Freitag, 5. November 2010

Immerhin besser als damals. Geistiges Eigentum, Renaissance-Version.

In Genoa .. the authorities offered in 1529 a reward up to two hundred ducats to anyone who killed a fugitive artisan. Similarly, Lucca had been offering a bounty for the murder of emigrant workers since 1314, and Florence punished transgressors by beheading. ... these possessive and mercantilist attitudes cannot be equated with the proprietary models of modern intellectual property law.

From Gunpowder to Print: The Common Origins of Copyright and Patent, Joanna Kostylo. p. 35 in: Privilege and Property. Essays on the History of Copyright.



Wikipedia verlinkt

Ein paar Links in/um/aus Wikipedia, die sich hier in den letzten Tagen angesammelt haben:

Courtney Love ist unzufrieden mit ihrem Wikipedia-Artikel:

"I just want what awards I got . . . who I [bleeped] -- on the record -- or who said nice things about [bleep ing] me. And how many hits I've had. And that's it."
(New York Post)

Lang und mühsam ist es, in die Wikipedia zu kommen, wenn man Praxismarketing beschreibt.

Weiter sind da schon die bestplatzierten des Schreibwettbewerbs. Wer gute, lange Texte sucht, dem seien dieses Halbjahr die Phyllosphäre angeraten (grob gesagt: Oberfläche von Blättern als Lebensraum), der afghanische Bürgerkrieg 1989-2001 und Nur zwei Dinge (ein Gottfried-Benn-Gedicht.). Thematisch besonders spannend finde ich ja noch den Harvestehuder Weg in Hamburg und das Depublizieren. Mein eigener Beitrag Hammerhai (Band) konnte sich zwar skandalöserweise nicht platzieren, und ist noch skandalösererweise hinter den Hammerhaien (Fische) gelandet, hat aber immerhin einen Sonderpreis als originellstes Thema bekommen.

Apropos Schreibwettbewerb: die U18-Wikipedianer veranstalten jetzt einen Jungwikipedianer-Schreibwettbewerb.

Ask the Mediatrician: Is my son addicted to Wikipedia?

Ein Wikipedia-Artikel ist 750 US-Dollar wert.

reason.com. Professors finally embrace Wikipedia, professor itself requires cleanup to meet quality standard.

Wikimedia beteiligt sich am EU-Projekt RENDER. Und wem es da spontan so geht, wie mir, dem hat Presroi netterweise noch eine Erklärung hinterhergeschickt.

Kleiner Hintergrundbericht zum Thema Spendenaufruf-Feintuning.

Interessantes grundsätzliches Statement eines Wikipedianers zum Dauerrelevanzdebatte. Morten Haan/für Leser.

Und zum Schluss der Veranstaltungshinweis: Wikipedia Academy in der Uni Frankfurt, 19/20. November 2010. Kommet zuhauf.


Das Hitlerwitz-Mysterium

Angesichts des Tags der Abrechnung, habe ich mich mal wieder etwas näher mit der Besucherstatistik befasst, und bin erstaunt. Erfolgreichster untrivialer Suchebegriff (also nach "iberty" etc.) ist auch noch Monaten noch "Hitlerwitze." Dabei wollte ich doch nie einen Hitlerwitz-Fachblog schreiben. Zumal der eine entsprechende Post nicht mal Hitlerwitze enthält, sondern eher ein Meta-Hitlerwitz-Post über eine englische Autosendung im Fernsehen ist.

Wo ich mich aber schon wundere: Warum kommen die Hitlerwitz-Suchenden alle aus Österreich und der Schweiz? Warum kann man Hitlerwitze.de nicht registrieren? Ist Führerverhöhnung etwa immer noch verboten in Deutschland?

