Samstag, 11. September 2010

Der Hai - Kurzreview einer romanhaften wahren Geschichte


Gerade habe ich meine (jetzt letzte) aktuelle Buchlektüre beendet: "Der Hai" von Michael Capuzzo, im Original mit dem wunderbaren Titel "Close to Shore: A True Story of Terror in an Age of Innocence" erschienen. Dabei handelt es sich allerdings nicht einfach nur um einen Roman sondern vielmehr um eine romanhafte Aufarbeitung der Haiangriffe an der Küste von New Jersey von 1916, denen auch die deutschsprachige Wikipedia dank der Arbeit der Autorin BS Thurner Hof einen ausführlichen Artikel widmet. Für die Horror- und Thrillerfans unter den Lesern: Auch Steven Spielbergs "Der weiße Hai" (wie auch dessen Romanvorlage von Peter Benchley, die ich mir gerade bei ZVAB bestellt habe) basieren auf dieser Story.


Das Buch liest sich sehr flüssig und spannend mit wechselnder Perspektive (Menschen, Hai) - vor allem ist es jedoch aufgrund der sehr guten Darstellung der Menschen in den USA zur Zeit des industriellen Aufbruchs, der Wahrnehmung des fernen ersten Weltkriegs in Europa und vor allem der Diskussionen um Bademoden zu emfehlen:

"Die schockierendste Entwicklung war direkt am Wasser zu beobachten, denn die steigenden Säume der Badekostüme waren zur Frontlinie des viktorianischen Establishments geworden. Im Sommer 1916 brach eine regelrechte Kulturrevolution um die statthafte Darbietung weiblicher Formen aus - die alles verhüllenden viktorianischen Badekostüme, eine Kombination aus Beinkleid und Rock, wichen geschmeidigen, eng anliegenden Badeanzügen. Das moderne amerikanische Image, diese Kombination aus Praktischem und Sinnlichem, war geboren."

" 'Diese leidige Angelegenheit der Mode ... erinnert an die Frauen aus den Highlands in ihren winzigen Kilts, welche es den Lüften des Himmels gestatten, frisch und frei geschmeidige Gliedmaßen zu umspielen' hieß es im Bulletin. 'Besonders beliebt scheint diese Mode unter Jungfern mit Grübchen an den Knien zu sein ... Die Bademeister sind entschlossen, sich öffentlich zu beschweren, falls diese Modetorheit anhält. 'Sie zieht zu viele Haie an', erklären sie."

Unter der Überschrift "Die Zwillinge der Finsternis" schildert der Autor das überraschende Auftauchen eines deutschen U-Boots vor der amerikanischen Küste, genau zu der Zeit als auch der Hai auftauchte:


" Die 'Deutschland' hatte die Blockade der Engländer unterlaufen und dann 4000 Seemeilen auf Tauchfahrt zurückgelegt, während die Besatzung französischen Champagner trank, Übersetzungen von Shakespeare und Mark Twain las und eine Auswahl aus Peer Gynt auf dem Phonographen spielte. Obwohl es nur Fracht und keine Waffen bei sich führte, war man in den Vereinigten Staaten von der Anwesenheit eines deutschen Unterseebootes höchst alarmiert - erst im Vorjahr hatte ein U-Boot den Passagierdampfer 'Lusitania' versenkt und 128 Amerikaner getötet. Und so kam es, dass der Weiße Hai und das deutsche U-Boot in vielen Leitartikeln, Karikaturen und Leserbriefen im Laufe des Sommers 1916 als die 'Zwillinge der Finsternis' bezeichnet wurden."

Da zudem noch etliche Wissenssplitter zum Weißen Hai und mehrerer Verwandter, von Nahrungsnetzen im Meer und insbesondere der Atlantikküste der USA sowie spannender Darstellungen der Theorie vom "bösen Hai" mitgeliefert werden, bekommt der Leser eine ziemlich gute Wissensspritze, die sich verpackt in Prosa auch gut im Hirn festsetzen sollte.

Der wissenschaftliche Gehalt der Ausführungen ist über zwei Jahre gut recherchiert und dargestellt, auch wenn die Grundthese des "einen, verhaltensgestörten Hais" nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen sollte. Haie werden nciht als blutgierige Bestien dargestellt; vielmehr wird erklärt, wie es zu Haiangriffen kommen kann - und dies in enger Absprache mit George Burgess, dem Leiter des International Shark Attack File (ISAF) an der University of Florida.


Bilder:
Weißer Hai bei Guadeloupe, Terry Goss, CC-by-sa 3.0 und GFDL
Die 'Deutschland' 1916 in New London, US post card, gemeinfrei

Freitag, 10. September 2010

Tractooor!


Da elian bei ihrem Wetter-Post den Traktor vergessen hat, übernehme ich das mal fix:

Tractooor!

Dr. Brumm fährt Zug

Eigentlich war "Dr. Brumm fährt Zug" ja als Geschenk für eine aufgeweckte Vierjährige gedacht. Mangels Gelegenheit zum Überreichen wurde das Buch in der Zwischenzeit jedoch vom eigenen Kind beschlagnahmt, das gerade eine Phase der Zug-Begeisterung durchmacht, tägliche Fahrtwünsche wie "Southpark ICE Berlin fahren" inklusive. Der ICE ist selbstverständlich die Krönung aller Züge, aber Güterzüge sind auch nicht schlecht.

"Dr. Brumm" kommt in einem handlichen Format, ein schönes gebundenes Büchlein (gibt es allerdings auch in doppelt so groß und doppelt so teuer). Illustration und Text sind aus einer Hand, vom Zeichner Daniel Napp. Gleich die erste Seite begeistert: Da würde man auch gerne wohnen. Ein Holzhäuschen auf einer Waldlichtung in bergiger Landschaft, ein Strandkorb vorm Haus zum Sonnen, eine Rutsche führt in den Garten, in dessem kleinen Gemüsegärtchen ein riesiger Kürbis, Salat und Bananen wachsen. Einzig die im Swimming-Pool auftauchende Haifischflosse macht etwas skeptisch, ob man da wirklich baden will.

Die Geschichte beginnt mit einem rituellen: "Dr. Brumm macht das, was er jeden Dienstag macht" – zum Sonntag, Montag und so weiter gibt es auch geniale Bücher, aber die haben wir noch nicht. Dienstag ist jedenfalls Zug fahren angesagt. Und das machen Dr. Brumm, der Bär, und sein Goldfisch-Freund Pottwal auch, erst mit der Spielzeugeisenbahn und dann mit einer richtigen roten Diesellok, die irgendjemand, passenderweise mit Treibstoff versehen und startklar in einem nahegelegenen Tunnel vergessen hat.

