Dienstag, 19. Oktober 2010

Wikipedistik: warum die Autoren wegbleiben

Wikipedia hat ein Problem. Ein tiefes, strukturelles, langfristiges, sozusagen eine Miniaturversion des demographischen Wandels: mehr Leute gehen als kommen, und diejenigen, die bleiben, sind weniger aktiv als ehedem.

Nun hab ich schon mal vor ein paar Wochen ein "Wikipedia muss Autoren bezahlen" in die Runde geworfen, aber was ist schon ein kleiner Blogpost gegen die Unbilden der Welt.

Umso erfreulicher, dass jetzt ein längerer, fußnotengesättigter Aufsatz im Journal on Telecommunications and High Technology Law erschienen ist, der genau diesen Punkt macht. Eric Goldman hat unter dem Titel "Wikipedia's Labor Squeeze and its Consequences" (pdf) die strukturellen Gründe für die dahinschwindende Beteiligung aufgeschrieben, als auch einen Ausblick auf potenzielle Lösungsvarianten geworfen.

Wer sich den keinen 30-seitigen Aufsatz in Englisch antun mag, kann im Indigenous People’s Literature Weblog eine Zusammenfassung lesen, oder natürlich einfach hier bleiben für die Oberflächenfluffvariante.

Goldman sieht es als gegeben an, dass Wikipedia immer einen recht großen Personalbedarf hat, da allein Vandalen und Spammer eine nicht zu unterschätzende Arbeitslast darstellen. Um mit diesen Vandalismusspammern fertigzuwerden, hat Wikipedia diverse technische Hürden vor dem editieren aufgestellt, die aber nun zwangsläufigerweise einschränken, dass mögliche Mitarbeiter hinzukommen.

Allerdings:

Although Wikipedia has successfully resisted significant technological barriers to editing, I think its main barriers to user participation currently are social

bei diesen sozialen Barrieren zählt er auf:
* viele Newbies haben kein Anfangserfolgserlebnis, weil ihre ersten Edits gleich wieder gelöscht/rückgängig gemacht werden.
* zum Teil aufgrund genereller Xenophobie bei diversen Autoren, die sich im Zweifel verstärkt je länger mit Spammern und Vandalen zu tun hat und eine "erstmal zurück"-Mentalität entwickelt.

insider xenophobia is a more significant incursion on free editability than any technological measure because it leads to quick screening of user
contributions — both illegitimate and legitimate.

Und selbst wenn man die ersten Schritte erfolgreich überstanden hat, ist es noch ein aufwendiger Weg zum Insider:
The contributor is expected to build a user page, learn Wikipedia-specific technological codes, discuss proposed changes with other editors before editing an entry, submit to an arcane dispute resolution process, learn a “baffling culture rich with in-jokes and insider references,” and survive a sometimes rough-and-tumble milieu.

Oder anders gesagt: die (Arbeits/Zeit)-kosten sind hoch, und nicht jeder ist bereits so hohe Investitionen aufzubringen, nur um relativ ungehindert in Wikipedia editieren zu können.




Neulinge sind besonders verwundbar.





Gleichzeitig aber leidet Wikipedia wie jedes Freiwilligenprojekt an einer hohen Aussteigerrate: Lebenszyklen/Zeitvorräte ändern sich, Freiwillige sind nach Monaten/Jahren politischer Auseinandersetzung ausgebrannt, andere ertragen die eintönige Vandalismuskontrolle nicht mehr etc. Zudem hat sich Wikipedia entwickelt:

[Wikipedia] now emphasizes incremental enhancements and site maintenance. Site maintenance requires different skill sets and personalities from those required to build the site, and people who enjoy building sites may not enjoy maintenance as much

Während die Kosten sowohl bei Altautoren als auch für potenzielle Neulinge im Laufe der Jahre gestiegen sind, bleiben die Anreize im wesentlichen gleich. Unter den drei Hauptanreizen: intrinsisch, monetär, reputational, bietet Wikipedia nur intrinsische Anreize. Monetäre Anreize gibt es nicht direkt, aber selbst indirekte Verwertung von Kenntnissen und Erfahrungen trägt in der Community ein hohes Stigma mit sich, und vermindert so rapide die Stellung des Users innerhalb der Community. Reputation gibt es wenig zu ernten, die Tatsache, dass es von Außen nur mit Mühe eruierbar ist, wer überhaupt was getan hat, senkt den möglichen Reputationsgewinn weiter.

