Mittwoch, 25. Mai 2011

Behördenwahnsinn und moderne Technologie


Seit November gibt es den neuen Personalausweis, nun habe auch ich zwangsläufigerweise so ein Teil. Da mein "alter" am ablaufen war und ich einen Reisepass brauche, dachte ich mir es wäre sinnvoll gleich mit zwei Klappen auf eine Fliege zu schlagen. Also beides zusammen beantragt.

Keine Überraschung: Natürlich kann man sein Passbild nicht digital abgeben, weder per Mail noch per Stick oder sonst irgendwie. Also ausdrucken...

Erste Überraschung: Um ein Passbild von den Mitarbeitern des Bürgerzentrums akzeptiert zu bekommen, braucht man sehr gute Nerven. Bei meinen Besuchen hatte ich den Eindruck, etwa die Hälfte aller BittAntragsteller wird erst einmal pauschal gleich am Empfang wegen des Fotos zurückgewiesen. In meinem Fall schickte man mich beim ersten Versuch mit dem Kommentar "viel zu hell" wieder weg. Tags darauf war mein Passbild zu dunkel. Da ich mit solcher Unbill bereits rechnete, hatte ich eine Belichtungsreihe ausgedruckt und warf 5 Kandidaten auf den Tisch. Plötzlich war das Bild nicht mehr zu dunkel. Hat man also die bildliche Hürde nach langen Diskussionen genommen, geht es ans Beantragen.

Zweite Überraschung: Die (man erinnere sich: nur analog akzeptierten) Fotos werden gleich vor Ort einscannt. Mit einem Standard-Billig-Kombi-Gerät aus dem Ichbindochnichtblöd-Markt. Bei jedem Sachbearbeiter schien eine andere Marke zu stehen. Also Passbild auf den Scanner gelegt, in der Software geklickt. Helligkeitskorrektur oder so ein Schnickschnack angeblich nicht möglich.

Dritte Überraschung: Der Wahnsinn hat Methode. Für Perso und für Pass werden die Bilder jeweils neu eingescannt. Eine Datenübernahme von einem zum anderen Antrag ist nicht möglich. Die beiden Fotos werden auf die Formulare geklebt, die vor Ort bleiben. Grotesk: Bei der Abholung bekommt man beide Fotos zurück. Wozu für die Zeit zwischen Beantragung und Aushändigung zwei Fotos dort physisch herumliegen müssen, konnte man mir nicht beantworten. Prinzipiell hätte eines ja zumindest gereicht.

Vierte Überraschung: Na gut, überrascht war ich dann nicht mehr wirklich. Meine Fingerabdrücke wurden auch zweimal eingescannt. Keine Datenübernahme zwischen den beiden Anträgen, man erinnert sich.

Kostenpunkt: 87,80 € für beides. Teure neue Welt.

Was kann ich nun mit meinem Wunderwerk der Innovation und Datensammlung anstellen? Meine größte Überraschung: Fast nichts. Selbst über ein halbes Jahr nach dessen lang zelebrierter Einführung kann man noch keine elektronische Signatur auf den Ausweis laden. Alles noch in der Entwicklung. Um dies irgendwann - sofern es jemals fertig sein wird - auch nutzen zu können, braucht man ein Komfort-Lesegerät der Klasse 3. Aus Sicherheitsgründen sowieso zu empfehlen. Zertifiziert ist bisher ein einziges, ein Reiner SCT. Seit 2 Monaten warte ich nun darauf, dass dieses einzig mögliche Gerät lieferbar ist. Bisher ist es noch nicht erhältlich. Heute bekam ich als voraussichtlichen Liefertermin Mitte Juli genannt.

Während man woanders über die digitale Zukunft diskutiert, überlegt der Amtsschimmel noch, ob er an der Zukunft überhaupt teilnimmt. Jahrelange Planung für den sogenannten nPA, tolle Marketing-Aktionen und dann: Nichts funktioniert. Bizarre neue Welt.

Kommentare:

lieselsartikel hat gesagt…

Naja, was will man machen. Es gibt kaum computeraffine Menschen in der öffentlichen Verwaltung und schon gar nicht an solchen Mensch-Behörde-Schnittstellen. Lyzzy kann da bestimmt ein Liedchen davon singen.

Natürlich könnte es möglich sein, die Bilder per Stick zu liefern oder die Scans gleich mehrmals zu verwenden. Aber das Personal ist in der Regel froh, wenn die System so funktionieren, wie es ihnen in einem Lehrgang beigebracht wurde. Irgendwelche Abweichungen vom gewohnten Schema bringen alles durcheinander.

Man kann den Leuten auch keinen Vorwurf machen. In der Regel haben sie keinen Bezug zur IT-Technik. Irgendwie etwas zu probieren ist in fremd. Für solche Leute ist ein Computer eine Maschine die nur nach Schema F funktionieren muss. Diejenigen die kreativ mit Computern umgehen, werden in der Regel keinen Job in der öffentlichen Verwaltung ergreifen.

Oder kann sich jemanden einen Nerd als Sachbearbeiter mit Publikumsverkehr vorstellen?

