Mittwoch, 18. Mai 2011

Großbritannien: Fair Use: Hammwa nich, brauchen wir vielleicht. #hargreaves

Ereignisse, bei denen ich Zweifel gehabt hätte, sie noch selbst zu erleben: ein offiziell von einer westlichen Regierung in Auftrag gegebener Bericht sagt aus, dass weniger Urheberrecht besser wäre. Nachdem ich dem Hargreaves-Bericht ja schon einen Wikipedia-Artikel spendiert habe, und man da jetzt nachlesen kann, dass er 130 Seiten in 11 Kapiteln hat, doch noch ein paar erläuternde Worte.

Angeblich hat Premier David Cameron den Report in Auftrag gegeben, weil die Google-Gründer ihm vermittelten, dass ein Unternehmen wie Google in Europas Rechtssystem nicht gründbar wäre. Cameron hat also den Journalisten/Medienwissenschaftler/Ex-Greenpeace-Führungsperson Ian Hargreaves damit beuaftragt, eine Kommission zusammenzustellen. Die hatte mal nicht die üblichen Verdächtigen Mitglieder aus den Lobbyverbänden, sondern eher so Leute, wie den bei Wikipedia nicht unbekannten James Boyle.

Die Erwartungen waren hoch, zeitweise erwarteten die Interessierten gar die Forderung nach einer offenen Fair-Use-Bestimmung, die deutlich im Gegensatz stünde zu allem was EU-Urheberrechtspolitik so macht. Und auch wenn sie am Ende dann doch zu der Entscheidung kamen, dass Fair Use an sich sinnvoll ist, in der EU derzeit nicht geht, sind sie doch auch sonst recht deutlich: Ausweitung der Schrankenbestimmung bis zum Limit und Einsetzen für Neue (Text- und Datenanalyse, offene Schrankenbestimmung für sich ändernde Technik), eine öffentliche Stelle, die verwaiste Werke benutzbar macht, eine Eindämmung des Patent-Creeps, der stattfindet. Das sind erstaunliche Forderungen.

Und auch sonst nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Sie beklagen das Dickicht von Urheber- und Patentrecht. Ziemlich oft und ziemlich explizit wettern sie gegen die Lobbynomics, die weitgehend die IP-Gesetzgebung bestimmen. IP-Politik würde mehr an öffentlichkeitswirksam jammernden Vorzeigeprominenten gemacht als an einem Ausgleich der Interessen oder gar ökonomischen Gesichtspunktekn. Die Experten wünschen sich "mehr faktenbasierte Politik." Für einen wissenschaftlichen Bericht in Regierungsauftrag tatsächlich ein angenehmes Leseerlebnis.

Francisco de Zurbarán 006
Schaf in den Fängen des Urheberrechts.

Ob die UK-Regierung davon was umsetzt? Ich habe ja Zweifel, die Prominenten werden ja nicht aufhören zu jammern, und die entsprechenden Lobbyverbände haben vermutlich schon alle Geschütze in Anschlag gebracht, die sie habe. Aber hey, ein quasi regierungsöffentlicher Bericht, der nicht sagt "mehr, mehr, mehr". Langsam glaube ich doch ab und an daran, dass die IP-Politik nicht auf Jahrzehnte hinaus im Irrsinn versinken wird.

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