Und nicht zuletzt: kennt jemand wenigstens ein paar lustige Hitlerwitze? Ich hab jetzt wirklich mal gesucht, und alles was ich finde, sind die ebenso unlustigen wie geschmacklosen Holocaustwitze mit denen mit schon Mithandballspieler vor 20 Jahren genervt haben. Und ungefähr 5 Witze, die tatsächlich witzig sind, die aber schon vor Jahren bei Spiegel-Eines-Tages auftauchten und deshalb durchs Netz kursieren. Das kann doch nicht alles sein. Jemand, der einmal im Monat auf einem Spiegel-Titel steht, sollte ja wohl für mehr gut sein.


Guten Morgen




Donnerstag, 4. November 2010

Tag der Abrechnung. Flattr, Nazis, Kachingle und die Normalität

Die von mir durchaus geschätzte Direkte Aktion ruft auf "Kündigt Eure Flattr-Accounts" und hofft "ein Flattr-Nachfolger wird sich schnell finden". Da kann ich ja nur sagen, einen Flattr-Ersatz gibt es bereits. Er nennt sich Kachingle. Wie ich bereits mehrfach schrieb, ist Kachingle sowieso durchdachter, einfacher, und mir seriöser vorkommend denn Flattr. Wer also wechseln will, möge sich dringend aufgerufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen.

Nun ruft die anarchosyndikalistische - dieses Wort ist so super - Direkte Aktion nicht aus Gründen einfacher Anwendbarkeit zum Boykott auf. Flattr macht das, was sofort zum Ausschluss aus der Gemeinschaft anständig denkender Menschen führt: Es handelt mit Nazis. Das ist jetzt so überraschend eigentlich nicht, und schon die Pirate-Bay-Geschichte war einer der Gründe, warum ich eher mehr eigenes Geld in Kachingle und weniger eigenes Geld in Flattr stecken würde. Anscheinend aber hat das Peter Sundes/Flattrs Erfolg nicht geschadet, Flattr hat deutlich mehr Teilnehmer als Kachingle, und jetzt gibt es den nächsten Brandruf.

Öffentlich hat das Christoph Sieckendieck gemacht: Flattr — Geld verdirbt den Charakter
Kurz gesagt: die NPD hat einen Flattr-Account, es ist zu vermuten, dass die NPD über den Kanal Flattr ein paar Einnahmen erzielt.

Nun fürchte ich ja, ich dürfte den Blog-Beitrag dort nicht mal kommentieren. Tantes Blog ist mit seinem sinngemäßen Beitrag Flattr ist ein an sich unpolitisches Tool dort auf jeden Fall nicht in der Diskussion stehengeblieben. Denn in der Diskussion selbst prangt ein "Ich werde hier jeden Dummbeutel des Feldes verweisen, der behauptet, die NPD sei eine normale Partei.". Ich weiß nicht genau, ob ich darunter falle: ich halte die NPD nicht für "normal", einfach weil ich "Normalität" nicht als politische Kategorie anerkennen. Normal ist vorpolitisch, moralisch; das ist eine Kategorie, die sich Argumenten entzieht und auf Autorität und die Einhelligkeit der Gemeinschaft setzt. Das Gegenteil von offener Politik.

Politik an sich ist unnormal. Politik ist Aushandlung neuer Entscheidungen, Normalität muss nicht ausgehandelt werden, die ist ja da. Die Grundannahme, dass es unwerte und unverhandelbare Einstellungen gibt, ist mir tatsächlich deutlich zu autoritär und nachgeradezu zu deutsch. Politik als Oberlehrertum was man darf und nicht. Zugegeben: es ist effektiv, "Nazi" ist der sichere Vorwurf in die politische Bedeutungslosigkeit. Die Moralisierung hat sicher dazu beigetragen, dass in Deutschland keine rechtspopulistische Partei dauerhaft ein Bein auf die Erde bekommt.