An vorlesende Eltern stellt die folgende, hochdramatische Geschichte einige Ansprüche an Lautmalerei ("WROMMMMM macht die Diesellok und wird schneller") und Sangeskunst. Wir üben das jedenfalls seit einigen Wochen, auch das Dr. Brummsche "Tonnerwetter", wenn ihn etwas erstaunt, bekommen wir immer besser hin.

Insgesamt ein absoluter Favorit im Kinderbücherregal, Extra-Bonuspunkte gibts wie immer dafür, dass ein Traktor, okay, ein fahrbarer Rasenmäher, auftaucht.

W wie in W...etter

Das Netzfundbüro präsentiert das Alphabet nach Google Instant. Neben Kommerz, Kommerz und nochmal Kommerz finden sich doch glatt ein paar nicht markenrechtlich geschützte Begriffe darunter. Ob Wikipedia es je schaffen wird, das Wetter zu schlagen?


Taxonomy Fail


Wie hoch der Irrtum bei einer Verwechslungs eines Oppossums mit einer Katze ist und warum es noch schlimmer ist, wenn man Schildläuse nicht von Käfern unterscheiden kann, wird von Alex Wild im Blog Myrmecos unter dem Titel Taxonomy Fail Index mathematisch eindrucksvoll ermittelt. Dabei berechnet er einen Parameter, der den Fehler als Faktor, den Taxonomy Fail Index (TFI) ausspuckt:

Taxonomy Fail Index (TFI) = T/H

Dabei sind die Parameter:
T = Die Anzahl von Millionen Jahren zum letzten gemeinsamen Vorfahren der beiden Arten
H = Die Anzahl von Millionen Jahren zum letzten gemeinsamen Vorfahren des Menschen und des Schimpansen.

Würde man also einen Beitrag über George Bush mit einem Schimpansen illustrieren, wäre der TFI = 1 - im Fall einer Verwechslung eines Oppossums mit einer Katze beträgt der TFI = 24.6 und wenn tatsächlich jemand Schildläuse für Käfer hält haben wir gar einen TFI von 58.

Deathcore-Kinderlieder


Da ich es ja elian und southpark versprochen habe nun ein kurzer Post zu einer - für mich - sehr spannenden musikalischen Neuentdeckung: Deathcore-Kinderlieder der Band We Butter The Bread With Butter aus Lübben in Brandenburg. Und da man über Musik nicht reden soll, lasse ich euch einfach mal in meinen aktuellen Lieblingssong einlauschen:

"Backe Backe Kuchen."

Man beachte vor allem den ziemlich krassen Eingangssatz "In der Küche riecht es lecker" und die Pig Squeals zwischen den Grunts. Und wenn mir bis zum nächsten Mal jemand erklärt, wie ich ein Video hier einbinde oder ein Bild hochlade, mache ich den nächsten Post gern auch bunt und beweglich.

Donnerstag, 9. September 2010

Blogferien und Vertretung

Der Necrophorus hat sich ja schon mit einem Post vorgestellt, und sofern er denn will, werdet ihr die nächsten Tage weiter von ihm lesen. Den Wikipedianern wird er eh als bewährter Autor bekannt sein, die Anderen werden ihn als Sexmetalhaiexperten sicher noch kennenlernen.

elian hat auch weiter Traktorenbücher versprochen und Snotty wird sicher weiter fleißig dieses Blog inspirieren.

Ich bin jetzt erstmal computerabsent, und gespannt darauf, wie es aussieht bis ich wiederkomme. Bis dahin ist es natürlich gerade Pflichtprogramm für Euch, jeden Post zu lesen.

Außerdem ist hier noch was nettes zu lesen.

Wenn Euch das nicht ausreicht, gentrifiziert doch einfach ein bißchen.

Und wenn das immer noch nicht reicht, kuckt doch einfach diese Kohl-Trikolore an.




Ein paar Anmerkungen zum DIY-Restaurant, Booah, lecker!

Wie schon angekündigt, waren wir heute noch mal im Kochhaus Schöneberg, und haben es jetzt auch mal testgekochtet und vor allem testgegessen.

Zuerst einmal ein paar Korrekturen meinerseits:
* bei genauerer Prüfung war der Höchstpreis pro Portion nicht 10 Euro, sondern 7,80.
* natürlich stehen da nirgends Tiefkühler sondern nur Kühltruhen
* anders als hier angegeben, hatten wir heute Abend keine Mango-Quark-, sondern eine Mandel-Quarkcreme (mit Kumquats).

Dann ein kurzer Bericht:

* Der Laden war die ganze Zeit gut voll, soweit wir gesehen haben, haben auch relativ viele Leute was gekauft. Einzelne Gerichte, wie der Kabeljau, waren schon komplett ausverkauft. Das sieht gut aus.
* Auch bei näherer Inspektion sah eigentlich alles sehr lecker aus.
* Wir hatten jetzt Schweinefilet mit Kräutersaitlingen und Pesto und danach die erwähnte Kumquatscreme. Zusammen für zwei Personen 24 Euro.
* Abgesehen von ein paar Klitzekleinigkeiten ging das Kochen problemlos, war so ein bißchen wie Malen nach Zahlen.
* Booooooooooooooooooooaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhh lecker!
* Jederzeit wieder.

Und zuletzt: großer Experte, der ich bin, blogge ich zwar fröhlich von der Verbindung abstrakter intellektueller unverkäuflicher Idee mit materiellen Gütern, habe aber bis heute gebraucht, um zu merken, dass ich ein Musterbeispiel vor mir sehe. Da man Rezepte kaum verkaufen kann, vrkauft man Schweinefilet und gibt das Rezept dazu. Das harrt näherer Untersuchungen.

Die deutsche Tea-Party gibt es doch längst. Sie stellt den Außenminister

Carta hat nebenan einen Text von Emnid-Chef Klaus Peter Schöppner "Ist die deutsche „Tea-Party“ im Anzug?" Die deutsche Tea Party allerdings ist nicht im Anzug, sie ist in der Regierung. Da hier in Wohnung grade eigentlich eine Mango-Quark-Creme und Schweinefleisch mit Süßkartoffeln aus dem Kochhaus meiner Aufmerksamkeit bedürfen, kommt jetzt keine ausufernde Argumentation, sondern eher eine Gedankenskizze.

