesem Blog war der wildgewordene aggressive Dorfprovinzialismus namens Pegida schon desöfteren Thema. Der letzte Post stammt aus dem Februar, als der Niedergang Pegidas sich abzuzeichnen begann und ich prophezeite:

sehe ich auf die Dauer ein paar Pöstchen in der AfD (letztlich egal), viele tausend frustrierte Sachsen (unangenehem, sowohl für die Menschen wie auch für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben) und leider ganz neue Netzwerke zwischen Neonazis, Hools und Rechtskonservativen Bürgerlichen

Jetzt haben wir Juni, und einiges ist passiert: Pegida läuft - bei stets sinkender Beteiligung - immer noch im Kreis, Legida in Leipzig ist endgültig zum kleinen Häufchen geifernder nazistischer Wahnwichtel geworden, die Bürgermeisterwahl in Sachsen wäre mit 10% für Pegida eigentlich ein grandioser Erfolg gewesen -war angesichts der geweckten Erwartungshaltung aber ein großer Reinfall. Die Gidas sind gerade dabei zu zerfallen und in Freital bei Dresden rottet sich ein Mob vor dem Flüchtlingshein zusammen, der an die frühen 1990er erinnert.

Pegida


Aber der Reihe nach: Pegidas Programm bestand im Wesentlichen aus drei Punkten: Ausländer gehören raus/verboten/abgeschafft/körperlich angegriffen, für Volksabstimmungen und im Kreis laufen. Das ist ein einfaches Programm mit niedrigschwelligen Eintrittshürden und dementsprechend ließ sich auch schnell eine Masse organisieren. Andererseits führt es zu nichts: inhaltlich ist es nicht nur abartig sondern auch unbestimmt, wenig konkret und damit auch wenig handlungsleitend. Immer nur im Kreis hat auch nicht wirklich Außenwirkung, es sei denn nebenan zerbricht gerade die Sowjetunion. Irgendwie hat bei Pegida aber niemand realisiert, dass 1989 eine absolute historische Sondersituation und nicht die Regel war. Seitdem der Oertel-Flügel mit seinem Hang zur Volksabstimmung aus Pegida raus ist, lässt sich Pegida endgültig als "ein paar hundert Ausländerfeinde laufen im Kreis" zusammenfassen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann laufen sie...

Immerhin fiel selbst den Pegidisten auf, dass sie irgendwas anders machen müssen, um nicht komplett zu ermüden. Sie kandidierten für den Dresdner Bürgermeister. Und sie fanden dazu mit Tatjana Festerling eine Frau, die zwar stramm rechts ist und im Gegensatz zu allen anderen Pegidisten rhetorisch was drauf hat, aber sonst eher eine eigenwillige Wahl war. Der arrogante Wessi rinnt ihr aus jeder Pore, sie hat keinen Bezug zu Dresden, kein Interesse an Kommunalpolitik und Festerlings großes Thema - "Genderismus und die Frühsexualisierung der Kindheit" - interessiert nun bei Pegida auf der Straße niemand. Trotzdem hatte sie zehn Prozent. Das ist an sich und von außen betrachtet beachtlich bis sehr erschreckend - da Pegida aber seit Monaten erzählt, dass der große Umbruch bevorsteht und Pegida quasi das ganze Volk vertritt, war es natürlich eine deutliche Klatsche. Dass Pegida nun im zweiten Wahlgang den im besseren Sinne liberalen FDP-Kandidaten unterstützt (Er ist nicht die SED!!! Efl!!!) hat ihr bei den Sympathisanten nicht nur Freunde gebracht.

Legida


Legida in Leipzig hatte eh nie mehr als ein paar hundert Teilnehmer und nähert sich zielstrebig den zweistelligen Zahlen. Inhaltlich sind die so sehr entrückt - selbst als ich noch politisch aktiver war und regelmäßig echte Naziblätter las, wären die Legida-Veröffentlichungen da mittlerweile im wirreren Teil des Spektrums angekommen.

Und wie das so ist: wenn eine Bewegung Erfolg hat, finden sich alle möglichen Gruppen und Grüppchen zusammen und wenn der Erfolg nachlässt, brechen die Differenzen auf. Legida hat mittlerweile den Gründer vor die Tür gesetzt, der dafür einen anderen Gida-Dachverband gegründet hat, Tatjana Festerling schwänzt Pegida-Veranstaltungen und geht lieber zu Sarrazin, Lutz Bachmann erzählt von der Kanzel wer alles gut und schlecht ist und schließt Bagidas aus, während diejenigen unter Widerstand Ost-West gerade versuchen Pegida bei Facebook zu überholen. Auch das wird andauern..

Und die Hools


Und was noch: die Hools, politisch deutlich positionierte Neurechte und Neonazis treten deutlicher zuvor. Auf den Facebook-Diskussionen gewinnt die Forderung Steine zu werfen, "Sache zu machen", "Jetzt mal loszulegen" etc. deutlich an Gewicht. "Besorgte Bürger" - selbst in ihrer Version als aggro Dorfdeppen - sind weit und breit nicht mehr in Sicht. Auf den einschlägigen Facebook-Seiten sind mittlerweile fast durchgehend Polithools mit festem Weltbild und Neigung zur Aggressivität präsent.

Da passt es dann auch, jetzt der Mob inklusive Lutz B vor dem Flüchtlingsheim in Freital steht und Böller fliegen. Leider eine konsequente Fortführen von Pegida..

Und zu meiner These aus dem Februar:

sehe ich auf die Dauer ein paar Pöstchen in der AfD (letztlich egal),

Nicht einmal das. Die ganzen Gidas haben sich in einem derartigen Tempo selbst aus dem AfD-affinen Teil des Diskurses verabschiedet, dass anscheinend niemand aus den Gidas den Sprung dahin geschafft hat.

viele tausend frustrierte Sachsen (unangenehem, sowohl für die Menschen wie auch für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben)

Sehr wahrscheinlich. Die frustrierten Sachsen sind ja deshalb so frustriert, weil sie sonst keine Möglichkeit haben sich zu artikulieren. Aber all' die Demo-Teilnehmer sind noch da, die haben noch ihre Meinungen und die werden leider auch irgendwann bei Gelegenheit wieder hervorkrauchen.

und leider ganz neue Netzwerke zwischen Neonazis, Hools und Rechtskonservativen Bürgerlichen

So ganz mit dem Anschluss an das organisierte Bürgertum scheint es doch nicht gereicht zu haben. Aber Nazis & Hools & Dorfprominenz vereint - siehe Freital.


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