Goldman vergleicht Wikipedia dann mit Projekten der Free and Open Source Software (FOSS). Dort sind in den erfolgreichen Projekten oft Angestellte externer Firmen in ihrer Arbeitszeit tätig, die Programmierer selbst lernen Fähigkeit, für die es auf dem Arbeitsmarkt eine direkte Verwendung gibt.

Langfristig sieht Goldman die Bedrohung, dass Wikipedia mit den bisherigen Maßnahmen nicht mehr aufrecht zu erhalten ist:

My concern is that Wikipedia’s heavy reliance on this labor supply reduces its pool of potential contributors to replace departing editors. The number of people willing to contribute to Wikipedia without any cash or credit is a relatively small fraction of people willing to contribute to UGC [User Generated Content] communities. Further, Wikipedia must constantly and successfully compete for these people’s attention against other activities and hobbies, including those activities that offer them cash or credit.

Als langfristige Lösungsmöglichkeiten hält er für möglich:

* Technische Schranken soweit erhöhen, dass Vandalen und Spammer praktisch keine Arbeitsbelastung mehr sind.
* Leute direkt bezahlen
* Möglichkeiten wie bei FOSS finden, bei denen Menschen in ihrer Arbeitszeit mit Wissen und Zustimmung der Arbeitgeber editieren.
* Wikipedia akademikerfreundlich gestalten, was für den Anfang heißt, Artikel namentlich zu kennzeichnen und zuzuordnen.
* Oder in Zusammenarbeit mit Universitäten diese Akademiker zumindest dazu bringen, dass sie ihre Studenten Wikipedia-Artikel schreiben lassen.

Ich enthalte mich mal jedes Kommentares. Es glaubt mir vermutlich eh niemand, dass ich nicht Eric Goldman bin, und wir nicht voneinander abschreiben.

Link: Wikipedia's Labor Squeeze and its Consequences (pdf) im Journal on Telecommunications and High Technology Law.

Kommentare:

Frank hat gesagt…

Zu dem Punkt "Oder in Zusammenarbeit mit Universitäten diese Akademiker zumindest dazu bringen, dass sie ihre Studenten Wikipedia-Artikel schreiben lassen." sei auf die im Sommer diesen Jahres angelaufene "Public Policy Initiative" der Wikimedia Foundation verwiesen:

http://outreach.wikimedia.org/wiki/Public_Policy_Initiative

Kern des Projektes ist das "Wikipedia Ambassador Program", das Wikipedia-Einsteigern Hilfestellung bietet: sogenannte "Campus Ambassadors" unterstützen Studenten und Professoren face-to-face und "Online Ambassadors" bieten Mentoring an.

Ein schöner Artikel zum Project ist bei Inside Higher Ed nachzulesen:

http://www.insidehighered.com/news/2010/09/07/wikipedia (September 2010)

poupou hat gesagt…

ich würde ja lieber behaupten, dass alles ganz anders ist. aber die beobachtungen der studie treffen in der tat zu.

poupou hat gesagt…

@ Frank

vielleicht könntest du über die diversen projekte und materialien, die du hier in der kommentarspalte verlinkst, auch mal im wikimediablog oder auf der wikimedia-mailingliste berichten?

würde mich freuen

H-stt hat gesagt…

Vollkommen belanglos. Das ist einfach die Anwendung der traditionellen Motivationsmodelle. Danach hätte es die Wikipedia nie geben können.

Es gibt die Wikipedia aber. Das liegt daran, dass die Modelle falsch sind. Napa hat heute in seinem Blog einen Link auf ein RSA Schaubild zum Thema Motivation.

Wir sind kein Homo eoconomicus. Wir werden durch völlig andere Anreize motiviert als Goldman misst.

Recht hat er nur darin, dass wir (weder die WMF noch irgendwer sonst) auch nicht verstehen, wie die Motivation genau funktioniert. Daher sind auch unsere Versuche, neue Autoren und Mitarbeiter zu finden und zu motivieren, eher hilflos und im Ergebnis erfolglos.

Die Wikipedia findet aber trotzdem genug motivierte Mitarbeiter. Die derzeit vorliegenden Zahlen zeigen zwar in eine ungute Richtung, aber zumindest derzeit leidet das Projekt nicht darunter. Im Gegenteil, im Moment steigen sowohl Quantität wie Qualität, wobei das quantitative Wachstum zurückgeht.

Lass uns das mal durchspielen: Nehmen wir an in näherer Zukunft findet sich in der Wikipedia immer mehr Vandalismus.

Meine These ist, dass sich sofort und unkoordiniert unzählige freiwillige Vandal Fighters einfinden werden. Einfach weil die Wikipedia Hilfe braucht.