Schöppner schreibt:

* Es geht um das Diktat der „Gutmenschen“.
* Nämlich das für viele überbordende Sozial- und Reglementierungsdiktat in Frage zu stellen.
* der deutschen „Tea-Party“, ist. Die eine zu „gutmenschliche“ Politik, bei der sich der Staat in alles einmischt, ablehnt. Eine, die Leistung nicht mehr anerkennt, eine die zu wenig die „Geber“ – und zu viel die „Nehmer“ berücksichtigt, eine die glaubt, man könne immer mehr von den „Rechtschaffenden“ erwarten
* So könnte die Integrationsdebatte zum Vorboten eines generellen Bewusstseins- und Artikulationswandels eher konservativer Kreise werden. Einer, der auch die eigenen Interessen wahrgenommen haben will.

Das klingt doch wie das vermittelte Wahlprogramm der FDP 2009. Die, die sich Stärker fühlen, müssen sich wehren und die FDP als "Partei der Rechtschaffenen" setzt das dann durch. Das ist nach klassischer politischer Logik nur bedingt "rechts der CDU" wie Schöppner meint, lässt sich leichter auf ein Milieu beziehen als auf das klassische europäische Parteiensystem.

Die "deutsche Tea-Party" hatte bei der Bundestagswahl auch prompt ein Ergebnis, dass in etwa den knapp 20% Entrüsteten entspricht, die sowohl Emnid als auch andere Meinungsforscher feststellen. Aber wie die FDP gerade merkt, wogende Volksmengen sind unzuverlässig, haben sehr hohe Erwartungen und sind schnell wieder, wenn plötzlich die Mühen der Ebene kommen.


Cobra 11 macht sich nackig


Da der southpark mich gern als Co-Autoren - zumindest interim - haben möchte, habe ich mir auf dem Klo auch ein ganz tolles Thema gesucht: Der (mir bis gestern vollkommen unbekannten) 70-cent-Illustrierten "Chatter - Stars über die man spricht" ist es gelungen, die Serien-Superstars Tom Beck und Erdoğan Atalay auszuziehen. Mit entblöster Brust und mutig um die Hüfte geschlungenem Handtuch stehen die "Die schärfsten Cops Deutschlands" der Zeitschrift Rede und Antwort im Interview zur 17. Staffel der Erfolgsstory aus deutschen Landen:

Chatter: Gibt es am Set Mucki-Kämpfe zwischen Ihnen?
Tom: Täglich! Wir spannen jeden Morgen unsere Bizeps an und messen, ob jemand einen Zentimeter mehr hat.

Radfahrtipps Dithmarschen


Vor gut zwei Wochen habe ich ja schon mal versucht Euch alle drei Leser an meinem reichhaltigen Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen, und ein paar Radfahrtipps für Berlin niedergeschrieben. Nun ist mir dabei aufgegangen, dass man zwar sowohl in Berlin als auch in Dithmarschen mit dem Fahrrad zahlreiche Touristen umkurven muss, dass sich die beiden Gegenden aber sonst im Verkehr eher wenig gleichen.

Während in Berlin beispielsweise die wichtige Frage ob der Verkehrsregeln ist: "Bremse ich an der Ampel jetzt zum fünften mal auf 400 Meter, steige halb ab, und fahre dann mühsam zum fünften mal wieder an, oder gehe ich das Minimalrisiko auf eine zerschmetterte Kniescheibe ein?", stellen sich in Dithmarschen eher grundsätzlichere Fragen: "Wenn jetzt in 1000 Meter Entfernung niemand ist, der es wahrnimmt, und die nächsten drei Stunden niemand kommt, den diese Verkehrsregeln betrifft, existiert die Verkehrsregel dann überhaupt noch?".

Die Radfahrtipps für Dithmarschen sehen dementsprechend deutlich anders aus:

* Keine Bäume und keine Berge bedeutet auch: kein Schatten nirgends. Und keine Unterstellmöglichkeit bei Hagel nirgends. Sonnencreme und Waschbetonbuswartehäuschen sind Deine Freunde.
* Auf der Seeseite vom Deich sind Touristenhorden, Schafherden, Schafköttel und Gegenwind. Auf der Landseite ist Windschutz und eine frischgeteerte ebene Boßelstrecke.
* Sechs Kilometer auf offenem Feld bei Windstärke 7 können anstrengend sein. Die Strecke nach Möglichkeit so legen, dass die sechs Kilometer am Anfang sind.
* Wenn der nächtliche Heimweg länger als 10 Kilometer ist: keine Haschkekse!

Offene Tabs wegbloggen

NoScript ist schon ein dolles Firefox-Plugin. Seitdem es läuft, kann ich problemlos eine dreistellige Tab-Anzahl offenhalten, ohne dass mir mein Browser abstürzt.

Ähm ja, dreistellige Tab-Zahlen, unübersichtlich ist es schon ein bißchen. Also auf sie mit Gebrüll und die lesenswerteren Artikel hier vermerkt:

* IPKat hat einen Artikel zum Thema Identität und Unterschied zwischen Plagiaten und IP-Rechtsverletzungen und noch ein paar sehr schöne Links dazu.

* O'Reilly über das Projekt "Public Access to Court Electronic Records", dass prinzipiell öffentliche Gerichtsakten auch tatsächlich öffentlich macht und ins Internet stellt. Und die Folgen für das Rechtssystem.

* The American über das Verhältnis von Künstlern und Markt über die Jahrhunderte.

* Foreign Policy über Statecraft, US-Techfirmen und das US-Außenministerium. Beim ersten Leseversuch zu komplex für mich, aber vielleicht klappt's ja noch.

* Wissenschaftssoziologie für Wissenschaftler.

* Wired "In Defense of Google".

* Nieman Journalism Lab mit einer ausführlichen Analyse wie es in den USA mit dem Recht zur Newszusammenfassung ist.

* "Wikipedia Journalism” Can be Contagious and Deadly". Scheint eine größere Story, war mir bisher aber auch zu komplex.

Darum mag ich Berlin (V)

...weil im Stadtteil ein modernes und wunderbar gepflegtes Buswartehäuschen mit Sitzbank steht, an dem schon seit Jahren kein Bus mehr angehalten hat.

Hitler-Gewinnspiel


Hurra! 100 Posts! Was läge es näher als da den einen und den anderen Traffic-Überraschungsposterfolg nochmal zusammenzulegen.

Leider hat das letzte Gewinnspiel allerdings schon das gesamte Blog-Budget für dieses Quartal erschöpft, so dass es jetzt leider nur ein "Hurra! 100 Posts!" gibt.

Mittwoch, 8. September 2010

Guru Nanak vor Baal und Zeus

Während ich hier grade noch Versuche etwas Sinn in die Sarrazin-SPD-Paarung zu versenken und die Ode an das Wesselburener Sauerkraut auch erst langsam in meinem Geiste gestalt annimmt, ein kurzer Linktipp in die Wikipedia.