Aber der Preis dafür ist hoch. Um eine inhaltliche Frage in richtigen Sinne zu entscheiden, beschädigt man die grundsätzliche Diskussionskultur, führt ein vorpolitisches gesundes Menschenempfinden in die Debatte ein. Diese Struktur nun wiederum ist dauerhafter als deren Inhalt. Die Gefahr, dass bundesrepublikanisches Normalitätsempfinden plötzlich durch gesundes Volksempfinden ersetzt wird, ist größer, als die Gefahr, dass Nazis in einer offenen Diskussion alle überzeugen. Autoritätsdenken ist hartnäckig.

Aber weil ich eh schon beim Thema bin. Mein Gewissen ist käuflich. Aber nicht für 5,30 € im Monat. Social Payment im Oktober:

Kachingle: Raus 5 USD (würde auch mehr, wenn ich könnte). Rein ~ 6,20 USD.

Flattr: Raus 2 € (würde auch weniger, wenn ich könnte). Rein ~ 7,30 €.

Und noch eine weitere interne Ankündigung: es ist ein neuer Monat. Diejenigen, den den Blog im Oktober geflattrt haben, dürfen das gerne wieder machen.


Mittwoch, 3. November 2010

Vorwärts, voran, Genossen zur Sonne!

Kleiner Hinweis in eigener Sache. Den Twitter-SPD-Ortsvereins-Revolutions-Post gibt es jetzt auch beim Vorwärts.


Was macht die Wikimedia Foundation mit dem Geld

Die Wikimedia-Foundation hat ihren geprüften Jahresabschluss zum 30. Juni 2010 auf Wikimedia Commons veröffentlicht.

Das Vermögen lag am 30. Juni bei etwa 15,4 Millionen USD, davon 7 Millionen in Cash and Cash equivalents, 5 Millionen in Investments.

Jahreseinnahmen lagen bei 17 Millionen USD, davon 14 Millionen aus Spenden, leider nicht näher aufgeschlüsselt nach Herkunft oder Größenordnung. Dass es auch größere Spenden gibt, zeigt mir, dass drei sechsstellige Großspenden am 30.6. schon zugesagt waren, aber noch Ausstanden.

Die Ausgaben wiederum betrugen 10 Millionen USD, größter Ausgabepunkt ist Operations mit 3,8 Millionen vor Gehältern und Erstattungen 3,5. Die Server, die vielgepriesenen, bzw. der Posten "Internet hosting" schlagen nur mit einer übersichtlichen Million zu Buche. Wenn ich das richtig verstehe, verbirgt sich aber unter einer Million aus Operations auch der Kauf von Computern und Software. Das Fundraising verlangte quer über alle Ausgabenbereiche 1,3 Millionen USD, Projekte 7,8 Millionen, Verwaltung 1 Millionen.

Das von mir gerade noch so gelobte Outreach-Programm ist auch nicht so ganz zahnlos mit 560.000 USD Haushaltsposten. Da war es von mir zugegebenermaßen unfair, es in einem Atemzug mit dem armen kleinen deutschen Schulprogramm auf einer Höhe zu vergleichen.

Und für die Verschwörungstheoretiker unter uns, zumindest noch ein historischer Fakt: Von Januar bis Oktober 2009 hat die Foundation für insgesamt 27.000 Dollar Büroraum bei Jimmy Wales for-profit Wikia gemietet.

Das meine persönliche Kenntnis amerikanischer Buchhaltung allerdings sehr sehr übersichtlich ist, alles hier mit genausoviel Vorsicht lesen, wie einen Wikipedia-Artikel. Falls hier zufällig ein Buchhaltungsahnungsmensch mitliest, ich hätte da noch einen Autorenplatz zu vergeben :-) Gleich gilt für begeisterte Tortendiagrammersteller.



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Rehkids, Riesenkakerlaken und Herr Dick-Dünn-Dick. Neues aus Tierreich und Politik.

Etwas älterer Artikel aus dem Economist: Copyright and wrong. Why the rules on copyright need to return to their roots

Frau Miesmund und Herr Dick-Dünn-Dick. Gebärdennamen der Politiker. Ich erschrecke übrigens dabei, dass es anscheinend kaum freie Gebärdensprachenbilder gibt. Wäre das nicht ein gutes Feld der Datenbefreiung?

