Samstag, 31. Juli 2010

Sie können Surfen. Richtig gut.

Michael Seemann hat in seinem spannenden Blog ein paar "Ein paar bange Gedanken zu Wikileaks" geäußert. Die Gedanken, die dem Post zugrunde liegen, werden soweit ich beobachten kann, in größeren Teilen der Bewegtennetzwelt geteilt und sind deshalb ein paar Worte wert. Ich hoffe mal, ich verkürze nicht allzusehr, wenn ich versuche, die ganze Argumentation auf ein paar Kernthesen einzudampfen:

"Wir sind es gewohnt, fröhlich und krachend auf der Welle des Kontrollverlusts durch die Institutionen zu surfen (wir brauchen keinen Marsch). Massenmedien, Film und Musik-Produktion, Expertokratien und die Kommunikationshoheiten der großen Konzerne werden nieder gewalzt. ... Und die Welle rollt immer weiter und begräbt dabei immer neue “Eliten” unter sich. Und nun also das Militär, die Geheimdienste..."

"... So sehr ich diese ganze Entwicklung begrüße, stelle ich mir manchmal die bange Frage nach der Konterrevolution. Wie lange werden die Institutionen, die Eliten und andere Verantwortliche sich den Kontrollverlust noch bieten lassen? ... Okay, man braucht natürlich eine kleine verschwörungsrtheoretische Macke, um solche Gedanken zu hegen. In einem tatsächlich vorbildlich demokratischen Rechststaat wäre das natürlich alles kein Problem. "

Ich denke mal nach einem Politikstudium hegt man im allgemeinen keinen allzu großen Glauben mehr an einen vorbildlichen Staat und ich bin da eher unverdächtigt. Trotzdem glaube ich über- und unterschätzt der Post die Machteliten. Einerseits überschätzt er die Eliten, weil er ihnen die Konterrevolution zutraut - was nicht nur gravierende Kollateralschäden mit sich brächte, sondern auch ein koordiniertes Vorgehen aller Eliten erforderte. Und das wiederum ginge nur, wenn keine derjenigen was durch die technischen Änderungen zu gewinnen hätte.

Und das wiederum unterschätzt die Machteliten, weil es ihnen unterstellt aus den neuen technischen Möglichkeiten keinen Vorteil ziehen zu können. Und wo sind die weggespülten? Ich sehe sie nicht. Die Musikindustrie mag geschrumpft sein, aber Sony und Universal existieren noch und ihnen geht's gut, ist Apple mit iTunes großartig anders als BMG? Geht es der Filmindustrie schlecht? Haben Industrien, die enger im Machtzentrum stehen - Militär, Finanzen, Infrastruktur - nicht in den letzten Jahren einen unglaublichen Aufschwung und Konzentrationsprozess genommen. Ich sehe die Welle, aber ich sehe niemanden davongespültes.

Ist dezentralisierung nicht immer einhergegangen mit schlechter Kommunikation und unsicheren Transportwegen? War es je einfacher zentral, geradezu global, gehör zu finden als jetzt? Kann man leichter im letzten Winkel der Welt Macht ausüben als mit zentraler Koordination in Echtzeit?

Donnerstag, 29. Juli 2010

Perils of Piracy

Sieh an, laut Torrentfreak leidet der Kern der gesetzlosen, die Avantgarde der Piraten, Ninjas im Kampf mit der Filmindustrie an einem typischen unavantgardistischen Phänomen: gib einer Gruppe zuviel Zeit und sie steht sich mit Bürokratie selbst im Weg.

Fundstück

Was ein nettes Fundstück, ein Fundstück über Fundstücke geradezu. Public Collections sammelt Sammler, die sich bereit erklären ihre Sammlung vorzuführen. Ein Teil stellt Fotos oder Files ins Internet, bei anderen muss man noch an der Haustür klingeln. Die Seite ist noch eher klein und alle Sammler weit weg von Deutschland. Der Schwerpunkt scheint eher auf Nichtmuseums-und Nichtbibliotheksmaterial zu liegen. So gibt es digital zum Beispiel

* Food Songs oder
* Überwachungskameraschilder in Budapest

wer selbst grad in der Gegend ist, kann auch persönlich schauen nach

* dem Vanilla Ice Museum in New York City
* die einzige Sammlung in Europa, Bilder von Steffen Simon, "My brother is 13 years old and has learning difficulties. Apart from that, he is one of the most amazing drawers I know. He sees things I don´t see anymore, because my mind is too conscious."

Mittwoch, 28. Juli 2010

Freitag, 23. Juli 2010

Noch mal Unterholz

Copyrighttrolle sind die neuen Patenttrolle. Wie grad schon wegen der Stockphotos geschrieben, scheint es durchaus als Geschäftsmodell zu funktionieren, wenn man Inhalte nicht aus dem Netz klagen will, sondern einfach nur Mitverdienen.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Thesen Thesen was gewesen?