An seine Artikel hat das Online-Nachschlageungeheuer ja den Anspruch der absoluten Nachprüfbarkeit und Neutralität aufgestellt. Der Anspruch verhindert unter anderem jegliches eigenes Nachdenken oder Experimentieren und ist daher relativ langweilig.

Auf den Benutzerseiten jedoch kann man gerne ein bißchen experimentieren und versuchen. Desöfteren finden sich ziemliche Perlen unter den entlegeneren Benutzerseiten. Eine meiner Lieblingsseiten ist Martin Vogels Experimentaltheologie.

In einem durchaus schlüssigen Versuchsaufbau nähert Vogel sich unvoreingenommen der Frage nach einem Gott und ob dieser das Weltgeschehen beeinflussen kann und will. Das seit drei Jahren laufende Langzeitexperiment hat bisher knapp 150 Götter und Heilige getestet und ein Budget von 120 Euro verursacht. Von den 150 gesteten Göttern schnitt Guru Nanak am besten ab, Zeus und Baal erzielten immerhin ein "halbwegs glaubhaft".


Vielleicht sind die Drei aber auch nur die einzigen Götter, die sich auf solche Experimente einlassen, bei ein paar anderen könnte es unter ihrer Würde sein.

Coole Sache ist das mit dem Irakkrieg in 12 Bänden (I)

Der ein oder andere wird es mitbekommen haben. James Bridle hat sämtliche Versionen des englischen Wikipedia-Artikels zum Irakkrieg als Buch ausdrucken lassen. Oder um genauer zu sein: als zwölfbändiges Sammelwerk, das in seiner Quantität jeder klassischen gedruckten Enzyklopädie Konkonurrenz macht.

Die Fotos sehen super aus
, und natürlich denke ich seit gestern darüber nach welchen Artikel ich vom Urschleim an gern im Regal hätte.

Allerdings hat Birdle das nicht einfach so gemacht, sondern um einen Punkt zu machen. Irakkrieg als Teil der Wikipedia, Wikipedia als Teil des Internets, das Internet als Teil der menschlichen Kultur. Ausgedruckt, weil:

As is my wont, I made a book to illustrate this. Physical objects are useful props in debates like this: immediately illustrative, and useful to hang an argument and peoples’ attention on.

Meine Aufmerksamkeit hat er, über seine grundsätzliche Argumentation bin ich mir noch nicht sicher, später dazu dann mehr hier.

For some very strange reason, Wikipedia thinks I'm Canadian.

For some very strange reason, Wikipedia thinks I'm Canadian. Not that there's anything wrong with that. I guess I should be flattered that Wikipedia deems my incredibly mediocre career something to include, but it's just so embarrassing because they got so much wrong. First of all, they say I'm a "Canadian born American actress". Which I'm not. I've never even been to Canada. And then they list a few random, obscure and really old credits. Where do they get their information? Why would anyone have written this? I feel like I should write them and provide them with accurate data, but that seems sort of...vain or something.


(Gretchen on Second Blooming)

Dienstag, 7. September 2010

dasnjezabernichteuerernst, Spiegel Wissen zu Wikipedia

Vor zwei Wochen lästerte ich noch über die FAZ, deren Recherche zu einem Wikipedia-Artikel daraus besteht, einmal in der Pressestelle anzurufen und ansonsten einen Newsweek-Artikel falsch zu übersetzen.

Diese Woche hat der Spiegel das locker unterboten und den komplett recherchefreien Wikipedia-Artikel erfunden. Naja, Artikel ist jetzt nett gesagt, Elaborat trifft es wohl näher.

Der Artikel erschien gedruckt in Spiegel-Wissen und ist offensichtlich das beste aus dem Archiv der 2004er, 2005er und von gestern. Faktische Fehler finden sich in größerem Maßstab immerhin keine. Was nicht überraschend ist, ist die einzig größere Aussage des Artikels doch "Wikipedia ist ziemlich erfolgreich so insgesamt."

Kuckt man genauer, findet sich dann aber doch einiges an Ungenauigkeiten:

- Jimbo Wales/Bomis hat Wikipedia bis 2003/2004 zumindest teilfinanziert, nicht bis 2002 wie im Spiegel steht. Was aber nicht schwer war, weil es sich nur um drei Server handelte.

- Anders als im Spiegel dargelegt, ist es zwar ungern gesehen, wenn man über sich selbst schreibt, explizit verboten ist dies aber nicht.

- "Egal ob man nach "Faust", "Forelle" oder "Federball" fahndet - der erste Treffer ist stets der entsprechende Wikipedia-Eintrag." - bei mir kommt auf eins Forelle.com.

- Das Stewards "über" Bürokraten rangieren die "über" Admins stehen ist nicht komplett falsch, aber auch nur so richtig wie deutsche Diplomaten über Studienräten stehen.

Diese Zusammenschreibmethode führt dann auch dazu, dass ein Großteil aller Geschichten im Jahr 2005 spielt, als das Spiegel-Archiv anscheinend besonders fruchtbar war. Die deutsche und die englische Wikipedia fliegen im Artikel natürlich auch fröhlich durcheinander, der Leser weiß eher selten bei welcher Sprachvariante der Wikipedia er ist, der Autor wirkt nicht orientierter.

Als Experte vom Dienst muss mal wieder Christian Stegbauer herhalten, der auch mal wieder nicht wörtlich zum aktuellen Thema zitiert wird; sprich dessen Thesen wieder aus anderen Artikeln zusammengekratzt sind. Ein besonderes Schmankerl allerdings stellt der tatsächlich zum Artikel befragte "Experte" da. "Kurt Jansson, einer der Gründerväter der deutschsprachigen Wikipedia"

Das stimmt. Kurt ist das deutsche Wikipedia-Urgestein überhaupt und hat sicher vieles zum Erfolg der deutschsprachigen Wikipedia beigetragen. Trotzdem entspräche es meinem Verständnis journalistischer Ethik zu erwähnen, dass Kurt ein Kollege des Autoren ist und im Büro nebenan sitzt. Vielleicht hätte man auch einfach jemand fragen können, der gar nicht beim Spiegel arbeitet. Es soll etwa 8000 andere deutschsprachige Wikipedianer geben.

Cool Spiegel, einen Spiegel-Redakteur als "unabhängigen Experten" befragt, auf jegliche Recherche verzichtet, und trotz des angestellten Experten dann aus den Archivgeschichten noch lustige Fehler zusammengeschrieben. Das muss man erstmal schaffen.