Wußten Sie, daß deutsche Kinder nicht einmal mehr wissen, wie ein junges Reh heißt? Statt von „Rehkitzen“ sprechen sie von „Rehkids“! Hassen Sie Deutschland so sehr? Können Sie damit leben, die deutsche Sprache zu verraten und zu verkaufen? Immerhin zahlen deren Sprecher Ihr Gehalt! Sprachlog. Weit dramatischer finde ich ja, dass Hirsche und Rehe dauernd verheiratet werden.

LiveScience: Why Today's Cockroaches are the Biggest Ever

Selten genug. Autor + Urheberrecht siegreich gegen Verlag. Carta: Die Handschrift des Reporters

Anti-quackery underpants und ein Plädoyer für die Populärwissenschaft.

Dazu passend. The alternative therapy flowchart.

Das Grundporblem etrifft wohl nicht nur Christen, sondern jede Art von Kunst mit Botschaft. Aber nett und lesenswert zusammengefasst. Why Are Christian Movies So Bad?

Eher lang. Wired zum Thema offene Stadtverwaltung, Data Mining, Open Data, Crowdsourcing, netterweise ohne die Passwörter direkt zu erwähnen, im Portrait der New Yorker Bürgerhotline 311. What a Hundred Million Calls to 311 Reveal About New York


Darummagichberlin (XV)

Weil hier nicht nur tonnenschwere Dieselloks mysteriös verschwinden, sondern auch parfümierte Liebesbriefe die Polizei in Aufregung versetzen. Schön ja auch, dass die BZ präventiv Genderverwirrnisse vermeidet, indem sie feststellt, dass natürlich eine Frau parfümiert an einen Mann schreibt.



Guten Morgen




Dienstag, 2. November 2010

Google = Wikipedia plus Twitter?

Jörg Blumtritt schreibt auf Slow Media über ein spannendes Experiment: Ohne Google. Kann man im Internet überhaupt leben ohne die Suchmaschine, und welchen Stellenwert nehmen die Suchalgorithmen ein? Wie erlebt man das Netz, wenn man nur auf menschlich kuratierte Inhalte - Twitter, Blogs, Wikipedia etc. - zurückgreift. Erstes spannendes Zwischenfazit nach einer Woche:

Es war,zum ersten, viel leichter, als ich dachte: das meiste, was ich suche, findet ich – ohne Spam – auf Wikipedia. Was dann noch fehlt, bekomme ich über die Blogs und Websites, die ich lese und wenn mir wirklich etwas fehlt, hilft die #Followerpower auf Twitter – irgendjemand weiß immer Rat.


Meine Rede seit langem. Wikipedia ist nicht der unordentliche Brockhaus, sondern das ordentliche Google.


Wikipedia in der Schulzeit: Wenn Niemand fliehen kann.

Wikipedia und das Bildungswesen spielen das Drama einer tragischen Liebe. Während Wikipedia das Bildungswesen wortreich und lamentierend anhimmelt, kommen dessen Vertreter immer nur verstohlen in Nacht und Nebel, um sich abzuholen, was sie brauchen.

Das Verhältnis zwischen Wikipedia und den etablierten Bildungsorganisationen ist ja eher ambivalent mit zahlreichen Tief- und Hochpunkten. Letztlich aber sind fast alle Wikipedianer dem tertiären Bildungbereich persönlich recht eng verbunden. Schulen und Universitäten wiederum werden nicht unwesentlich von Wikipedia beeinflusst.

