Freitag, 1. Oktober 2010

Wikimedia Deutschland, die gGmbh und das Kloppen

Hach, ein Lächeln zaubert es in mein Gesicht, wenn Peter Haber frohlockt, dass sich "nun ... die Wikipedianer auch intern" kloppen. Nach dem jahrelangen hermetischen Gleichschritt innerhalb der Community und der stets unumstößlichen Harmonie zwischen Wikimedia Deutschland und der deutschsprachigen Wikipedia wirklich eine bestürzende Wendung!

Da das Eskalationsniveau aber tatsächlich grade etwas überdurchschnittlich ist, die Mailinglistendiskussion sich in tiefere Pfade verirrt, und Telepolisten mit Schaum vor dem Mund vielleicht nicht die beste aller Quellen sind, mal ein Versuch das ganze aufzubereiten.




Aktueller Stand: Wikimedia Deutschland wird geplanterweise am Montag Nachmittag eine gemeinnützige Gmbh (gGmbh) gründen, deren Hauptzweck es ist, etwa die Hälfte der Spenden an die Wikimedia Foundation in die USA weiterzuleiten und die andere Hälfte an den Verein Wikimedia Deutschland zu geben. Je nachdem welcher Vereinsvorstand gerade spricht, drohen andernfalls schwere Sanktionen durch die Wikimedia Foundation oder zumindest ein leichter Rüffel. (Mailinglisteninfo, seh ich das richtig, dass darüber auf wikimedia.de nichts zu finden ist?)

Die Wikimedia Foundation in San Francisco ist laut Deputy Director Erik Möller mehr als einverstanden mit der gGmbh-Gründung. Daumenschrauben gäbe es allerdings selbstverständlich keine.

Ein größerer Teil der auf der Mailingliste schreibenden Mitglieder (September-Archiv, hier Oktober)fühlt sich vom Verein überrumpelt, schlecht bzw. gar nicht informiert und vor den Kopf gestoßen. Eine von zwei Mitgliedervertretern in der AG Verantwortungsstruktur hat ihr Amt niedergelegt, der andere wirkt nicht viel glücklicher.

Von diesen unglücklichen Mitgliedern wiederum fordern einige eine außerordentliche Mitgliederversammlung verbunden mit einem Mißtrauensvotum gegen den Vorstand. Dafür müssen sie 10% der Mitglieder zu einer Unterschrift bewegen, die Modalitäten, wie sie die Masse der Mitglieder überhaupt erreichen können, werden gerade in einer nur mäßig erbaulichen Diskussion geklärt. Allerdings existiert bereits eine Seite mit dem Aufruf zur MV und der Möglichkeit für Mitglieder sich dem anzuschließen.

Zu den Hintergründen: das deutsche Steuerrecht erlaubt (anders beispielsweise als das der Schweiz) nicht, dass ein deutscher Verein direkt Geld ohne Gegenleistung ins Ausland überweist. Da Wikimedia Deutschland seit Beginn an unter anderem den Zweck hatte, Wikimedia USA zu unterstützen, ist die Frage "wie kriegen wir legal Geld in die USA" eine, die den Verein seit seiner Gründung 2004 beschäftigt. (Disclaimer: irgendwann am Anfang - 2005? - war ich auch mal Vereinsvorstand und kann leider nicht behaupten, der Problemlösung da sonderlich näher gekommen zu sein).

Die Beschäftigung findet mittlerweile natürlich auf einem deutlich professionelleren Niveau statt als ehedem. Andererseits ist die Tatsache, dass jetzt anscheinend sofortiges und unmittelbares Handeln notwendig ist, um ein seit 7 Jahren bestehendes Problem zu lösen, schon ein deutliches Indiz dafür, dass zwischendurch nicht alles richtig gelaufen ist.

