Freitag, 28. Januar 2011

Einmal San Francisco und zurück

Ihr habt so entschieden. "Ein Tag aus dem Leben eines Mitarbeiters…" war in der Abstimmung vor ein paar Wochen euer klarer Favorit. Noch weit vor den Schafen und den Chilischoten in meinem Vorgarten. Also habe ich gestern mal versucht, alles mitzuprotokollieren. Um es gleich vorwegzunehmen: ein normaler Tag war das nicht; üblicherweise komme ich etwas früher nach Hause. Und Namen und Details gibt es auch nicht. Was bleibt, ist einfach "Einmal San Francisco und zurück"…

0:17 Kann nicht schlafen. Als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue, ist es schon nach Mitternacht.

5:25 Der Wecker klingelt; ich greife zu meinem iPad und verschaffe mir einen Überblick über die Emails – mein Supervisor hat mir noch um 2:00 nachts eine Nachricht geschrieben und meint, ich solle doch zu Hause bleiben, falls ich mich immer noch krank fühle. Geht nicht, denke ich – hab doch ein wichtiges Meeting heute um 13:30.

5:35 Rasur, Dusche – Morgenroutine.

6:03 Es ist stockdunkel draußen und ein wenig neblig. Ich fahre mit meinem Prius zur Bushaltestelle.

6:22 Busfahrt nach San Francisco; Vorbereitung meiner Presentation zum Five Year Plan der Foundation und zum individuellen Goal-Setting meiner Mitarbeiter; immer noch überall Nebel. Zwischendurch schaue ich auf meine Beobachtungsliste in der deutschsprachigen Wikipedia. Dann kurz auf das Abstimmungsverhältnis in Sachen Schiedsgericht.

7:50 Ankunft in San Francisco, Ecke Battery und Market.

8:02 Kaufe mein morgendliches Croissant und einen entkoffeinierten Kaffee im Café Madeleine, direkt unter unserem Büro.

8:05 Ankunft im Büro. Unsere Team-Assistentin schaut mich an und meint, ich hätte lieber zu Hause bleiben sollen. Ungefragt schaufelt sie mir den gesamten Freitag von Meetings leer, damit ich von zu Hause arbeiten kann. Ich freue mich, denn von zu Hause zu arbeiten bedeutet in den meisten Fällen, dass ich mehr auf meiner To-Do-Liste abarbeiten kann, als wenn ich im Büro bin.

8:07 Frühstück vor dem Computer; jetzt nehme ich mir etwas mehr Zeit für die Emails und schiebe die dringendsten auf meine To-Do-Liste.

8:27 Blick auf den heutigen Kalender: mein Check-in um 9:00 fällt aus. Die Zeit kann ich also noch gut nutzen, um mich kurz vor unserem wöchentlichen Teammeeting mit meinem Projektmanager zusammenzusetzen. Das Teammeeting ist dann von 10:00 bis 12:00. Um 12:30 werde ich mich mit unserer Research Analyst treffen, und die Datenauswertung für das zweite Semester der Public Policy Initiative diskutieren. Um 13:30 habe ich eine halbe Stunde mit der Geschäftsführung. Von 14:00 bis 15:00 soll ich mit einem "J." treffen. Wer ist das nochmal? Ich muss unbedingt vorher nochmal die entsprechende Mail raussuchen. Von 15:30 bis 17:00 findet ein Community-Team Brainstorming statt. Mit etwas Glück sollte ich den Bus um 17:16 erreichen können. Dann könnte ich gegen 19:15 zu Hause sein.

8:34 Ich ziehe mich in einen unserer Besprechungsräume zurück, damit ich nochmal in Ruhe ein paar Dinge durchgehen kann. Ergänze das Dokument mit meinen persönlichen Zielen für das erste Quartal 2011 (das werde ich nachher in der Teampräsentation als Beispiel und Vorlage für die Teammitglieder zeigen).