Sowohl die Wikimedia Foundation/USA als auch Wikimedia Deutschland haben zufälligerweise fast gleichzeitig Zwischenberichte zum Thema Wikipedia und Bildungsinstitutionen veröffentlicht. Die Foundation wendet sich dabei an Universitäten, während Wikimedia Deutschland ein Schulprojekt veranstaltet. Während die Foundation offensiv Studenten als Autoren gewinnen will, scheint Wikimedia Deutschland realistischerweise vom Ziel abgerückt, das mit Schülern zu versuchen. Das Ziel des Schulprojektes ist es jetzt

"In Aktionstagen für Schüler wird anhand der Wikipedia Medienkompetenz im Internet trainiert, in Lehrerschulungen werden Grundlagen, Funktionsweise und interne Qualitätssicherung der Wikipedia erläutert."


Man könnte natürlich auch einfach das Geld ausgeben, um der internen Qualitätssicherung Zugang zur Literatur und zu Bibliotheken gewähren anstattdessen, aber das ist dann ein anderer Haushaltstopf und so. Nicht Produkt verbessern hier, sondern das Produkt besser erklären.

Fangen wir mit dem Wikimedia-Deutschland-Schulprojekt an. Bei dem ich zugeben muss, dass ich um so skeptischer werde, je länger ich drüber nachdenke. Zumindest sofern es darum geht, Schüler wirklich als Nachwuchsautoren gewinnen zu wollen.

Mittlerweile sind Schüler mit Wikipedia-Mitarbeit überfordert. Naturgemäß fehlt ihnen die Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten, und oft erforderliche tiefere Kenntnis eines Fachgebiets. Der Umgangston grimmiger alter Männer kommt bei Schülern nicht richtig gut an, wie ich auch nur wenige Schüler kenne, die gleichzeitig enthusiastisch genug sind für ein solches Projekt, und pedantisch genug, um mit den vorherrschenden sozialen Normen in Wikipedia klarzukommen. Die wenigen Schüler wiederum, die all diese Anforderungen erfüllen, sind nicht diejenigen, die auf Lehrer hören, welchen man vorher das Internet erklären muss. Solche Schüler sind erfahrungsgemäß so herausstechend, dass man sie mit einem hinreichend niederschwelligen Catch-All-Schülerprogramm eh nicht erreichen kann.








Über die Straße denken tut not.











Aber endlich zum Erfahrungsbericht: Wikipedia-Schulprojekt: Ein (un)perfektes Arbeitstreffen

Einerseits hat man so ziemlich das erste mal das Gefühl, man würde nicht mit Leerformeln abgespeist. Endlich - endlich! - mal etwas anderes als "alles läuft gut, wir machen das, was willst du überhaupt"? Auch wenn ich gleich noch einiges zu meckern habe, aber "wir hatten viele Ideen, fast alles ist versackt, diverse Freiwillige sind spurlos verschwunden, wir haben einen neuen Anlauf versucht" ist ein echter positiver Quantensprung in der Vereinskommunikation.

Wobei, natürlich, vieles ist Atmosphäre und es freut mich ja, dass bei Wikimedia-Treffen alles immer so fröhlich ist. Aber spannender wäre es ja schon gewesen: wie soll eine Schulung aussehen? Wer referierte? Welche inhaltlichen Knackpunkte gibt es? Wie sind bisherige Erfahrungen evaluiert worden? Es gab doch schon Einsätze in Schulen, oder? Das Projekt läuft doch schon seit diversen Jahren meines Wissens.

Andererseits ist es halt doch vor allem wieder eine Alles-war-super-wir-waren-voll-erfolgreich-Schilderung. Spannender hätte ich ja gefunden: welche Schüler will man ansprechen? Worauf will man die Lehrer vorbereiten? Will man den Schülern Wikipedia-Schreiben oder -Lesen beibringen? Und natürlich: wäre es von Vereinsseite nicht deutlich sinnvoller die real existierende Qualitätssicherung ausnahmsweise mal irgendwie zu unterstützen, anstatt im Lichte ihrer Meriten durch Deutschland ziehen zu wollen?

