Freitag, 17. Juni 2011

Spiegelfechter - Statussymbolik und Wirrargumente im Internet

Um es kurz vorweg zu sagen: meiner dreiviertelinformierten Rechtaufaasung nach ist kino.to-stream-ansehen in Deutschland legal, aber bescheuert. Der Umgang der Contentindustrie mit dem Internet ist..

Nein, ich will nicht schon wieder ranten, aber trotzdem bleibt mir unklar, warum jetzt gerade alle so begeistert auf den Spiegelfechters kino.to – Kriminalisierung und Kriminalität im Internet verlinken:

Dessen Kernthesen kurz zusammengefasst:

(a) Das Ansehen von Hollywood-Blockbuster ist kulturelle Teilhabe.
(b) Um kulturell teilzuhaben, muss man die sofort sehen.
(c) Jugendliche, die die Filme nicht sofort können, werden ausgegrenzt, Jugendliche, die nicht ausgegrenzt werden wollen, haben quasi keine andere Wahl als kino.to zu benutzen.

Beim ersten Punkt gehe ich problemlos mit. Beim zweiten finde ich es schon schwierig. Mittlerweile ist es möglich für wenig Geld legal Blockbuster zu sehen. Vielleicht nicht am Tag, an dem sie erscheinen, aber doch wenige Wochen danach. Für "kulturelle Teilhabe" dürfte die Verzögerung ausreichen.

Eigentlich geht es ihm auch nicht um kulturelle Teilhabe, die problemlos erreichbar wäre, sondern um soziale Teilhabe.

Er fragt:

Wie soll man einem Jugendlichen denn auch klarmachen, dass er mit dem Betrachten des neuesten X-Men-Films, über den der ganze Schulhof spricht, vielleicht gegen geltende Gesetze verstößt?

Meine je, Genauso wie man dem Jugendlichen erklärt, dass er nicht jeden zweiten Monat neue schicke Schuhe kriegt, dass er nicht iPhone 2,3,4 und 5 braucht, und dass es dieses Jahr wieder keine Karten für's DFB-Pokalfinale gibt.. die Welt ist begrenzt, live with it.

Außerdem verkennt der Spiegelfechter natürlich komplett den Sinn von Statussymbolen: die erhalten ihren Wert ja eben daraus, dass sie nicht jeder hat. Im Fall kino-to liegt die Grenze halt zwischen denen die das Internet ein bißchen beherrschen, keine Angst vor legaler Grauzone haben, und kein Problem damit schlechtes Service inmitten von Dumpster-Werbung zu kriegen, und denen, die es nicht machen. Wäre es wirklich jedem problemlos möglich so einen Film zu sehen, würde es als Statussymbol wegfallen, die ganze Diskussion wäre obsolet. Kino.to funktioniert nicht auf dem Schulhof, weil es Leuten den Zugang ermöglicht, sondern weil viele Leute es eben nicht nutzen.


Was fordert er? Ein Recht auf "jetzt gleich, alles"? Oder "Coolness nur für Techfreaks"? Oder "vier Wochen warten müssen ist Diskriminierung?" Es gibt viele, viele Gründe, den Umgang der Filmwirtschaft mit dem Internet furchtbar zu finden. Der Geltungsdrang statusbewusster Jugendlicher ist es sicher nicht.

Lustigerweise geht der Text dann auf den Nachdenkseiten weiter. Dort dann mit den üblichen Argumenten (kino.to selbst böse, Filmwirtschaft unfähig), die alle ebenso richtig wie unoriginell sind.

Kommentare:

Niko hat gesagt…

Man kann, denke ich zumindest, schon von einer kulturellen "Elite" auf dem Schulhof sprechen aber es sind eben nur wenig. Also Kids die gut in Sprachen sind und Filme und Serien schauen, die es noch gar nicht über den Teich geschafft haben. Die Ironie ist, dass diese extrem-Konsumenten unbehelligt bleiben werden, weil es keinen kümmert.

Torsten hat gesagt…

Schon kurz nach Beginn des Artikels hab ich aufgehört zu lesen, als er anfing Kinobesuch und DVD-Kauf als einzige Alternativen zum legalen Konsum hinzustellen. Videotheken schicken Dir das Zeug ins Haus oder sind online, man kann für günstiges Geld tauschen, etc pp.

Filme sind IMHO in erster Linie kein Status-Symbol. Wenn jeder auf dem Schulhof über Harry Potter spricht, muss niemand ausgeschlossen sein damit das Thema attraktiv ist. Die Geschichten bieten Identifikationspotenziale, Gesprächsstoff, etc...

dirkfranke hat gesagt…

Niko, Torsten,

wahrscheinlich gibt es da tatsächlich verschiedene Gruppen: Filme, die "jeder" gesehen hat (Harry Potter, Avatar etc.) - ich glaube davon gibt es gar nicht soviele, also höchstens einmal pro Jahr - nur, wenn ihn eh jeder gesehen hat, kann es so schwer nicht sein. Deshalb glaube ich sind da auch nur wenige aktuelle Kinofilme bei, weil teuer. Bis sie den Status erreicht haben, dass jeder sie kennt, ist das auch über einfacherer und preiswertere Wege möglich, als die 18-Euro-Großleinwand-Karte.

Dann die von Niko angesprochenen "besonderen" Sachen, coole US-Serien, thailändische Filme im Original etc, der Long Tail. Die funktionieren auch als Statussymbol + wie beschrieben Statussymbole klappen nur, wenn nicht jeder sie hat.

Und dann auch noch diejenigen, die jeden Hollywood-Blockbuster nach zwei Tagen gesehen haben. Das wäre dann das reine Statussymbol.