9:15 Mein Projektmanager ist noch nicht da. Langsam werde ich nervös. Ich würde die Teampresentation wirklich gerne nochmal vorher mit ihm durchgehn.

9:30 Der Projektmanager kommt im Büro an. Wie immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Ich dränge ihn gleich in einen unserer Besprechungsräume und fange an, meine Folien für das Teammeeting mit ihm durchzugehn.

10:03 Unsere Team-Assistentin steckt den Kopf zur Tür herein und erinnert uns daran, dass die Besprechung eigentlich schon laufen sollte.

10:05 Das wöchentliche Public Policy Initiative Team Meeting beginnt. Zwei Teammitglieder sind per Skype dazugeschaltet. Die anderen sitzen in Raum 7, der nach "Ephraim Chambers" benannt ist. Erster Punkt  auf der Tagesordnung ist meine Kurzpräsentation zum Five Year Plan der Foundation und wie unsere Arbeit sich in diesen einfügt. Ich stelle die Ziele für "Wikipedia as a teaching tool" vor, die wir bis 2012 erreichen wollen. Dann ist der Projektmanager dran und erklärt, wie die einzelnen Teammitglieder ihre individuellen Ziele bis September (Ende des Projektes) festlegen. Wir üben das mit dem Team anhand einiger Beispiele, bis klar ist, dass alle wissen, worum es geht. Dann bin ich wieder dran und erkläre nochmal die technischen Details (anhand meiner eigenen Ziele, die ich schon vor ein paar Wochen festgelegt habe). Zum Schluss eröffnen wir die wöchentliche Ankündigungsrunde: was gibt es, dass die anderen Teammitglieder diese Woche wissen sollten? Manchmal geht es dabei reihum – heute haben nur zwei aus unserem Team etwas, was für das gesamte Team von Interesse ist.

11:55 Das Teammeeting ist zu Ende. Beim Verlassen des Raumes frage ich meinen Projektmanager, ob wir vielleicht gemeinsam Mittagessen gehen wollen (meistens holen wir nur schnell etwas beim Chinesen um die Ecke und essen das dann gemeinsam im Büro). Da ruft mir jemand zu: "Hey, heute ist doch das Staff-Lunch". Das hatte ich ganz vergessen. Ab und zu besorgt jemand Essen für alle Mitarbeiter und wir essen dann gemeinsam. "Stimmt", denke ich. "Dafür hatte ich mich ja Anfang der Woche irgendwann mal eingetragen."

12:03 Wir fahren mit dem Aufzug in den sechsten Stock, wo schon Plastikschalen mit dampfendem indischen Essen bereitstehen.

12:15 Ich unterhalte mich mit einem unserer Projektmanager über persönliche Ziele. Er erzählt mir, wie er jedes Jahr ganz gezielt versucht, seine Freundschaften zu pflegen. Ich denke mir, das sollte ich wohl auch auf meine persönliche Agenda setzen. Die meisten meiner Kontakte in Deutschland sind nach dem Umzug in die USA verloren gegangen. Innerhalb der Woche ist nicht viel Zeit und das Wochenende möchte ich mir gerne für die Familie oder für die Artikelarbeit in der Wikipedia freihalten. Da bleibt manches auf der Strecke.

12:38 Unsere Research Analyst fragt mich mit vorwurfsvollem Blick, ob ihr Treffen mit mir heute ausfällt. Ach ja, das sollte ja schon seit acht Minuten begonnen haben…

12:45 Die Research Analyst und ich sind (nach einem Umweg über das Café im Erdgeschoss) nach Raum 7 im dritten Stock zurückgekehrt und unterhalten uns über Methoden zur Datenbankauswertung. Es geht darum, wieviele einzelne Artikel unsere Studenten verbessert haben und eine Reihe anderer Metriken, mit der wir den Erfolg unseres Botschafter-Programms an den Universitäten messen. Ich führe der Research Analyst einige der Tools vor, die ich im letzen Herbst programmiert habe und wir einigen uns darauf, dass sie mir per Mail eine Liste zuschickt, was sie noch zusätzlich braucht.