Die Foundation wiederum schreibt unter The Public Policy Initiative midterm. Das ist ein anderes Teilprojekt des von Frank Schulenburg dankenswerterweise ausführlich vorgestellten Outreach Projeks* der Foundation. Und soweit ich sehe, bin ich bass erstaunt und finde eigentlich nur lobenswerte Sachen.

Zielgruppe sind Studenten nicht Schüler, und es gibt eine öffentliche Liste, welche Unis teilnehmen. Vor allem scheint die Integration in die Wikipedia selbst gelungen. Die Artikel im Projekt landen in der realen Wikipedia und - wenn gut genug - auch auf der Hauptseite. Die Informationen des Outreach-Projekts sind weitgehend öffentlich. Soweit ich es beim jetzt nachvollziehen konnte, funktioniert die Online-Einbindung der Teilnehmer und die essenzielle Verkupplung zwischen aktiven Wikipedianern und Teilnehmern des Schulprogramms. Gerade die längerfristige Betreuung entscheidet über den letztlichen Erfolg der Maßnahme, und soweit ich nachvollziehen kann, ist die sinnvoll geregelt. Es gibt sogar eine Art öffentliche Evaluation. Bei all meiner Grundskepsis gegenüber Projekten, das erscheint mir eine fast mustergültige Umsetzung.


* Falls jemand ein lesbare Variante kennt, einzelne Beiträge aus dem Wikipedia-Kurier zu verlinken, bitte dringend melden. Falls niemand eine kennt, bitte Kurier ändern :-)


Traktormontag: der Glüsinger auf dem Moped

Jetzt ist Montag. Wirklich. Ein paar großartige News für den Anfang: ich habe einen wahrhaftigen Schlepper gesehen. In Berlin. Noch fast innerhalb des S-Bahn-Rings. Leider war das Gefährt, das durch Friedenau tuckerte kein John-Deere-Arbeitstrecker, sondern ein gebohnertes und gehätscheltes Oldtimer-Exemplar, das vermutlich in der Garage neben dem Porsche Cabrio aus den 60ern steht. Aber immerhin. Berlin Innenstadt! Trecker! Erst die zweite Sichtung überhaupt.

Nächste super News. Zusammen mit dem Wikipedia-Benutzer Noebse rette ich gerade den ehemaligen Schlepperhersteller Nordtrak von den Löschkandidaten. Falls jemand helfen möchte: Hurra!

Nun aber zu Nachrichten aus Treckerfreundlicheren Gegenden. Die Dithmarscher Landeszeitung kommt in mancherlei Hinsicht meinem Ideal einer Lokalzeitung nahe. Vor allem ihr Umfang beeindruckt, ist der Lokalteil doch länger als beispielsweise in Tagesspiegel oder Berliner Zeitung, und das obwohl das Weltgeschehen zwischen Hellschen und Heringsand doch nur manchmal vorbeischaut.

So erreichen die Lokalmeldungen aus Nordhastedt und Poppenbüttel eine ungeahnte Tiefe und Detailreichtum. Wie sonst hätte ich vom Glüsinger, dem Moped und dem Traktor erfahren, die ein kleines Drama des typischen Dithmarscher Lebens aufspielten.

Man nehme eine Dorfsraße in Hennstedt, und einen Traktor, der sie befährt. Von hinten kommt ein 15jähriger Dorfjunge, den sein mangelnder Führerschein nicht davon abhält, Moped zu fahren. Er überholt den Traktor. Schneidet. Schleudert. Rutscht über die Straße. Junge heil, Traktor heil, Moped nicht.

Andere hätten sich von dannen geschlichen und geschämt. Nicht aber ein entschlossener Dithmarscher Jugendlicher. Der ruft die Polizei! Und einen Freund an. Jener Freund wiederum schildert die Polizei, wie der Traktorfahrer das hilflos parkende Moped umgefahren hat. Leider unterscheiden sich die Erzählungen vom Mopedfahrer und seinen Freund deutlich voneinander. Und passen nicht zu den Unfallspuren. Faszinöserweise will die Polizei sogar den nichtvorhandenen Führerschein des Mopedfahrers sehen. Und fragt den Traktorfahrer, der das alles ganz anders sieht. So wie es zu den Spuren passt.