Darum mag ich Berlin (IV)

... weil ich, während ich gerade den Brokkoli bezahle, durch das Fenster hinter der Supermarktkasse sehen kann, wer gerade bei "666 DVD Discount! Billig! Mit Schlampen! Auch Gebraucht-DVD!" so ein- und ausgeht.

Techdirt hat Angle entdeckt

Aber zugegebenermaßen hat Techdirt in seiner Zusammenfassung eine bessere Quelle für den Sharron Angle/Righthaven zusammenprall gefunden als ich in meiner. Nun können wir vermuten, dass eventuell Boing Boing oder so die Story findet, dann Gulli oder heise und ich prognostiziere für Freitag oder Montag eine niedrigschwellige Meldung bei Spon. Der Standard wäre dann auch noch dran, für die deutschen Regionalen ist das Thema wohl zu weit weg.

Aufgabe: angenommen es gäbe schon ein Leistungsschutzrecht. Wer müsste dann wieviel an wen bezahlen?

Kurzreview Günter Grassens seine Stasi-Akte

Komische leicht schmerzhafte Beinverletzungen schränken die Mobilität erheblich ein. Das hat unter anderem den Vorteil. dass man endlich mal dazu kommt, die 20 angefangenen Bücher auf dem Nachttisch zu Ende zu lesen.

Eines der besseren davon war Kai Schlüters "Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte". Grass, politischer Schriftsteller und SPD-Führungs-Vertrauter hat während der gesamten Zeit der Teilung die Einheit der deutschen Kulturnation proklamiert und vergleichsweise enge Kontakte zur literarischen Szene der DDR gepflegt. Als prominenter Westdeutscher, als Sozialdemokrat, als Freund dissidenter DDR-Bürger, sah die Staatssicherheit jede Menge Gründe Grass zu überwachen. Schlüter hat eine Auswahl der Akten zusammengestellt, und lässt diese von Grass und anderen Zeitzeugen kommentieren.

Selbst wenn man sich für die Person Grass nicht sonderlich interessiert, ist es doch ein höchst spannender Einblick in einen real existierenden deutschen Überwachungsstaat. Gerade auch die Gegenüberstellung der Akten mit den Zeitzeugeninterviews leistet hier erhellende Aspekte. Da werden Tatsachen vertauscht, Namen grotesk falsch geschrieben, geheimnisvollstes in banale Tatsachen hineininterpretiert, während die Stasi anderes übersieht.

Anderseits sieht man auch wie dicht das Netz geknüpft war, wenn Grass in der DDR unterwegs war; wie sehr sich Grass auch im nachhinein freut, wenn an einer vertrauten kleinen Runde wirklich niemand von der Stasi teilnahm. Man lernt einzelne Beobachter und IMs kennen, liest intelligente Einschätzungen der Lage ebenso wie Bewacher, die anscheinend komplett von den Gesprächen überfordert waren, denen sie zuhören mussten.

Absurd ist es oft genug. Jede inhaltliche Akte wirft dem engagierten SPD-Mitglied vor, er würde "sozialdemokratische Positionen" vertreten. Der Leser verfolgt den DDR-Politsprech, der inhaltliche Äußerungen schnell und distanzlos in eine der wenigen Schubladen packt. Es ist selbst mit 20 Jahren Abstand erschreckend. Die genaue Aufschlüsselung wann ein Grass-Kontakt im Parkverbot stand ist genauso tragikomisch wie der in den Akten oft wiederholte Hinweis, dass das Ehepaar Grass ordentlich gekleidet sei.

Selbst in dieser stark gekürzten Auswahl überwiegt das Banale, Triviale, Mutmaßungen, in der Substanz wirkt die Stasi immer verloren und orientierungslos. Was sie natürlich nicht hindert massive Maßnahmen gegen jene zu ergreifen, die im Laufe der Untersuchungen ihren Weg kreuzen.

Da die DDR wenig Handhabungen gegen Grass selber hatte und ihm auch nicht "nach Hause" nach Westberlin folgte, lesen sich die Akten weit weniger bedrohlich als es bei Ostdeutschen der Fall ist. Letztlich fehlten der DDR in diesem Fall die Druckmittel. Die oft vergeblichen Bemühungen der Stasi des Phänomens Grass herr zu werden, weisen oft genug eine komische Note auf. Aber vielleicht hilft diese emotionale entschwerung dabei, den Überwachungsstaat wirklich in absurden Funktionalität wahrnehmen zu können.

Kleine, gemeine Freude am Rande

Sharron Angle ist Kandidatin der Republikaner für den Senatssitz in Nevada bei der kommenden US-Wahl. Angle kommt tief aus dem paranoiden Flügel der Partei und hat mal öffentliche Positionen vertreten, die die gesetzliche Diskriminierung gegen Homosexuelle befürworteten, war auf Kundgebungen, in denen die Erschießung Liberaler gefordert wurde, hat selbst dunkle Andeutungen über Jefferson und die bewaffnete Revolution gemacht, und hat auch schon mal schwarze Footballtrikots bei einer Schulmannschaft abgelehnt, weil die satanisch seien.

Seit der Nominierung durch die Parteibasis versucht ein ganzer Haufen Spin Doctors ihren Appeal auch außerhalb ihrer Kernwählerschaft zu erweitern. Dazu gehört zum Beispiel, dass Angle nur in Ausnahmefällen mit der Presse redet und dann nur, wenn das Medium eh schon ihrer Meinung ist. Eine andere Maßnahme war, Angles alte Website komplett vom Netz zu nehmen.

Angles Gegenkandidat Harry Reid - zu dem sich auch einiges schreiben ließe - erkannte natürlich, welches Potenzial in Angles alten Statements steckte: Er postete eine Kopie ihrer alten Website. Nur um sich prompt Unterlassungserklärungen wegen Urheberrechtsverletzungen einzufangen. Gleichzeitig hat Angle aber beispielsweise ganze Artikel aus der größten Zeitung Nevadas, dem Las Vegas Review-Journal auf ihre Website gestellt. Natürlich auch unter Verletzung des Urheberrechts.

Righthaven andererseits ist ein Unternehmen, das von zahlreichen Beobachtern als "Copyrighttroll" beschrieben wird. Es kauft die Rechte an Zeitungsartikeln, und generiert Einkommen aus unlizensierten Nachnutzungen. Anstatt Blogger und andere auf ihren Urheberrechtsverstoß hinzuweisen und Änderung zu verlangen, verklagen sie direkt, und scheinen damit ein recht einträgliches Geschäftsmodell zu verfolgen. Gleichzeitig entwickeln sie sich gerade zum Hassobjekt der Internetcommunity.