13:28 Ich laufe schnell rüber zu Raum 1, wo um 13:30 mein halbstündiges Treffen mit der Geschäftsführung beginnen soll. Da findet aber noch ein anderes Meeting statt und so stelle ich mich auf eine Wartezeit ein. Während ich warte, stellt der Assistent der Geschäftsführung mir eine Journalistin vor, die heute und morgen bei uns im Büro ist. Sie möchte gerne genau wissen, woran wir gerade arbeiten und ich gebe ihr einen Überblick.

13:45 Aus meinem Treffen mit der Geschäftsführung wird heute nichts. Ich mache einen neuen Termin für nächsten Montag aus. Da erscheint "J.", von dem ich immer noch nicht weiß, wer er ist. Dann stellt sich heraus, dass J. längere Zeit bei Linden Lab gearbeitet hat und sich jetzt mit einigen von uns treffen möchte, um Erfahrungen auszutauschen.

13:48 J. und ich sitzen in Raum 2. Wir stellen uns gegenseitig vor und reden dann über J.s Erfahrungen mit der Second Life-Community. J. stellt mir verschiedene Ansätze vor, wie er als Produktmanager daran gearbeitet hat, mehr Leute zum Mitmachen bei Second Life zu motivieren. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich finde alles, was Jack mir erzählt superspannend und möchte gerne, dass er sich Anfang nächster Woche noch einmal mit meinem Team trifft. Bei der Verabschiedung verspricht er, mir eine Mail mit einem Terminvorschlag zu schicken.

14:55 Nach dem Treffen mit J. gehe ich kurz nochmal rüber zu meinem Team und lobe unsere Communications Associate für die letzten Blog-Postings auf dem Wikimedia-Blog. Danach gehe ich nochmal kurz die Emails durch, die in der Zwischenzeit auf meinem Account aufgelaufen sind. Ich beantworte die wichtigsten davon und mache mich bereit für das nächste Meeting.

15:25 Ich fahre mit dem Aufzug zurück in den sechsten Stock. Mein Supervisor möchte mit den Fellows und allen festangestellten Mitarbeitern des unseres Departments darüber sprechen, welche Projekte für das nächste Jahr geplant sind. Schwerpunkt unserer Arbeit wird es sein, die Beteiligung an Wikipedia zu steigern. Wir wissen schon seit geraumer Zeit, dass die Zahl der Neuanmeldungen zurückgeht und wollen unsere verschiedenen Projekte zu diesem Aufgabengebiet koordinieren und mit der Geschäftsführung abstimmen.

15:32 Das Meeting startet. Die Mitarbeiter und die Fellows stellen reihum ihre Projekte vor und bekommen dann Feedback. Die Diskussion ist ausgesprochen konstruktiv, allerdings dauert die Sitzung dann doch länger, als wir alle dachten.

17:18 Jetzt sollte ich eigentlich schon im Bus nach Hause sitzen. Der ist aber eh schon abgefahren und ich möchte das Meeting auch nicht vorzeitig verlassen.

17:35 Die Sitzung ist vorbei und ich fahre zurück in den dritten Stock, um kurz auf die Toilette zu gehn und dann meine Sachen zu packen.

17:48 Auf dem Weg zur Bushaltestelle hinterlasse ich zu Hause auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht für meine Frau, dass ich heute später nach Hause komme und sie sich keine Sorgen zu machen braucht.

18:05 Der Bus scheint Verspätung zu haben.

18:12 Der Bus kommt endlich an. Ich suche mir einen Platz, klappe mein MacBook auf und öffne das Email-Programm.

19:02 Wir stehen im Stau. Mist, ich werde dann wohl noch später zu Hause sein, als ich dachte. Im Bus schniefen alle und der Mann, der neben mir sitzt, scheint genauso erkältet zu sein wie ich.