Dithmarschen und insbesondere die Dithmarscher - ich liebe sie für ihren Mut.

P.S. Nicht verlinkbar. Natürlich ist die DLZ nicht im Netz. Neumodischer Unsinn!

P.P.S. Wem es entgangen ist. Hier war auch der Landkreis wo vor zwei Wochen (1) eine Frau in ein Maisfeld lief, in dem sie vorher einen Maishäcksler gesehen hat (2) die Leitstelle den Rettungswagen nicht an ein Maisfeld zwischen Tellingstedt, sondern nach bei Ellingstedt schickt (etwa 50 Kilometer weg) (3) der nächste Rettungswagen auf dem Weg zum Maisfeld leider einen schweren Verkehrsunfall baut, und die Besatzung selbst ins Krankenhaus gebrachten werden muss. Immerhin, aus zwei Wochen Rückschau scheinen alle Beteiligten die Sache vergleichsweise glimpflich überstanden zu haben.

Und wo ich schon bei Dithmarschen bin, diese Woche kein explodierender Traktor, sondern Treckertreck von zu Hause. Aus Schafstedt. Mit großer Dithmarschen-Fahne!



Montag, 1. November 2010

Der Verdruss mit den Wikipedia-Geschichtsartikeln: Actionfest

Fakten können die Realität verzerren. Jeder Wikipedia-Leser sollte das bemerken, wenn er versucht beispielsweise einen Geschichtsartikel im Bastel-Brockhaus zu lesen. Die isolierten Fakten sind meist richtig, die Einbettung in ein schlüssiges Narrativ oft ein Desaster. Da steht der Uniformschmuck gleichberechtigt neben der weltpolitischen Bedeutung neben dem dritten Vornamen. Ereignisse haben Vorrang vor Strukturen, einfach fassbare Einzelobjekte überschatten längerfristige Veränderungen.

Und wie oft, das Problem sieht man um so klarer, je weniger man direkt danach sucht. Ein verunsicherter Drehbuchschreiber in >The Author's Initial Dream

Also, I did a screenplay adaptation of Wikipedia’s Ramses The Great article, but it just turned out as a 300-type Actionfest rather than Historical Epic



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Verwunderung kräuselte meine Ohren als ich letztens mit dem Auto durch Hamburg fuhr, und über UKW - UKW! - einen hörbaren Radiomusiksender empfing. Niemand schrie mich an, die Musik war abwechslungsreich und interessant. In Hamburg. Wo es sonst nur Nirvana auf Delta Radio oder Palästina-Debatten auf fsk gibt. 917xfm heißt der Schatz. Ein bißchen Hintergrund.

The Struggles Of Urban Living In General Are Too Damn Many Party. Bezieht sich auf die The Rent is too damn high party.

Telegraph: The First English Dictionary of Slang, 1699

Studie bestätigt: Dank Open Access wird mehr zitiert

reason.com: How telephone directories transformed America


Und immer wenn ich mich mal wieder dazu durchgerungen habe, dass Gewerkschaften vielleicht doch besser sind als ihr Ruf, hauen sie sowas raus. Matthias Spielkamp: KollegInnen, macht die Augen auf! Zum Verdi-Positionspapier zum Urheberrecht

Spannender Rant gegen Tierversuchsgegner: Animal Rights Protesters: Go F**K yourselves! (deliberately provocative title)


Kalender Fail





Hardenberg Garten-Kalender.


Ach Lutheraner

Da bin ich am Reformationstag schon in der Kirche, hoffe auf ein bißchen Kulturkampf, anklagende Reden gegen den Papismus und den Götzendienst der fünften Kolonne des Vatikans. Und was passiert? Wer predigt? Der Ökumene-Teddybär der katholischen Kirche. So weckt man keine Begeisterung.