Wichtigstes Medium wiederum, das seine Rechte an Righthaven abtritt, ist das Las Vegas Review-Journal aus Nevada. Und jetzt hat Righthaven Sharron Angle entdeckt. Und verklagt. Da haben sich die beiden richtigen gefunden.

"Atomrevolution" ein Triumph für gewalttätige Jugendgangs

Wenn man klein ist und langsam beginnt, Politik zu entdecken, fragt man früher oder später unweigerlich "Warum zahlst du Steuern?". Einige Eltern antworten dann mit dem dispositiven militärisch-industriellen Komplex, die meisten aber doch eher "damit Straßen gebaut werden. Und Schulen. Und Schwimmbäder und Bücherein". Staat zum Anfassen ist da, wo Kommune ist. Dass seit Jahrzehnten die Kommunen ausgeblutet werden, sich die innerstaatliche Macht immer mehr zur Zentrale hin verschiebt, der abstrakte Steuer- und Überwachungsstaat sich ausdehnt, während gleichzeitig der Staat zum Anfassen in immer schlechterer Konstitution dasteht, ist einer der wichtigeren Gründe für die Staatsverdrossenheit.

Und um die Jugendgangs ins Spiel zu bringen. Bei aller Debatte, wir sind uns glaub ich eins, es gibt ein Problem mit Schulabbrechern, eines mit zunehmender Gewalt einer kleinen Gruppe etc. Effektiv dagegen kann man mit mehr Präsenz einschreiten: bessere und bezahlbarere Kindergärten, weniger überforderte Jugendämter, Stadtteilzentren die nicht vom Einsturz bedroht sind und deren Mitarbeiter es schaffen, dass nicht eine Gruppe alle anderen aus dem Zentrum ausschließt. Anlaufpunkte für Opfer etc. Kommunale Aufgaben, denen diese kaum nachkommen können, weil sie bundesweit nur noch Mangel verwalten.

Was macht also unsere Bundesregierung? Kommunen stärken? Fast:

Die Laufzeitverlängerung ist für Stadtwerke und kommunale Versorger eine sehr nachteilige Entscheidung.“ Filbert, der der 8KU vorsteht, einer Vereinigung acht großer Stadtwerke, sieht einen Milliardenschaden auf die kommunalen Versorger zukommen. Die Auslastung des Kraftwerksparks der Unternehmen sinke durch die längeren Laufzeiten deutlich. „Den Schaden für kommunale Versorger durch die zwölfjährige Laufzeitverlängerung schätzen wir auf 4,5 Milliarden Euro“


(zitat gesucht und gefunden in Frankfurter Rundschau)

Gewinnspiel Kekse

Die oder der erste, die oder der heute in den Kommentaren begründet schreibt, was ihr oder sein Lieblingswikipediaartikel ist, gewinnt eine Packung Kekse.

Bonunssympathiepunkte gibt es, wenn ihr dazu schreibt, ob bei Euch gilt, dass selbstgemachte Kekse "Plätzchen" heißen.

Montag, 6. September 2010

Frag die Pressestelle oder den Bürgerservice?

Hm, und wenn ich jetzt über das BMI blogge und dem BMI netterweise bescheid sagen will, bin ich jetzt Presse(stelle) oder Bürger(service)? Fragen stellen sich so mitten in der Nacht.

Frag den Minister

Angesichts der Tatsache, dass wir hier von einem CDU-Innenminister reden, empfinde ich Thomas de Maizière als positive Überraschung. Immerhin ist seine Weigerung jede Woche eine andere Bevölkerungsgruppe wegsperren zu wollen einer der Hauptgründe, warum Bild zur Jagd auf die Regierung aufgerufen hat.

Zudem ist er einer der ersten ernstlich wichtigen Politiker, zu dem es anscheinend durchgedrungen ist, dass das Internet nicht nur in den einsamen Kellern komischer Freaks stattfindet, sondern selbstverständlicher Teil des Alltags werden wird und ist.

Jener Minister nun tritt in Kommunikation. Mit uns. Wirklich. Beziehungsweise mit "Daten- und Verbraucherschützern, Unternehmen sowie Wissenschaftlern und Experten u.a. aus dem Bereich Geoinformation" und dann mit uns. Wir dürfen Fragen einreichen, die de Maizière dann mit den Daten- und anderen Schützern redet und danach Auskunft gibt. Die Fragen darf man bis zum 14.9. stellen und danach gibt es einen Votingprozess. Leider kann man vor dem 14.9. nicht die Fragen anderer einsehen, so dass sich zahlreiche Wiederholungen kaum vermeiden lassen.

Dass de Maizière die Initiative ausgerechnet zum leidigen Streetviewthema ergeift, wirft Fragen auf: ist es jetzt zu begrüßen, dass der Minister versteht, dass das Internet zur Zweiwegkommunikation fähig ist; oder abzulehnen, dass er es mit so einem Nicht-Thema macht? Ist es zu begrüßen, dass ein Politiker tatsächlich mal ein Thema aufgreift, dass die Menschen bewegt, oder soll ich mir die letzten drei Haare ausraufen, weil die Menschen ausgerechnet Street View so bewegt? Ist über soviele Banden überhaupt Kommunikation möglich? Ach egal, wenn ein Minister mal den Anschein erweckt an Zweiwegkommunikation interessiert zu sein, dann sollte man das bestärken.

Ich habe jetzt die Frage auf den Weg geschickt:

Sehr geehrter Minister Dr. de Maizière. So sehr ich es begrüße, dass sie auf diesem Weg mit der Öffentlichkeit in Kontakt treten. Sind sie tatsächlich der Meinung, dass ausgerechnet Google Street View das derzeit wichtigste Datenschutzthema in Deutschland ist?

Überzeugt genug für die konstruktive Frage "hat man eine Updatemöglichkeit nachdem der Rasen jetzt gemäht wurde" bin ich dann doch nicht. Besser als "Manfred Kanther beantwortet Fragen zur Ausländerpolitik" wird es aber allemal werden.

Soll, soll, soll, kann nur

Die Grauzone zwischen Plagiat und Zitat ist eine neblige und bedarf oft des gedanklichen Floretts. Da mein Rumpelfranzösisch dafür bei weitem nicht ausreicht, hab ich mich bisher enthalten, etwas zum Thema zu sagen, dass Slate.fr den Autor Michel Houellebecque des Wikipedia-Plagiats bezichtigt. (danke aber trotzdem für die Hinweise!)

Nun ja, obwohl bei dpa und Spiegel Online vemutlich jemand arbeitet, der auch auf französisch einen Roman lesen kann, scheinen die mit der Meldung inhaltlich auch überfordert. Die haben aber weniger Hemmungen und schreiben eine wunderbare "Der eine sagt dies, der andere sagt jenes, und alle sagen irgendwas"-Meldung. Und die Antwort, oder die Fakten, mein Freund, die kennt nur der Wind.n

Snotty!