AndreasP hat gesagt…

Nerds als Sachbearbeiter im Publikumsverkehr gibt es schon lange, eine Namensliste findet sich unter WP:A, und die Kommunikation mit dem Publikum funktioniert ja auch bekannt wunderbar... ;-)

dirkfranke hat gesagt…

Ich muss ja zugeben: da ich auch ab und im persönlichen Kreise Rechner für sehr computerunaffine Menschen herrichte oder versuchen zu verstehen, woher das komische Verhalten kommt - alle Rechner, die ich einrichte, haben am Ende wenig Fehlermöglichkeiten. Und bei fremder Mensch bringt unkontrollierbare Datei mit und haut sie auf den Rechner - da kann vieles schief gehen.

lzy hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
lzy hat gesagt…

Seid froh, dass ich keine Lieder singe, das würde sehr sicher sämtliche Besucher dieses Blogs verjagen.

Aber Liesel hat schon recht. Sowohl die Software als auch die Hardware (einen schönen Gruß an die Bundesdruckerei) sind wenig flexibel, weder bei der Installation noch in der Bedienung. Die vorgegebenen Arbeitsschritte müssen eingehalten werden (und das dauert länger als früher und kann auch in Großstädten nur zum Teil durch Personalaufstockung kompensiert werden), die Probleme der Software, die ein und dasselbe Bild mal als zu dunkel und mal als zu hell abweist, sind nicht unbekannt. Sei froh, dass deine Augen und der Rest deines Kopfes den strengen Vorgaben genügen ;-)

Wie immer im Leben liegt es mehr am Menschen auf der anderen Schreibtischseite als am System, ob ein solches Erlebnis zwischen Laserdrucker, Tintenstrahldrucker, Scanner, Fingerabdruckscanner, ÄNTE, Übertragungsterminal, Telefon, Türöffner, EC-Kartenleser, PC, Tastatur, Maus und Kaffeetasse in der Rückschau eher an ungeputzte Zähne oder an einen frischen Blumenstrauß erinnert.

Ich kenne da Sachbearbeiterinnen, deren Geduld und Lächeln über jeden Murks hinwegtröstet, mit dem sie selbst eben auch irgendwie klarkommen muss.

Und der Preis ist unglaublich, auch das stimmt.

dirkfranke hat gesagt…

Lyzzy,

und das ist jetzt die beispielsgebende Technologie wie der deutsche Staat im 21. Jahrhundert funktionieren soll. Hurra!

Stepro hat gesagt…

Also grundsätzlich würde ich ja Lyzzy ganz gern mal singen hören. Klappt bestimmt noch mal irgendwann. :-)

Ich wollte auch weniger den Mitarbeitern vor Ort einen Vorwurf machen, die haben ihre Vorschriften. Obwohl es da natürlich auch gewaltige Unterschiede gab: Die Mitarbeiterin der Führerscheinstelle war z. B. super freundlich. (Um den Wahnsinn komplett zu machen, habe ich auch den noch neu beantragt, nach Aufforderung durch die Jungs in schwarz (ehemals grün). Ich gebe zu, auf dem Foto als 16jähriger war ich nicht mehr wirklich als ich zu erkennen.)

Aber die Koordinierungsstelle zur nPA-Einführung in Berlin hat meines Erachtens völlig versagt. Bilder kann man ja auch mailen oder vorher irgendwie per Webfrontend oder so uploaden. Noch schlimmer finde ich aber das Warten auf Lesegerät und passende Anwendungen. Das hätte am Tag der Einführung stehen müssen, Vorlauf war lange genug.

Anonym hat gesagt…

Immer wieder schön wenn Deutsche Ämter auf den Sack bekommen.

Die leben noch Technisch gesehen noch im Mittelalter. Obwohl es die BRD ja noch nicht so alt ist.

Nach den Hacker-angriffen auf den Bundestag SEP 2015, wundert mich gar nichts mehr. Sie machen sich das Leben selbst schwer.
ich verfluche das Gesetz zur Ausweispflicht.
Der Staat hat das auch. (kleines Wortspiel wer es merkt xD)

Das mit dem Bild oben kommt mir bekannt vor. Aber schon beim alten Ausweis.
Ich war beim Fotograf und denen hat das Foto nicht gefallen (zu klein pla pla pla) hab das Teil auf einen xy Kopierer gelegt mit normalem papier das Teil mit 102% kopiert fertig.

Das nächste mal soll man wohl die Negative mitbringen oder was. Warum machen die sich immer das Leben so schwer. Digital da können sie so viel Scallieren wie sie wollen.

Führerschein genau das selbe Thema.

Cool ist ich hab des bezüglich schon von Jemanden gehört der LKW fahren darf ohne auch nur eine Fahrstunde gemacht zu haben geschweige denn ne Prüfung. UPS zu viele Daten auf der Rückseite eingetragen, naja kann ja mal vorkommen.

Auch erzürnt mich, sie schreiben vor das wir uns Ausweisen müssen, warum ist das ganze Prozedere nicht kostenlos.

Die Dame am Amt kann das ganze Foto gedöns auch selber machen. Kenne Kein AMT ohne Kamera. Und die Quali der Fotos auf 35mmx45mm ist auch überschaubar. Da reicht 1 Megapixel aus.


ABER MEINE LANDSLEUTE
so ist das nun einmal.
Wem es nicht passt, der muss leider wohl oder übel auswandern.