Die Sommerpause naht, das Internet wird theologisch und reflektiert über "was soll das alles." Der Trendsetter Innenminister hat mit 14 Thesen zum Internet angefangen und diverse ziehen nach. Am prägnantesten Torsten Kleinz. (Danke Liesel für den Tipp). Dem kann man nicht widersprechen, aber ich bin nicht sicher ob er der Komplesität der Lage gerecht wird.

Am unterhaltsamsten neuzeitlich 137b mit 42 finalen Thesen, aber seien wir ehrlich: mit 21 Thesen wär die Durchschlagskraft größer, klassisch hingegen die 50 Thesen der taz von 2001. Beide gefunden dank Netzpolitik. Pavel Meyer hat dann noch 10 Thesen, die mal als öhm, ja beschreiben würde. Vielleicht auch unterhaltsam. Zitat "These 10 - Das Netz ist der Schlüssel zum Abwenden der Katastrophe" - ja, wenn er meint.

Gar nicht in Thesenform und auch nicht Teil der Debatte, aber trotzdem zum grundsätzlichen neigend äußert sich Larry Downes zum Zusammenwachsen der ganzen Internetnahen Debatten. Nicht in allem Zustimmens- aber auf jeden Fall lesenswert: "After the Deluge, More Deluge."

Aber eigentlich will ich ja bei den Trendsettern bleiben. Gerade noch vor Fristablauf habe ich mitbekommen, dass der Innenminister ja sogar Feedback möchte. Angesichts der doch vagen Thesen, die bei näherer Betrachtung immer vager werden, ist das nicht so einfach. Ich hab dann ein paarmal geraten/interpretiert, was er wohl meint und, öhm, jeweils contra gestimmt. Und konkrete Idee habe ich dann sogar noch von mir gegeben. Zur These 2 "Rechtsordnung mit Augenmaß weiterentwickeln" schreib ich:

* Zumindest habe ich eine semikonkrete Handlungsaufforderung: bringt den Staatsbediensteten das Internet besser bei. Viele der jetzt diskutierten Probleme und angedachten Ideen für neue Gesetze würden keinerlei gesetzgeberisches handeln notwendig werden lassen, wenn Behörden oder Polizei sich sicherer auch im Netz bewegen würden.

* Auch dringend verbesserungswürdig wäre eine Regelung, die den fliegenden Gerichtsstandort in Internetverfahren einschränkt.

* Langfristig sind sicher die Regelungen zum geistigen Eigentum bedenkenswert: derzeit fühlen sich alle Beteiligten durch die Regelungen benachteiligt. Die Trennung zwischen Idee und Form ist für Texte unverzichtbar, gerät bei Musik oder gar Software schnell an ihre Grenzen. Andererseits ist nur schwer verständlich warum aktuelle Computerprogramme über 100 Jahre geschützt sind. Viele Konvergenzen zwischen Patent- und Urheberrecht sind ungeklärt.

* Die staatliche Durchsetzung privater DRM-Mechanismen ist ordnungspolitisch fragwürdig. Der Versuch mittels neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht) eine moderne Form der Steinkohlesubvention zu etablieren wird ähnlich kostspielig enden wie ebenjene Subvention. Und zuletzt würde ich die Regierung doch dringend bitten, darüber nachzudenken, ob Mechanismen wie Fair Use oder Safe Harbour nicht echte Wettbewerbsvorteile der USA darstellen.

Aus dem Unterholz

Anders als die Geldvernichtungsmaschinen zu denen sich die Klagen von Film- und Musikproduzenten gegen Filesharing et al. entwickelt haben, scheinen die großen Fotoanbieter recht erfolgreich mit ihrem anwaltsbasierten Geschäftsmodell. Eher unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle, aber in weit größerem Maßstab holen die sich Geld von Website betreibern, Anders als Film- und Musik haben die aber auch keinen prinzipiellen Einwand, sondern wollen mitverdienen. Und siehe da:

However, rather than send countless threatening letters demanding thousands of dollars in damages, we took a different approach. We sent a “soft” cease and desist letter with a sales pitch inviting people to become paying customers. Many signed up.

In fact, despite sending hundreds of letters, only one recipient was upset in any appreciable way and compliance was extremely high. Many were actively grateful for the way the situation was handled and signed up because of that.

Jonathan Bailey schreibt es ausführlich auf Plagiarism Today.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Wassn Glück

Sonntag schrub, oder um genau zu sein: ich verlinkte, ja schon zu Slate's außerordentlichem erfolgreichem Frescas-Ansatz. Nun hat Jack Shafer sich auf Slate selbst noch dazu geäußert und angefangen mit: "If you haven't been following Slate's series of long-form journalism stories, dubbed "Frescas" by our editor, David Plotz, I hate you. "

Ansonsten sucht er ein Thema für seine Geschichte, vielleicht mag sich ja jemand melden. Ich denk mir: Hab ich ja Glück gehabt.