19:19 Die Freiwilligen, die das Wikipedia Botschafter-Programm in der englischsprachigen Wikipedia koordinieren, scheinen sich per Mail auf ein wöchentliches Skype-Meeting am Sonntag einigen zu wollen. Ich denke kurz darüber nach, ob ich das für eine wirklich gute Idee halte und beschließe dann, die Sache einfach laufen zu lassen. Vielleicht können die ja wirklich nicht unterhalb der Woche.

19:23 Ich starte meinen Browser, um nochmal auf meine Beobachtungsliste zu schaun. Da fällt mir der neue Artikel des Tages ins Auge. "In Erinnerung an Geos († 22. Januar 2011)" steht da. Das finde ich schön und angemessen. Ich war mit Geos nicht immer einer Meinung, die Nachricht von seinem Tod hat mich aber umgehaun.

19:25 Wir kommen in Rohnert Park an. Die meisten verlassen schon hier den Bus. Für mich ist es jetzt auch nicht mehr weit. In etwa einer halben Stunde sollten wir in Santa Rosa sein. Ich klappe mein MacBook zu und lese noch eine Weile auf dem iPad in einem meiner Bücher zur Geschichte Amerikas im 18. Jahrhundert. Vielleicht fällt ja etwas für den Artikel zu Benjamin Franklin ab, an dem ich gerade arbeite.

20:12 Ankunft an der Endhaltestelle. Ich wünsche dem Busfahrer noch einen guten Abend, gehe dann zu meinem Wagen und fahre nach Hause.

20:25 Das Garagentor öffnet sich. Ich bin wieder zu Hause. Ich öffne die Tür; meine Frau telefoniert gerade mit unserer jüngeren Tochter. Dann erzählt sie mir, dass sie heute einen Patienten hatte, der aus Stuttgart stammte. Der war vor mehr als 40 Jahren nach Alaska ausgewandert, hatte dort ein Restaurant eröffnet und ist jetzt in Santa Rosa gestrandet. Meine Frau ist stolz darauf, dass sie mit dem Stuttgarter Deutsch sprechen konnte. Ihre Sprachkenntnisse werden immer besser. Letzte Woche haben wir uns "Küstenwache" übers Internet angeschaut. Irgendwie skurril – ich muß mich bei sowas manchmal kneifen, um mich daran zu erinnern, dass ich nicht mehr in Niedersachsen bin.

20:33 Ich stehe unter der Dusche und lasse das heiße Wasser an mir herunterlaufen. Entspanne mich.

20:48 Ich sitze am Esstisch und genieße einen getoasteten Bagel mit Käse. Meine Frau sitzt neben mir und wir erzählen uns gegenseitig von unserem Tag.

21:30 Ich gehe ins Bett und klicke mich auf dem iPad nochmal durch die Wikipedia. Lese mir einige der Artikel durch, die unter "Laufende größere Artikelprojekte" in der Redaktion Geschichte gelistet sind.

22:13 Ich wache auf und merke, dass ich eingenickt bin. Das iPad liegt neben mir auf dem Bett. Ich mache das Licht aus und schlafe ein.



Ohne Konsens geht es nicht.



Vor einiger Zeit hat Tolanor hier einen längeren Post veröffentlicht, in dem er die Meinung vertritt, dass das Konsens-Prinzip einer der ärgsten Feinde der offenen Wikipedia ist. Ich versuche es mal mit einer kleinen Gegenrede.

Ohne das Konsens-Prinzip wäre die Wikipedia schon längst tot oder ein chaotisches Forum, dass nach 10 Jahren keinen Pressebericht wert gewesen wäre.

Der Konsens in der Wikipedia fängt bei den einfachsten Sachen an, wie sieht ein Artikel aus, wie soll er formatiert werden, welche Überschriften beinhaltet. Dies sind alles Formalitäten die sich irgendwann in der Anfangszeit herausgebildet haben und die mehr oder weniger befolgt werden. In der Regel haben sich mal zwei, drei Leute Gedanken gemacht und der Rest hat das für gut befunden und angewandt oder es hat ihn einfach nicht interessiert.

