Sonntag, 5. September 2010

Das Ende der Geduld..

... hat offensichtlich meine Buchverleihgeberin überfallen, denn die möchte ihr "Das Ende der Geduld"-Buch der ehemaligen Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig wiederhaben. Also eine Schnelllesesession eingeschoben, die sich bei dem Buch auch schnell einschieben lässt, länger als einen halben Nachmittag sollte da niemand dran lesen müssen. Das Buch steckt tief in der Praxis, mit allen Vor- und Nachteilen.

Anschaulich sind Fallgeschichten aus verschiedenen Milieus, die alle wiederholt vor dem Jugendrichter gelandet sind, rechtsextreme Schläger, staatenlos-libanesische-kurden mit langer Karriere in allen Arten gewalttätigen Verbrechens, Steinewerfer, entwurzelte "kleine Prinzen", bei denen die Eltern auch noch nach der Vergewaltigung meinen, er sei ja zu Hause ganz friedlich: differenziert, dem Einzelfall durchaus gerecht werdend und - soweit ich beurteilen kann - auch mit realistischer und abgeklärter Einschätzung, welche Maßnahmen geholfen haben, welche nicht, welche beeindrucken und welche eher für allgemeines Gelächter beim Schläger und nachrägliche Demütigung beim Opfer sorgen.

Neben diesen Täter/Tatschilderungen berichtet sie aus mehreren Projekten, in denen versucht wird, Jugendliche wieder zu einem Mindestmaß an sozialen Umgangsformen zu verhelfen, beschreibt diverse Stadtteilprojekte in Neukölln, Jugendbetreuungsmaßnahmen und engagierte türkische bzw. arabische Organisatoren, die versuchen, eine Kommunikation zwischen deutschem Staat und ihrer Community herzustellen. Ein paar Beispiele aus dem Ausland, Oslo, Glasgow, London, Rotterdam folgen auch noch, die Heisig bei persönlichen Besuchen kennengelernt hat.

Darin allerdings liegt auch begründet, warum das Buch zwar eine gute Lagebeschreibung für Neukölln darstellt, aber nur bedingt dabei hilft, Lösungen zu finden. Heisig nimmt das zur Kenntnis, was sie selbst gesehen hat, setzt eher eklektisch Statistiken ein, denen sie nach eigener Auskunft eh nicht traut, und hat sonst - ich nehme an mit Absicht - keinen Außenblick. Damit erfahre ich zwar, wie es in zwei Neuköllnern Antigewaltprojekten aussieht, weiß aber generell immer noch nicht, was sie taugen. Die systematischen Erkenntnisse, die sich aus dem Buch ziehen lassen, sind dementsprechend auch eher begrenzt: Jugendstrafrecht muß schneller funktionieren und vor allem konsequenter sein, Kinder aus bekannten Problemfamilien müssen intensiver betreut werden, mehr Polizeipräsenz, bessere Zusammenarbeit der Behörden - das dürfte prinzipiell gesellschaftlicher Konsens sein, da wäre eher zu fragen, warum die Umsetzung nicht funktioniert - und dazu wiederum hat Heisig wenig zu sagen. Einzig ihr mehrfacher Vorwurf, dass der Datenschutz einer effektiven Zusammenarbeit von Polizei, Jugendämtern und Schulen im Weg steht, dieser dürfte auch abstrakt eher kontrovers sein.

Dazu noch einige Random-facts, die ich mir merken werde: Warum stehen Bandidos dauernd in der Zeitung, die libanesischen Großclans aber eher abstrakt und wenn dann anhand einzelner Figuren, nicht als Clan; Kokain wird anscheinend unterschätzt, was die Gewaltbereitschaft angeht, Rotterdam hat vorbildliche Methoden mit Problemjugendlichen umzugehen, auch Behörden bzw. ihre Mitarbeiter haben begründet körperlich Angst, bestimmte Probleme anzugehen, und nicht zuletzt Heisigs Aufruf, dass man Täter und Fälle in Einzelfällen betrachten muss.

Und ja, was ich aus den Umständen der Entstehung und dem Aufgabengebiet nachvollziehen kann: Heisig beschwert sich mehrfach, dass die Aufmerksamkeit aller Stellen und der Medien immer beim Täter, nie beim Opfer liegt - genau dasselbe macht aber das Buch. Vielleicht sollte das Buch über Gewaltopfer auch mal geschrieben werden.

1 Kommentar:

timmoritzhector hat gesagt…

Da ging's mir dann bei der Lektüre ganz ähnlich: Außer einer (schlüssigen) Argumentation für die Lockerung des Datenschutzes für eine bessere behördliche Zusammenarbeit – und möglicherweise einigen Aspekten des Neuköllner Modells – habe ich keine übertragbaren Erkenntnisse und Vorschläge erkennen können; da sie ja die Sonderrolle von Neukölln auch selbst immer wieder herausstellt eigentlich nicht verwunderlich. Umsetzungsvorschläge für die gesellschaftlich übereinstimmend bereits erkannten Probleme, die über eine stärkere finanzielle Förderung hinausgehen, liefert sie nicht.

Lektüre war aber wegen der beiden Aspekte, in denen sie kontrovers wird, (und tatsächlich wegen der Random Facts über Rotterdam und Glasgow dennoch nicht umsonst.

Danke für die (aus meiner Sicht sehr treffende) Zusammenfassung :)