Solange Vandalismus nicht in nennenswertem Umfang sichtbar ist, kommen die nicht. Und Wikipedia (WMF) hat auch keine Chance sie aktiv zu rekrutieren.

dirkfranke hat gesagt…

Naja, ich denke schon, dass sie Argumentation da differenzierter ist. Die "Intrinsische Motivation", auf die auch das Video anspielt, ist ja auch in der Mikrosoziologie keine Fremde - wenn auch diejenige, die gezielt von Außen am schwersten herzustellen ist. Deshalb ist es nachvollziehbar, warum er sein Hauptaugenmerk auf externe Motivationsfaktoren legt.

Was sich aber wohl auch sagen lässt: bei den "Alten" wird es zwangsläufig Schwunderscheinungen geben, und je älter Wikipedia wird, desto höher werden die Einstiegshürden.

Wikipedia ist ja nun nicht das erste Freiwilligenprojekt aller Zeiten, nicht mal das erste Große: und genau die haben fast immer ebenjenes Kontinuitätsproblem. Die Gründergeneration klinkt sich halb aus, und Neues wächst nicht in den Mengen nach.

Ich stimme zu, beim Vandalismusfighten sehe ich weniger ein Problem, weil sich da Probleme tatsächlich am ehesten technisch lösen lassen. Aber in anderen Bereichen?

H-stt hat gesagt…

Auch im inhaltlichen Bereich. Nimm Tolanors Hinweis im Kurier. Literaturwissenschaft der frühen Neuzeit ist nun wirklich kein Thema, das man mit der Geek-Kultur in Verbindung bringen würde, mit der die Wikipedia angefangen hat.

Trotzdem ist die Wikipedia auf Augenhöhe mit der Neuauflage eines Fachlexikons.

Und was den Generationswechsel angeht: Solange das Grundanliegen der Wikipedia besteht, Wissen zusammenzutragen, aufzubereiten und anzubieten, solange wird es auch Freiwillige geben, die das zu ihrem Anliegen machen.

Die werden vieles anders machen als die Gründungsgeneration. Aber ich glaube einfach nicht, dass es ein strukturelles Problem gibt.

Vielmehr glaube ich, dass sämtliche quantitativen Verfahren zur Erfassung von Motivation und ehrenamtlicher Leistung vollkommen unbrauchbar sind.

Fragen wir doch einfach mal Wikipedisten, ob sie mit ihrer Methodik 2002-2003 das Potential bis 2010 hätten erkennen können. Wenn sie es nicht konnten, taugt ihre Methode nichts und kann uns nicht weiterhelfen.

Cirdan hat gesagt…

Ich denke, die Wikipedia als Freiwilligenprojekt kann man grundsätzlich ganz gut mit dem Linux-Kernel vergleichen, sowohl zahlen- als auch bedeutungsmäßig. Die sind ja nun schon mehr als ein Jahrzehnt weiter, und soweit ich das als Außenstehender überblicke, ist das mittlerweile eine hochprofessionelle Angelegenheit, als Nicht-Vollzeit-Programmierer hat man vermutlich keine Chance mehr, da etwas Substanzielles beizutragen, die Einstiegshürden dürften enorm sein. Die Entwicklung wird daher heutzutage hauptsächlich von festangestellten Programmierern geleistet, die auf der ganzen Welt bei den unterschiedlichsten Firmen angestellt sind.

Im Unterschied zur Wikipedia ziehen diese Firmen aber einen direkten Nutzen aus der Tätigkeit ihrer Mitarbeiter, da sie selbst im Linux-Umfeld tätig sind. Sie profitieren also direkt vom Know-How und Insiderwissen ihrer Kernel-hackenden Mitarbeiter, mittelfristig auch von der Weiterentwicklung des Linux-Kernels.

Als Firma habe ich aber keinen Nutzen davon, dass meine Mitarbeiter bei Wikipedia schreiben (den Firmenartikel kann die Presseabteilung nebenbei aktuell halten), da die Wikipedia sowieso für alle erreichbar ist. Mit Wikipedia-Inhalten lässt sich nicht das große Geld verdienen, weder Offline-Ausgaben noch Bücher werden großartige Gewinne abwerfen. Man braucht auch niemanden beraten, wie er die Wikipedia nutzen kann, dazu ist das System viel zu einfach.