Mir war so, als wolltest Du einen Kachingle-ist-der-Untergang-des-Datenschutz-ABendlandes-Post schreiben? Oder? Vielleicht hilft ja das hier als Argumentationshilfe.

Mühsam nährt sich das Hammerhaichen (I)

Es kam, dass ich Achim Raschka versprach, parallel zu seinen Bio-Artikeln zu den Hammerhaien, im Wikipedia-Schreibwettbewerb die gleichnamige Ska-Band aus Hannover zu beschrieben. Nun mag ich Achim sehr gern, aber es ist ja wohl selbstverständlich, dass Ska-Punk cooler ist als eine Familie der Galeomorphi.

Genau, Hammerhai, die Band mit der ewigen Medienpräsenz über die es regalweise Monographien gibt ... die erste Recherche in seriösen Quellen hat mir dankenswerterweise H-stt nach einem Aufruf im Iberty abgenommen. Die Recherche ergab aber nur einen Artikel in der Welt. Der Artikel wiederum hat mich als Ex-Hannoveraner persönlich gefreut, weil er die Stadt gut wiedergibt, zu Hammerhai enthielt er aber eher wenig verwertbares.

Also auf zu den unseriösen Quellen. Das Intro glaubt irgendwo auch, dass Wikipedia-Autoren keiner Nennung bedürfen, ist aber zumindest unterhaltsam. Die Bandwebsite selbst weiß nicht mal genau, ob die Band existiert oder nicht, das kommt dort auf die Unterseite an, auf die man gerät. Fällt also weitgehend aus.

Die heiligen Wikipedia-Regeln - besonders die Abschnitte No Original Research/Keine Theoriefindung - verbieten ja dogmatisch und intensiv, Fragen einfach zu klären, indem man die Beteiligten fragt, eine Mail an Hammerhai fällt somit komplett aus. Also weiter auf der Suche nach Sekundärquellen.

Langeleine.de ist vielleicht nicht das, was uns der VDZ als Qualitätsjournalismus verkaufen will, wirkt er ehrlich und informiert und weist damit Qualitäten auf, die nicht jedes Medium so aufweist. Und, wichtiger im Hammerhai-Zusammenhang, es hat sogar ein paar Artikel, die die Band erwähnen. Langeleine bestätigt dann auch die Bandauflösung.

Schmuckstück der Erst-Recherche blieb allerdings ein Ox-Interview aus 2006. Das hatte sogar noch ein paar Hintergründe, eine zitable Beschreibung der Musik und noch ein wunderbares Zitat mit Pogo-Pinguinen. Zudem hat es meine vorher gewagte These untermauert, dass Hammherhai eine Hannober-Linden-Hausband sind sozusagen.

Und Voila, eine Stunde Wikipedia-schreiben zu Popmusik-Nischenthema sieht dann so aus. Jetzt kommt die Stunde, die man braucht, um den Artikel gegen die Rechthaber-in-residence zu verteidigen.

Sonntag, 5. September 2010

Das DIY-Restaurant

Kaum schreibt man mal 15 Minuten nichts, wird einem der Beitrag über das Kochhaus unter der Nase weggebloggt.. Wenn ich mich Madame Poupou auch vollumfänglich im Fazit anschließen kann, so bleibt mir doch das Privileg der ausufernden Laberei.

Einst war an der Ecke Hauptstra0e/Akazienstraße in Schöneberg eine Spielhalle, das war vor meiner Zeit. Dann hat sich die Gegend dramatisch verschlechtert, und ein Starbucks zog ein. Der ist nun auch weg, die letzten Monate hat offensichtlich ein Haufen Handwerker das Ladenlokal bewohnt.

Die Umbauzeit war eher lang. Auf dem zugeklebten Fenster standen einige Sprüche, die mir einen Tick zu gentrofo... getrifin.. prenzlauerbergmäßig waren. So "Diät ist wenn man trotzdem nascht". In einem Blog, das ich grad nicht mehr wiederfinde, ich glaube Berlin tidbits oder so, entdeckte ich schließlich einen Vorankündigungsbeitrag. Ein "begehbares Kochbuch" soll es werden, in dem man sich quasi Rezepte zusammenkauft. Naja, in einem Land, in dem die Menschen für Kochbücher sehr viel, für Lebensmittel aber sehr wenig Geld ausgeben, vielleicht nicht die schlechteste Marketingidee, um Lebensmittel zu verkaufen. Aber seien wir ehrlich, das klingt immer noch wie eine besonders anstrengende Variante eines Supermarkts.

Dann kam die Eröffnung, wir hatten eigentlich schon auf dem Wochenmarkt Friedenau alles gekauft, was es zu kaufen gibt. Aber was nimmt man nicht alles für Umwege auf sich, um ein Glas Prosecco umsonst zu bekommen. Undschausieheda, alles ist anders. Der Prosecco war Aperol, und der anstrengende Supermarkt entpuppte sich eher als DIY-Restaurant.

Neben Bar und Theke enthielt das Kochhaus eine ganze Reihe Tische mit daneben gestellten kleinen Tiefkühltruhen oder Kühlschränken. Dort sind alle Zutaten aufgestellt, die man für eine Mahlzeit braucht. Man kann die Zutaten einzeln kaufen. Oder man packt alles was man für ein Gericht benötigt zusammen mit dem Rezept in eine Tüte und bezahlt einen Paketpreis zwischen 3 und 10 Euro pro Portion. Das ist nicht total preiswert, aber dafür, dass das durchgehend alles extrem lecker, edel und appetitlich aussah, jetzt auch keine riesige Menge. Lebensmittel zum Schwelgen liegen dort geradezu. Die Lebensmittel wirken überzeugend so, als könnte man am Ende dinieren wie in einem Edelrestaurant. Nur dass man selbst noch Spaß an der Zubereitung hat. Und nicht nachdenken muss, was man will, hat und braucht. Edel. Einfach. Lecker. Lecker. Das muss ausgetestet werden.

Wir werden jetzt Donnerstag wieder im Kochhaus sein, und das ganze probekochen wenn wir Abends ein bißchen Zeit haben. Ob für das Kochhaus als Geschäft das Konzept aufgeht; ob man vermitteln kann was es ist, und was es wird, ob sich der Neuigkeitswert nicht recht schnell erschöpft - ich bin leider immer noch skeptisch.

