Mittwoch, 16. Februar 2011

Wer wird denn hier aufhören? Noch dazu ohne Formular?


Da hinten! Vandalen!



Liesel, der hier bis vor kurzem noch gastbloggte, hat nebenan ein eher resigniertes Fazit zur aktuellen Wikipedia geschrieben: Is this the end?

Angefangen mit Ich habe keine Lust mehr bei Wikipedia mitzumachen. bis hin zu Langjährige Benutzer die viel zur Wikipedia beitragen ziehen sich komplett zurück oder arbeiten nur noch sporadisch mit, ohne dass diese Lücken wieder gefüllt werden. Womit er Recht hat: es gibt Tage in den letzten Änderungen, da hört man schon in weiter Ferne ein Gewitter kommen, während über einem nur das verlassene Tankstellenschild quietscht.

Bei den Gründen würde ich mal sagen, es sind die altbekannten: zuwenig Geist, zuwenig Konstruktives, zuviel Rechthaberei und ein Formalien-Judo, das jegliches "Sei mutig" zur Fernen Utopie werden lässt. Und wenn ich dich nicht überzeugen kann, dann würge ich dir wenigstens ein Meinungsbild rein.

Und vor allem sind es die Probleme, für die noch keine Lösung gefunden wurden. Wikipedia-Regularien sind aufgebaut für intelligente, neugierige, gutwillige und einander vertrauende Menschen, die sich mit möglichst wenig Reibungsverlusten koordinieren wollen. Da funktionieren sie super. Wikipedia ist zwischen 2004 und 2007 explosiv gewachsen, wobei die neuen Besucher weit heterogener und weniger vom reinen Enzyklopädismus beseelt waren als ehedem. Die Zahl der Spammer stieg, die Zahl der gelangweilten Schüler und die der Missionare auch.

Wikipedia hat in der Zeit eine ganze Reihe hochgradig improvisierter Verfahrensweisen entwickelt, um möglichst wenig Zeit und Energie mit Spammern, Missionaren etc. zu verbringen, und vor allem entwickelte das Projekt eine Attitüde des Erst-reagieren-dann-kucken. Das war vermutlich die einzige Methode überhaupt, des Problems Herr zu werden ohne im Ansturm unterzugehen, hat aber auch zu einem wirklich erstaunlichen taktischen Wissen geführt, wie man effektiv und ohne Aufwand die Arbeitsversuche anderer untergräbt.

Nun wächst Wikipedia nicht mehr, sondern dümpelt vor sich hin. Die Mitarbeiterschaft ist weit heterogener als 2004, und auch wenn die Zahl der neu angelegten Artikel ebenso wie die Edits mittlerweile im gemütlichen Bereich ist, gewinnt immer noch der, der am schnellsten obstruktiv ist. Das Projekt mit dem hochgezüchteten Spam/Vandalismus-Verhinderungssystem, dem Spam und Vandalismus ausgeht und das deshalb aus lauter Langeweile auf sich selbst losgeht. Wären wir in der Politik, müsste man jetzt einen äußeren Feind suchen und Krieg anfangen.

Kommentare:

Liesel hat gesagt…

Die Feinde (Brockhaus, Encarta & Co.) sind uns ja inzwischen auch ausgegangen.

dirkfranke hat gesagt…

Facebook!

Marcus Cyron hat gesagt…

Ach ja, die Gute Alte Zeit (tm). Damals, als alles noch nicht so heterogen war und man nicht mit der Gefahr von demokratischen Dingen wie Meinungsbildern leben mußte. Als es noch "Pragmatismus" (tm) gab - oder war es nicht doch auch nur die Regentschaft einer kleinen Kaste, die heute ihrer alten "Macht" hinterher weint? Als noch Leute wie der Benutzer Southpark oder die Benutzerin Elian die Regeln einfach mal so schrieben, wie sie sie für richtig hielten. Ironischerweise nicht Wenige der heute beklagten. Und jetzt will man das damit kaschieren, daß das ja alles nicht so gemeint war und "Sei Mutig" schon immer über dem Rest geschwebt hat.

snotty hat gesagt…

@dirkfranke - FEINDE, keine opfer ;)

dirkfranke hat gesagt…

Snotty,

wobei ich ja fürchte, der erste Schritt im Angriff auf Facebook wären Babelboxen :-)

dirkfranke hat gesagt…

Marcus,

auch wenn ich den Tonfall nur schwerlich nachvollziehen kann: in Teilen hast du natürlich recht.