Die per Konsens gefundenen Regeln wurden immer zahlreicher und irgendwann hat sich ein komplexes System entwickelt. Ob es immer sinnvoll ist, das dieses so umfangreich in Breite und Tiefe ist, steht auf einem anderen Blatt. Viel wichtiger ist, dass es dafür sorgt das über viele Dinge nicht ständig Diskussionen geführt werden müssen und man sich auf das Wichtige an der Wikipedia „das Schreiben von Artikeln“ konzentrieren kann.

Nun wurden in vielen Bereichen spezielle Regelungen (Namenskonventionen, Formatvorlagen, Relevanzkriterien) gefunden. Deren Ziel war immer, einen relativ einheitlichen Artikelbestand zu erreichen. Die einzelnen Artikel zu einem Thema sollen einander ähnlich sein in Struktur und Qualität. Dies hilft nicht nur den Autoren beim Erstellen neuer Artikel, sondern auch den Lesern.

Für einen neuen Autoren sind die Regelungen vielfach komplex, schlecht auffindbar und nachvollziehbar. Jetzt kommt der entscheidende Moment; wie die schon länger mitarbeitenden Benutzer auf einen Neuling reagieren. Die einen weisen ihn daraufhin, dass es schon immer so war und es nichts zu ändern gibt. Ein paar andere können ihn eventuell auf alte Diskussionen verweisen und die dritte Gruppe versucht es mit argumentativer Überzeugungsarbeit. Nun gibt es aber auf Grund des offenen Charakters der Wikipedia das Problem, dass diese Diskussionen im Extremfall dauernd zu führen sind. Bestimmte Regelungen müssen ständig argumentativ verteidigt werden. Nun könnte man argumentieren: „Ist doch gut, dass ein Thema ständig in der Diskussion bleibt“. Nur führt dies über kurz oder lang dazu, dass diejenigen die ständig diese Diskussionen führen, irgendwann ausgebrannt sind. Das ständige Wiederholen der gleichen Argumente bzw. Wiederlegen der immer gleichen Gegenargumente ermüdet auf die Dauer und führt zu einer Abschottung.

Ein Verweis auf frühere Diskussionen funktioniert in der Regel nicht, da es keine Indizierung des Archives gibt und eine normale Google-Suche vielfach ineffektiv ist. Somit sind die Diskutierenden auf ihr Erinnerungsvermögen angewiesen. Dieser Effekt wird sich in Zukunft noch verstärken.

Ein Neuling hat am Anfang nur zwei Möglichkeiten. Entweder er passt sich an und übernimmt die Regelungen oder er geht in Opposition. Eine solche Oppositionshaltung führt jedoch schnell zur Ernüchterung über die „offene Wikipedia“, da ihm in der Regel mehrere Diskutanten gegenüber stehen und er mit seinen Argumenten nicht mehr durchdringt. Eine anfängliche Anpassung an den Konsens hat den Vorteil, dass er (nebenher sozusagen) sich die verschiedenen Argumente in den Archiven erlesen kann. Er kann dann später besser entscheidende Ansatzpunkte und auch eventuell Verbündete für Veränderungen finden. Das Ziel soll aber am Ende nicht irgend ein Dissens sein. Auch der Neuling strebt eine Art Konsens an, eben nur einen anderen als den bisher bestehenden.

Im Gegensatz zu Tolanor sehe ich nirgends die Entstehung eines inner circle und einer damit einhergehenden Konsenskultur. In den Jahren bis Ende 2004 war eine Autorengemeinschaft entstanden die aber nach außen relativ durchlässig war. Ständig kamen neue gute Autoren dazu. Vor allem die Jahre 2005 bis 2007 bescherten der Wikipedia einen kontinuierlichen Zuwachs.

