Dienstag, 31. August 2010

Ein alter Mann sitzt im Fernsehen und schimpft

Thilo Sarrazins rassenhygienischer Mumpitz ist inhaltlich wohl kaum der Erörterung wert. Warum das so ist, seziert Frank Schirrmacher. Wer "Live-aus-dem-Rollbergkiez-für-die-Mittelschicht" hören will, kann immer noch Heisig lesen oder Buschkowsky zuhören, für die paar Punkte die Sarrazin inhaltlich haben könnte, gibt es bei weitem weniger dämliche Überbringer. Ja, selbst als Demagoge scheint er untauglich. Die Hofbarmachung durch den Spiegel ist eine Schande, aber wohl leider mittlerweile Spiegel-typisch. Inhaltliche Widerlegungen aller Art sollten zur Zeit wirklich nicht schwer zu finden sein.

Aber wie die Schneeschmelze richtig schreibt, deutlich spannender sind die Biedermänner, die die Bücher kaufen, die Foren vollschreiben, Kommentare vollschreiben, der SPD reichliche E-Mails schreiben, die spätestens beim zweiten Bier Sarrazin auch in seinem Sozialdarwinismus vollkommen recht geben, egal was er gesagt haben mag. Wohin rollt denn die Welle, auf die Sarazin sein Surfboard aufzusetzen versucht?

Die Welle rollt paradox. Einerseits wollen die Biedermänner offensichtlich eine komplette, ich würde schon fast sagen, revolutionäre Umwälzung des deutschen Sozial- und Rechtsstaats. Zum anderen sind sie dabei aber keineswegs zukunfts-, sondern in höchstem Maßen vergangenheitsgewandt.

Franz Walter hat in der Zeit einen recht spannenden Artikel zum Thema Sozialdemokratie und Eugenik geschrieben. Dort läßt er sich ausführlich darüber aus, dass die Sozialdemokratie durchaus eine gewisse Tradition der Menschheitsverbesserung per Biologie hat. Was Walter in seinem Bemühen um die Gleichsetzung von Sarrazin und sozialdemokratischer Tradition entgeht, ist die verschiedene Zeitachse. Den klassischen Sozialdemokraten ging es um den "Neuen Menschen" der sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft", oder kürzer gesagt: um eine bessere Zukunft für alle.

Sarrazin, Wilders, der Tea Party geht es nicht um eine ideale Zukunft. Sie möchten die Wiederherstellung der imaginären Vergangenheit, als wohlgebildete weiße Menschen in Eintracht und Liebe mit allen Menschen der Erde lebten. Oder als zumindest den anderen Menschen die Mittel fehlten, um sich zu beschweren. Was man heute auch macht, es wird nicht besser, nur weniger schlimm.

Paradoxerweise sind unter den Biedermännern besonders viele, die zum einen wenig verbrämt das sozialdarwinistische Recht des Stärkeren bzw. wohl Intelligenteren fordern, die zum anderen aber eher in einer sozialen Lage sind, in der sie sich von - anscheinend intelligenteren, durchsetzungsfähigeren - bedroht sehen. Früher waren die Spielfelder noch eben, der Schiedsrichter noch fair, die Welt gut und die Neuzeit noch nicht da. Richtig ist, was mich nach oben bringt.

Jeder Student der Geschichte oder Politik weiß, dass es kein Zurück gibt, dass auch die reaktionärsten und erfolgreichsten Bewegungen stets Neues geschaffen haben. Irgendwann im 20. Jahrhundert mag es das goldene Zeitalter für weiße Männer gegeben haben, selbst mit ausgefeilten Menschenzüchtung wird es nicht wiederkommen. Was Sarrazin und Tea Party gemeinsam haben, ist eine komplette Mißachtung des derzeitigen Systems, die grundsätzlich jede praktische Erfahrung mit dem Sozialstaat ignoriert, ihn vorsichtshalber nur sehr sehr abstrakt beobachtet, aber ihn auf jeden Fall verwirft. Eine Zukunftsvision sehe ich nicht. Reicht Minderheitenprogrammatik für Mehrheiten für ein politisches Programm? Ist das mehr als aktionistischer Nihilismus? Wissen sie, was sie tun? Nein. Ist es gefährlich? Ja.

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