Guten Morgen





Sonntag, 31. Oktober 2010

Wikipedia-Enzyklopädie

Ein eigentlich sehr lohnenswertes Projekt, das mehr Aufmerksamkeit verdient: die interne Wikipedia-Enzyklopädie. Zu wichtigen Themen wie dem Babel-Krieg oder der Restaurationsbrot-Debatte fehlen allerdings noch Artikel. Wer traut sich?

PS: Auf welch verschlungenen Wegen auch immer hat Torsten Kleinz vom Blog computernotizen.de von meinem Beitrag Die offene Wikipedia und ihre Feinde Wind bekommen und eine Replik verfasst: Das Konsens-Prinzip als Wikipedia-Gift. Er moniert, dass zwar die Probleme analysiert werden, Lösungsangebote aber weitgehend fehlen. Damit hat er nicht ganz Unrecht, von daher verstehe ich das mal als Aufforderung, mir nach der Vergangenheit auch die Zukunft der Wikipedia vorzunehmen. Bis ich dafür Zeit finde, werden aber wohl noch einige Wochen ins Land gehen. Vielen Dank jedenfalls an Southpark, dass ich im Oktober Gastblogger sein durfte – vielleicht klappt es ja irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft noch einmal.

Wider die esoteristische Vereinnahmung des Kopfkraulers!

Kopfkrauler schraegoben
Der Kopfkrauler hat ein Problem. Wie soll man ein Gerät ernst nehmen, dass nicht genau weiß wie es heißt (zur Auswahl stehen auch Kopfmassagegerät, Kopfquirl, Engelsfinger, Orgasmatron, Bokoma) oder Stimulaxer. Wie etwas wahrnehmen, was sich mit Vorliebe in der Umgebung von Heilsteinen, Engelsaura, Gauß-Zahlen und ähnlichem bewegt. Wie nicht an Snake-Oil denken, wenn die Claims von allgemeiner Entspannung über energetische Aufladung, linksdrehendes Wohlbefinden und Weltfrieden reicht, Der Kopfkrauler hat die falschen Freunde.

Und das ist schreiendes Unrecht! Auch wenn es eigentümlich aussieht. Ganz ohne Gaußzahlen und Energetik handelt es sich beim Kopfkrauler einfach um ein grandioses Gerät. Intensiv! Schockierend!

Aber um erstmal zu erläutern, worum es geht: der Kopfkrauler sieht ein bißchen aus wie ein Quirl. An einem Griff befinden sich Metallspeichen (meist 12) die eine vage halbkreisförmige Form haben. Am Ende dieser Speichen ist ein Knubbel. Den Kopfkrauler setzt man nun von schräg hinten auf den Kopf, und, nun ja, man krault sich.

Kopfkrauler topsicht

Obwohl ich ja eigentlich ein Anhänger komischer Geräte bin, brauchte es doch ein Werbegeschenk um den Kopfkrauler in diesen Haushalt einzuführen. In nur wenigen Stunden konnte er sich den Platz neben dem Eingang sichern, wo man zum Abschied noch kurz kopfkraulen kann, bevor man sich in die weite Welt hinausbegibt. Wenn man allein ist, allein, das ist intensiv, wenn man zu zweit ist, auch von schräg hinten. Das ist intensiver.

Aber wie beschreibt man das Gefühl? Gänsehaut ja, aber das ist nur ein Teilaspekt. Es hat ein bißchen was davon, als hätte ich mit Mitte 30 entdeckt, wie ich mich selber kitzeln kann. Eine spontane, intensive, den halben Körper überziehende Reaktion, die kribbelt. Klingt komisch? Ist es auch. Ausnehmend. Noch komischer: bei meiner intensiven Kopfkraulrechereche habe ich ihn mit USB-Anschluß gefunden. Das macht mir Angst.
Kopfkrauler bodensicht