Der Konflikt bei der Entstehung der Qualitätssicherung war im Grunde ein Streit um die weitere Verfahrensweise mit den Löschkandidaten. Ein Streit der auch heute noch anhält. Vielen Benutzern ist ein sieben Tage im Artikel befindlicher Löschantrag ein Dorn im Auge. Wurde früher der Löschantrag durch eine QS-Markierung ersetzt, sind es heute die Löschantragsentfernungen die für Aufregung sorgen.

Der Konflikt um die Babelbausteine entbrannte an der Tatsache, dass einige Accounts Babelbausteine bastelten und ihre Benutzerseite verzierten, anstatt Artikel zu schreiben. Dies ging soweit, dass versucht wurde entsprechende Kategorien und Seiten im Benutzernamensraum zu etablieren. Viele sahen darin einfach die Gefahr, dass die Wikipedia zu einem MySpace/Facebook-Equivalent mit angehängter Enzyklopädie wird. Ein ähnlicher Konflikt war der im letzten Jahr ausgebrochenen Signaturstreit. Einige Benutzer versuchten mit besonders ausgefallenen Signaturen (Zeichen, Bilder) etc. Aufmerksamkeit zu erregen. Gab es bis dahin denn weitgehend eingehalten Konsens die eigene Signatur schlicht zu gestalten. Erst der Signaturstreit führte letztendlich zu einem Meinungsbild und der Festschreibung dieser Regelungen.

Was natürlich besteht, ist eine mehr oder wenige große Abneigung seine bisherige Arbeitsweise etc. ständig in Frage zu stellen. Dies ist aber keine wikipediatypisches Problem, es trifft auf nahezu alle Bereiche des Lebens zu. Nach einer gewissen Zeit hat man sich soweit in einer Umgebung eingerichtet, dass die eigene Trägheit sich einer Veränderung entgegen stemmt. In dem man in der Wikipedia auf einen „Konsens“ verweist, macht man nichts anderes als den hergebrachten Beamtengrundsatz: „Das war schon immer so.“ mit Leben zu füllen.

Die Konflikte in der Wikipedia werden dadurch verschärft, dass man es nicht geschafft hat eine Diskussionskultur zu etablieren, die auf ad-personam-Argumente verzichtet. So werden heute vielfach Argumente eingesetzt, die eher den anderen Benutzer im Visier haben, als das Objekt des Konfliktes selber.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation?

Dieser wäre nur möglich, wenn alle über ein paar Punkte einen Konsens erreichen:
  • dem Anderen geht es auch um die Verbesserung der Enzyklopädie
  • der Andere hat sich auch Gedanken über die Problematik gemacht
  • jeder ist sich bewusst, dass er nicht alles weiß und deshalb auch auf die Erfahrung der Anderen angewiesen ist
  • man muss nicht zu allem seine Meinung dazugeben, vor allem wenn einem eine Thematik nicht oder nur peripher berührt
  • Anerkennung von Mehrheiten

Ihr sagt: »Alles ist erlaubt!« Mag sein, aber nicht alles ist deshalb auch schon gut. Alles ist erlaubt, aber nicht alles fördert die Gemeinde. (1. Kor. 10,23)

Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. (1. Kor. 12,12)

Gruss aus dem Land der Fieberträume

Es ist schön hier, aber ein paar leichte Nebel lichten sich. Vage Konturen einer Realität zeichnen sich wieder ab.


Montag, 24. Januar 2011

Bahnfahrtkarte zu verschenken. Berlin -> Basel einzulösen bis 29.1.

Wer mag melde sich bei meinem gmail-account dirkingofranke.


Flugzeugmontag: "Und kurz vor unserer Ankunft servieren wir ihnen dann noch ein Frühstück."

Wer schon einmal auf einen Langstreckenflug über den Atlantik gebucht war, kennt das, was die Lufthansa als "Frühstück vor unserer Ankunft" bezeichnet. Und damit meine ich nicht das pappige Brötchen, dem man zumindest noch ansieht, dass es bessere Zeiten hinter sich hat. Getoasted könnte dieser schaumstoffballartige Teigzombie durchaus wieder ins Reich des Lebendigen zurückwanken. Nein, ich meine das, was bei der Lufthansa als "Ei mit Spinat" firmiert.