Andererseits, die Nachfrage sollte da sein. In unmittelbarer Nachbarschaft hält sich der beste Supermarkt der Welt; am anderen Ende der Akazienstraße der stilvollste Wochenmarkt Berlins, schräg gegenüber der Ecke ein eindrucksvoller türkischer Wochenmarkt. Wenn das Konzept wo funktioniert, dann hier. Und meine Einstellung hat sich dramatisch von "naja, falsche Idee" zu "hoffentlich klappt's, hoffentlich klappt's, hoffentlich klappt's" geändert.

Schafe und Bücher hängen intrinsisch zusammen


Das Schaf-Buch-Netzwerk ist für all die gebildeten Menschen da draußen vermutlich keine Überraschung. Ich hätte es mir eigentlich auch denken können, habe es aber natürlich nicht. Dank des nettes Blogpostings "Why are books so big? (Google Penance)" des ebenfalls sehr nett aussehenden Blogs Got Medieval, bin ich jetzt schlauer. Ein Taschenbuch ist ein Sechzehntelschaf, ein Hardcover ein Achtelschaf.

(via Neatorama, Wired und wo man halt so abbloggt)

Das Ende der Geduld..

... hat offensichtlich meine Buchverleihgeberin überfallen, denn die möchte ihr "Das Ende der Geduld"-Buch der ehemaligen Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig wiederhaben. Also eine Schnelllesesession eingeschoben, die sich bei dem Buch auch schnell einschieben lässt, länger als einen halben Nachmittag sollte da niemand dran lesen müssen. Das Buch steckt tief in der Praxis, mit allen Vor- und Nachteilen.

Anschaulich sind Fallgeschichten aus verschiedenen Milieus, die alle wiederholt vor dem Jugendrichter gelandet sind, rechtsextreme Schläger, staatenlos-libanesische-kurden mit langer Karriere in allen Arten gewalttätigen Verbrechens, Steinewerfer, entwurzelte "kleine Prinzen", bei denen die Eltern auch noch nach der Vergewaltigung meinen, er sei ja zu Hause ganz friedlich: differenziert, dem Einzelfall durchaus gerecht werdend und - soweit ich beurteilen kann - auch mit realistischer und abgeklärter Einschätzung, welche Maßnahmen geholfen haben, welche nicht, welche beeindrucken und welche eher für allgemeines Gelächter beim Schläger und nachrägliche Demütigung beim Opfer sorgen.

Neben diesen Täter/Tatschilderungen berichtet sie aus mehreren Projekten, in denen versucht wird, Jugendliche wieder zu einem Mindestmaß an sozialen Umgangsformen zu verhelfen, beschreibt diverse Stadtteilprojekte in Neukölln, Jugendbetreuungsmaßnahmen und engagierte türkische bzw. arabische Organisatoren, die versuchen, eine Kommunikation zwischen deutschem Staat und ihrer Community herzustellen. Ein paar Beispiele aus dem Ausland, Oslo, Glasgow, London, Rotterdam folgen auch noch, die Heisig bei persönlichen Besuchen kennengelernt hat.

Darin allerdings liegt auch begründet, warum das Buch zwar eine gute Lagebeschreibung für Neukölln darstellt, aber nur bedingt dabei hilft, Lösungen zu finden. Heisig nimmt das zur Kenntnis, was sie selbst gesehen hat, setzt eher eklektisch Statistiken ein, denen sie nach eigener Auskunft eh nicht traut, und hat sonst - ich nehme an mit Absicht - keinen Außenblick. Damit erfahre ich zwar, wie es in zwei Neuköllnern Antigewaltprojekten aussieht, weiß aber generell immer noch nicht, was sie taugen. Die systematischen Erkenntnisse, die sich aus dem Buch ziehen lassen, sind dementsprechend auch eher begrenzt: Jugendstrafrecht muß schneller funktionieren und vor allem konsequenter sein, Kinder aus bekannten Problemfamilien müssen intensiver betreut werden, mehr Polizeipräsenz, bessere Zusammenarbeit der Behörden - das dürfte prinzipiell gesellschaftlicher Konsens sein, da wäre eher zu fragen, warum die Umsetzung nicht funktioniert - und dazu wiederum hat Heisig wenig zu sagen. Einzig ihr mehrfacher Vorwurf, dass der Datenschutz einer effektiven Zusammenarbeit von Polizei, Jugendämtern und Schulen im Weg steht, dieser dürfte auch abstrakt eher kontrovers sein.

Dazu noch einige Random-facts, die ich mir merken werde: Warum stehen Bandidos dauernd in der Zeitung, die libanesischen Großclans aber eher abstrakt und wenn dann anhand einzelner Figuren, nicht als Clan; Kokain wird anscheinend unterschätzt, was die Gewaltbereitschaft angeht, Rotterdam hat vorbildliche Methoden mit Problemjugendlichen umzugehen, auch Behörden bzw. ihre Mitarbeiter haben begründet körperlich Angst, bestimmte Probleme anzugehen, und nicht zuletzt Heisigs Aufruf, dass man Täter und Fälle in Einzelfällen betrachten muss.

Und ja, was ich aus den Umständen der Entstehung und dem Aufgabengebiet nachvollziehen kann: Heisig beschwert sich mehrfach, dass die Aufmerksamkeit aller Stellen und der Medien immer beim Täter, nie beim Opfer liegt - genau dasselbe macht aber das Buch. Vielleicht sollte das Buch über Gewaltopfer auch mal geschrieben werden.


Unterholz, Youtube, Musikindustrie

Das lustige wenn man New York Times liest ist, dass man damit recht zuverlässig ein Viertel der Meldungen antizipieren kann, die ein paar Tage später in den deutschen Medien auftauchen. Was die da an Leistungsschutzrechten bezahlen müssten.. Leistungsschutzrecht an Ausländer muss man ja aber nicht bezahlen, und deshalb kann ich kurz auf den Artikel "YouTube Ads Turn Videos Into Revenue" verweisen.

Der Artikel schildert die Tatsaeche, dass Youtubes Content ID nicht nur dafür sorgt, dass Inhalte von der Plattform verschwinden, sondern dass Rechteinhaber einfach Werbung mit Youtube teilen. Zu einem Großteil läuft das bei Videos ab, die ohne Wissen der Rechteinhaber hochgeladen wurden. Wenig überraschend stammen die Beispiele vom Fernsehen, das anscheinend nicht versucht die "Three-Stooges-Taktik" der Musikindustrie zu wiederholen. Leider lässt sich die NYT nicht darüber aus, ob darunter auch die ganzen "This is not available in your country"-Inhalte befinden. Mit Kontrollaufgabe lässt sich tatsächlich Geld verdienen.