Montag, 19. Juli 2010

Wenn Schokohasen aus den Gerichtsakten verschwinden

Cheerful Bunny v. Dignified Bunny, nicht aber "Bad faith bunny". Vom Oberlandesgericht zum BGH und zurück.

Nachtrag: die ausführliche Häschen-Saga gibt es auf Class 46.

Sonntag, 18. Juli 2010

Sponholzplattenqualität

Ach ja doch. Qualität zahlt sich auch Online aus. Könnte das bitte jemand in geeigneter Position den üblichen deutschen Onlinemedien sagen.

Das wohlplatzierte Moral-Argument in der Filesharing-Debatte

Marcel Weiss schreibt auf Neunetz, dass moralische Debatten ums Filesharing am Thema vorbeigehen, da es "um eine wirtschaftliche Thematik geht", denn wer "die Diskussion von der wirtschaftlichen Seite zur moralischen ziehen will, versucht damit auch, Tatsachen zu schaffen, die in der Regel entweder nicht stimmen oder zumindest diskutabel sind." Er beruft sich dabei maßgeblich auf einen längeren Text auf Musicthinktank.

Nun ja, nun gehört moralisierendes Lobbytum tatsächlich zu den unerträglicheren Teilen der Filesharing-Debatte, und ebenso zu denen, die dank ihrer Schrillheit besonders auffallen. Andererseits sollte man die Moral nicht gleich mit dem Wickert ausschütten, ganz auf moralische Argumente sollte man nicht verzichten und ehrlich gesagt kann man es auch gar nicht.

Weiss zitiert zustimmend "a properly calibrated system is one where there’s the greatest overall economic good and everyone has the greatest opportunity to benefit" - das ist natürlich ein moralischer Standpunkt, frei zitierter Utilitarismus würde ich mal sagen. Wäre es nicht diskutabel, ob nicht jeder die Möglichkeit haben sollte, sondern jeder tatsächlich teilnimmt? Obsiegt das economic good tatsächlich das artistic good? Und was wenn das "and" zum "or" wird, wenn es Situationen gibt, in denen die Möglichkeit der Teilhabe im Widerspruch zur größtmöglichen ökonomischen Wertigkeit steht? Spielt die Freiheit als moralischer Wert keine Rolle in der Debatte, und wenn Nutzenerwägungen strikte Kontrolle verlangen, dann halt unfrei?

Leicht skeptisch bin ich ja auch beim von ihm zitierten Natürlichkeitsargument "It’s also completely organic: The Internet, above all, is a tool for sending and receiving files. That music files would be part of that culture is only natural." Mal abgesehen davon, dass ich eh kein Freund des Vitalismus bin scheint mir das doch zu sehr eine Opferrolle des Menschen gegenüber der Technik zu fördern. Nur weil eine Technik eine bestimmte Benutzung anbietet, heißt es nicht, dass der "unnatürliche Weg" der bessere sein kann. Das fängt mit Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Innenstadt an, geht über Datenschutzregelungen bis hin zu meist sehr restriktiven Waffengesetzen.

Natürlich es ist verlockend sich auf eine verengte Technik-Ökonomie-Diskussion einzulassen, wenn die einem Recht zu geben scheinen. Nur befördert man damit schnell den Menschen zum Opfer der Technik, das vom autonomen Wesen zum Rädchen im Utilitarischen Getriebe wird. Es ist anstrengend wenn ausgerechnet der Springer-Verlag von Moral anfängt. Aber ohne Not sollte man nicht auf Freiheit oder Fairness in der Argumentation verzichten.

Samstag, 17. Juli 2010

Stups

Oh wow. Mein erster Wikipedia-Artikel seit Wochen: Michael Geist.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Merkliste

"It turns out many sociologists’ writing resembles the prose of H.P. Lovecraft, whose guiding literary style was “cosmic horror” and who is associated with the subgenre weird fiction."

Ich warte auf das Henryk M. Broder-Vuvuzela-Gedenkensemble.

Nein, Heteromänner umarmen sich nicht die ganze Zeit. Aber vielleicht Christen?

Wer Boston Globes Big Picture kennt und schätzt, sollte auch Pictures of the Day mögen.

Die englische Regierung merkt, dass Wisdom of the Crowds manchmal nur über Umwege kommt. Die öffentliche Aufforderung ans Internet, wie man Geld sparen soll, bringt racist rants in kompleter kleinschreibung, RACIST RANTS IN KOMPLETTER GROSSSCHREIBUNG und "a highly-rated recipe for "Beef and vegetable casserole", described by one visitor as "the most sensible thing I have read on this site""

Donnerstag, 1. Juli 2010

Mehrheitswahlrecht

Hat zwei Vorteile: die Kandidaten sind deutlich unabhängiger. Und beim richtigen Kandidaten im richtigen Wahlbezirk kommt es zu solchen Perlen der politischen Kommunikation:



(danke Tapped)