Hebt man die Aluminiumabdeckung von der Plastikschale, in der das "Ei mit Spinat" serviert wird, denkt man unwillkürlich an den Namen "Tricatel". <ref>Diejenigen unter uns, die nicht von Louis de Funès durch die Kindheit begleitet wurden, informieren sich jetzt bitte kurz in der Wikipedia unter dem Stichwort "Brust oder Keule". Die übrigen rufen sich jene Szene ins Gedächtnis, in der Funès und Coluche durch Tricatels Fabrik streifen und die Fertigungsprozesse unter die Lupe nehmen…</ref>

Das Ei mit Spinat, das einem da in schlichter Plastiknüchternheit präsentiert wird, hat mit einem am heimischen Herd zubereiteten Rührei auch gar nichts mehr gemein. Und selbst der strohige Spinat ist nur noch dem Namen nach mit jenem geschmackvollen Gemüse verwandt, das frisch zubereitet ein feiner Begleiter von Pute oder Fisch ist. Was da vor einem liegt, erscheint in seiner Farbigkeit und Konsistenz so denaturiert, dass ich schon mehrfach (erfolglos, für Hinweise bin ich dankbar) darüber nachgedacht habe, wie man das überhaupt so hinbekommt.

Der Geschmack steht der Konsistenz in nichts nach. Das Ei schmeckt künstlich-neutral und für den Spinat gilt das selbe. Schließt man die Augen und vergisst alles, was man zuvor gesehen hat, weiß man beim Kauen nicht, was genau man da im Mund hat. Gibt man etwas von dem mitgelieferten Salz hinzu, schmeckt man – nun ja – Salz. Mehr nicht.

Mein Vorschlag an die Lufthansa: erspart den Flugreisenden den Tricatel-Alptraum und lasst das "Ei mit Spinat" einfach weg. Das Brötchen allein ist so schlecht nicht und mitsamt dem Joghurt macht das schon eine ganz passables Mahlzeit. Wer klug ist, lässt das ohnehin alles aus und begibt sich nach der Ankunft in ein Café.

Sonntag, 23. Januar 2011

Wikimedia-Mitgliederversammlung vorbei

Erstmal nur eine Kurzversion:

Unstimmigkeiten wegen verschluderter ausgesendeter Anträge und anderer Komischkeiten im Vorfeld konnten nicht ausgeräumt werden, die Versammlung war aber auch wenig motiviert, sich gleich wieder aufzulösen, und hat sich trotzdem als formal korrekt bestätigt. Bei Abstimmungen über anderen Formalkleinkram (Protokoll, Tagesordnung) gingen die Voten eher zugunsten der Misstrauens-Einberufer auf.

Drei größere Abstimmungen: Misstrauensantrag gegen den Vorstand (Etwa im Verhältnis 3:1 abgelehnt, Satzungsentwurf Vorstand (knapp an 2/3-Mehrheit gescheitert), Satzungsentwurf Alternative (sehr deutlich gescheitert).

Diskussion insgesamt kontrovers und konstruktiv, deutlich besser als ich erwartet hätte. Wobei offensichtlich zwei verschiedenen Visionen der Vereinsentwicklung im Raume stehen: Modell DRK (hierarchische Organisation plus Mitgliederbespaßung) oder offen und transparent bis es schmerzt. Meine Haltung dürfte klar sein, so freies Wissen und so..

Für Vereinsmitglieder gibt es noch eine unlektorierte Langversion im Mitgliederforum: Mitglieder:Benutzer:Southpark/MV


Und zur Kenntnis:

Vorwurf und erste replik (kurz) und zweite Replik (länger). Wozu zu sagen ist, dass - bis auf den Anwalt - niemand aus der Zählkommission zum politisch engeren oder auch nur ferneren Freundeskreis von Vorstand/Geschäftsstelle zählt.

Nachtrag dazu: Antwort der Wahlkommission.