Also müssen alle pontenziell angestellen Wikipedia-Mitarbeiter aus "gemeinnützigen" Zwecken beschäftigt werden. Bibliotheken könnten Autoren einstellen, die das dort gesammelte Wissen ins Netz bringen, Städte und Gemeinden könnten auf Projektbasis ihre Stadtarchive digitalisieren und in die WP einfließen lassen etc. Im Endeffekt ist das aber alles aus finanzieller Sicht ein Verlustgeschäft und hat nur ideell großen Wert. Auf die Wirtschaft kann man also im Falle der Wikipedia wohl kaum bauen.

Ich denke, die aktuellen Probleme der Wikipedia sind (neben der schon angesprochenen "sozialen" Komponente) nicht irgendwelche technischen Hürden, sondern die Tatsache, dass a) das der Allgemeinheit das Bewusstsein fehlt, dass die Wikipedia noch lange nicht vollständig und vor allem noch nicht gut ist und b) dass es enormen Aufwand bedeutet, Artikel im erweiterten Kernbereich zu schreiben (Zum Kernbereich zähle ich alle Artikel, die auch in einem Brockhaus enthalten wären, also den üblichen enzyklopädischen Kanon). Vor allem dort hat man aber als Autor auch den Eindruck, dass die Artikel gelesen werden und die eigene Arbeit von anderen wahrgenommen wird. Wenn ich nur Artikel schreiben kann (weil mir Zeit und/oder die Fähigkeiten dazu fehlen), die im Monat vielleicht 50 Aufrufe haben, ist das wohl kaum motivierend.

Die Wartung, wo man sicherlich viele Benutzer mit nur wenig verfügbarer Zeit gut gebrauchen könnte, scheitert in meinen Augen momentan daran, dass wir vor einem riesigen Berg bebausteinter Artikel stehen (und gleichzeitig wissen, dass mindestens noch genausoviel mangelhaftes Material im Bestand schlummert) und man auch mit 100 abgearbeiteten Bausteinen keinen nennenswerten Schritt weitergekommen ist. Zumal bei einer Entbausteinung der Zeitaufwand und die Mühe meistens in keinem Verhältnis zur nachher sichtbaren Änderung stehen. Da braucht es sicherlich möglichst bald einige gute Ideen, wie man dieses Thema angehen kann.

Frank hat gesagt…

@Poupou: Dein Wunsch ist mir Befehl :-) http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Kurier&oldid=80508981

dirkfranke hat gesagt…

Ich bin zwar nicht Poupou, sage aber auch schon mal: Super! Danke!

H-stt,

na nach der Logik darf aber niemand etwas über die Zukunft der Wikipedia sagen, weil selbst noch 2005 wären alle Wikipedianer selbst noch baff erstaunt gewesen, wenn man ihnen erzählt hätte, wo das Projekt 2010 steht.

Ich weiß nicht, die Logik egal-was-passiert-sie-werden kommen, finde ich jetzt nicht so überzeugend. Allein weil ich die träge vorbeirollenden Strohballen sehe, wenn ich auf die letzten Änderungen kucke, oder merke, dass die Zahl der Artikel auf der Löschdiskussion von 120 ehedem auf knapp 30 am Tag geschrumpft ist. Dynamik sieht anders aus.

Cirdan,

ich denke da hast du einen guten Punkt: selbst wenn man nicht auf den Deckel kriegt, gibt es doch genügend Arbeiten und Jobs, die einfach komplett nicht wahrgenommen werden + da dann natürlich auch nicht motivieren. Hm, das könnte man vielleicht ändern, aber wie?

H-stt hat gesagt…

Weiß nicht, ich habe Ende 2004 oder Anfang 2005 meine ersten Edits als IP gemacht und mich dann im Herbst 2005 angemeldet. Damals hatte ich im Kern bereits die gleichen Ziele. Natürlich schreibe ich heute auch anders, aber die Unterschiede sind gar nicht so groß.

Was die Sozialforschung angeht: Eine ganze Generation von Sozialforschern sind eigentlich Ökonomen, sie wenden Theorien an, die ursprünglich aus der Ökonomie stammen. Nur sind diese Methoden schon in der Ökonomie falsch, und wenn man sie auf reale Menschen anwendet, kommt nur noch Unfug raus.

Und jetzt zum Projekt und den Leuten: Wie erleben einen Generationswandel. Die Zeit des Drauf-los-Schreibens ist weitgehend vorbei, es geht mehr um das Verbessern, Vernetzen, Abstimmen. Bisher habe ich keine Bedenken, dass die Wikipedia an diesen Aufgaben scheitern könnte. Im Gegenteil. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, gehen die Beiträge auf meiner Beobachtungsseite in genau diese Richtung.