Die grundsätzliche gGmbh-Frage scheint meiner Einschätzung nach auch eher unkompliziert. Das Ziel ist legitm, der Weg scheint mir grundsätzlich ein geeigneter, eigentlich hätte das ganz unkompliziert laufen können. (Hier auch noch ein paar Hintergründe von Delphine Ménard)

Allerdings liegen in den Details viele Fallstricke - ich hau dem Polemiker in mir ja schon immer auf die Finger, um nicht allzu oft Treberhilfe zu schreiben - so dass die gGmbh-Gründung auch nicht wirklich so easygoing ist, wie der Vereinsvorstand schreibt. Die potenziellen Fallstricke kann man aber kaum wirklich beurteilen, wenn man als Vereinsmitglied nicht ausreichend Zeit und Einblick in die Materie bekommt. So ist das ein blindes "Vertraut uns", während gleichzeitig die Art der Kommunikation dieses Vertrauen untergräbt. Und mit Verlaub, die letzte MV sah jetzt nicht wirklich nach überschießendem Vertrauensvorschuss durch die Mitglieder aus.

Bleibt also die Frage, warum die Mitglieder eher zufällig-stoffelig und widersprüchlich informiert wurden. Warum es eine "AG Verantwortungsstruktur" gibt, die offensichtlich gezielt aus den wirklich wichtigen strukturellen Überlegungen herausgehalten wird? Angst vor der Öffentlichkeit? Die ist jetzt erst recht da? Vertraulichkeit? Gegenüber wem? Angst vor dem Zerreden? Wie gerade gezeigt, kann den Vorstand doch eh niemand stoppen? Warum also so eine saubeutelige Kommunikation? Wovor die Angst? Was für ein Führungsverständnis ist das? I don't get it, Chance versaut, beschissen kommuniziert. Aber richtig.

Kommentare:

Cornelius hat gesagt…

Danke für die gute Zusammenfassung.

sebmol hat gesagt…

Vielen Dank für den guten Beitrag. Ich habe allerdings eine Frage:

Wenn du, hypothetisch gesprochen, von der Perspektive ausgehst, dass es sich hierbei gerade nicht um eine wirklich wichtige strukturelle Änderung handelt und die Veröffentlichung seitens des Vorstands nach Abstimmung mit dem Finanzamt in der erfolgten Form (samt umfangreicher FAQ) erfolgt, wäre dein Urteil dann immer noch dasselbe?

Wenn es das ist, zu welchem früheren Zeitpunkt wäre es für dich richtig gewesen, über die Planungen zu berichten?

dirkfranke hat gesagt…

Naja, die verschiedenen Perspektiven sind ja das Problem. Wenn ich den Vorstand richtig verstehe, geht es eher um einen Formalakt, der in seiner Bedeutung eher in der Größenordnung einer neuen Kontoeröffnung liegt.

Für die Mitglieder ist es eine Strukturänderung im Verein, die zumindest potenziell ein großes Mißbrauchsrisiko mit sich bringt. Selbst wenn man dem jetzigen Vorstand alles gute zutraut, kann es ja sein, dass der Vorstand in drei Jahren das anders sieht und mit der Gmbh und den Spendengeldern Treberhilfe spielt. Also sollte die Konstruktion wirklich wasserdicht sein.

Zur Zeit ist die Kommunikation ja so "Wir waren kurz vor dem Untergang, also mussten wir alles ändern, die Mitglieder zu fragen braucht man eh nicht und in drei Tagen ist eh alles vorbei." Das verlangt einfach einen sehr hohen Vertrauensvorschuss, und offensiv Vertrauen zu verlangen geht eigentlich nie gut.

Wann wäre der richtige Zeitpunkt: Rechtzeitig :-)

Für eine allgemeinverständliche detaillierte Erklärung wie das Verhältnis zur Foundation genau ist: vor ein paar Jahren.

Das es Probleme mit dem jetzigen Stand gibt: vor ein paar Monaten.

Die möglichen Alternativen: vermutlich abstrakt vor ein paar Monaten, an die AG Struktur zu dem Zeittpunkt auch gern detailliert.

Details zum jetzigen Plan: sobald der Entwurf soweit steht, dass er ans FA kann.

Mitnehmen die Leute. Ihnen mindestens das Gefühl geben, dass sie ernst genommen werden, und dass der Vorstand eventuell darauf hören könnte, was sie zu sagen haben. Empathie.

snotty hat gesagt…

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Vereinsvorstand das gleiche Demokratieverständnis hat wie die Bundesregierung (de). Das Volk ist halt zu doof um einzusehen, wie GUT das alles gemeint ist. Lieber gleich im Hinterzimmer. Und sollte jemand protestieren gibt's immer noch Wasserwerfer.