Liesel hat gesagt…

Wenn Marcus recht hat, dann war die Aktion von Roterrächer um die Bilderlinks korrekt und Achim und Julius einfach nur Vandalen.

dirkfranke hat gesagt…

"in Teilen".. und bei MBs: so pragmatisch je nach Anwendungsfall. Das mit den Bildlinks war natürlich ausgesprochen bescheuert.

dirkfranke hat gesagt…

Da es Verwirrungen gab: ich stimme einem Teil von Marcus' expliziten Aussagen zu, nicht allerdings den impliziten Annahmen darin.

Und speziell zu den Meinungsbildern: die gab es schon 2004, nur damals hießen sie noch ehrlicherweise Abstimmungen.

AndreasP hat gesagt…

@MarcusCyron: Wer Wikipeda-Meinungsbilder als "demokratisch" empfindet, dem ist nicht zu helfen. Sie sind das Gegenteil, und zu allem Überfluss verkaufen sie sich noch heuchlerisch als demokratisch.

"Meinungsbild" ist ein guter Name für das, was wir stattdessen brauchen: Meinungsbilder. Ohne Auszählen.

Denis Barthel hat gesagt…

Am rechtesten hat MC natürlich mit "Die gute alte Zeit" - es war so nett, Admin auf Zuruf zu werden und alle kennen alle und machen alles - so schön in unsrem kleinen Hippiedorf.

Aber ihr habt doch nicht ernsthaft geglaubt, das bliebe so? Dass das kuschlige "Darf ich da mal durch?" irgendwann verenden würde, war doch klar.

Wenn man Probleme in enorm gewachsenen Gruppen regeln will, dann geht das irgendwann nicht mehr einfach so - man braucht kodifizierte Regeln. Die machen es angenehm und einfach (gheewizz, man stelle sich nur mal vor, man müsse im Strassenverkehr statt "Rechts vor links" oder "Wer auffährt, ist schuld." jedesmal rumverhandeln, wie soll man denn da zur Arbeit kommen ...).

Ich ketzere mal: Regeln sind gut. Regeln für alle Grundprobleme und alle schon dutzende Male diskutierten Fragen. Klar sollen sie sein und nicht kryptofaschistisch beamtenbeseelt ausgelegt werden, ja. Aber sie sollen da sein, damit man ungeplagt schreiben kann. Und Meinungsbilder sind the best, um rauszukriegen, wie solche Regeln aussehen könnten. /me loves Meinungsbilder.

Ich muss aber gestehen, dass ich auch eher Wikipedianer bin, weil ich es wunderschön finde, Artikel zu schreiben, nicht so sehr aber, Community zu sein. Vielleicht ist das ein Fehler.

Denis Barthel hat gesagt…

Uff! Ich bitte um Entschuldigung für den langen Text ...

YourEyesOnly hat gesagt…

Dirk, ich möchte Dir in einem widersprechen "Nun wächst Wikipedia nicht mehr, sondern dümpelt vor sich hin" - das tut sie nicht! Es mag sein, dass die Anzahl an neuen Artikeln pro Tag abnimmt, dafür wird aber der Bestand an Artikeln tagtäglich qualitativ besser. "Dahindümpeln" wird sie am Tag des Redaktionsschlusses, wenn alle Artikel geschrieben und vollgesperrt sind...

dirkfranke hat gesagt…

YourEyesOnly,

das ist natürlich die Frage was man als Dümpeln ansieht.. insgesamt werden die Artikel schon besser, aber mit einem Enthusiasmus und einer Kreativität, der der KfZ-Zulassungsstelle Hohenschönhausen gleicht. Und ich muss es wirklich mal systematisch aufschreiben: aber verglichen mit 2007 ist nicht nur die Zahl neuer Artikel eingebrochen, sondern auch die Zahl der Autoren, der Exzellenzkandidaturen, der Löschkandidaten, der QS-Kandidaten.. alles dynamische was sich in Zahlen erfasst lässt, ist weniger geworden.

DenisBarthel,

das wäre halt die Frage - Wikipedia läuft im Not-Hilfe-wir-explodieren-Modus, obwohl die Not gar nicht mehr da ist.