Sonntag, 18. Juli 2010

Das wohlplatzierte Moral-Argument in der Filesharing-Debatte

Marcel Weiss schreibt auf Neunetz, dass moralische Debatten ums Filesharing am Thema vorbeigehen, da es "um eine wirtschaftliche Thematik geht", denn wer "die Diskussion von der wirtschaftlichen Seite zur moralischen ziehen will, versucht damit auch, Tatsachen zu schaffen, die in der Regel entweder nicht stimmen oder zumindest diskutabel sind." Er beruft sich dabei maßgeblich auf einen längeren Text auf Musicthinktank.

Nun ja, nun gehört moralisierendes Lobbytum tatsächlich zu den unerträglicheren Teilen der Filesharing-Debatte, und ebenso zu denen, die dank ihrer Schrillheit besonders auffallen. Andererseits sollte man die Moral nicht gleich mit dem Wickert ausschütten, ganz auf moralische Argumente sollte man nicht verzichten und ehrlich gesagt kann man es auch gar nicht.

Weiss zitiert zustimmend "a properly calibrated system is one where there’s the greatest overall economic good and everyone has the greatest opportunity to benefit" - das ist natürlich ein moralischer Standpunkt, frei zitierter Utilitarismus würde ich mal sagen. Wäre es nicht diskutabel, ob nicht jeder die Möglichkeit haben sollte, sondern jeder tatsächlich teilnimmt? Obsiegt das economic good tatsächlich das artistic good? Und was wenn das "and" zum "or" wird, wenn es Situationen gibt, in denen die Möglichkeit der Teilhabe im Widerspruch zur größtmöglichen ökonomischen Wertigkeit steht? Spielt die Freiheit als moralischer Wert keine Rolle in der Debatte, und wenn Nutzenerwägungen strikte Kontrolle verlangen, dann halt unfrei?

Leicht skeptisch bin ich ja auch beim von ihm zitierten Natürlichkeitsargument "It’s also completely organic: The Internet, above all, is a tool for sending and receiving files. That music files would be part of that culture is only natural." Mal abgesehen davon, dass ich eh kein Freund des Vitalismus bin scheint mir das doch zu sehr eine Opferrolle des Menschen gegenüber der Technik zu fördern. Nur weil eine Technik eine bestimmte Benutzung anbietet, heißt es nicht, dass der "unnatürliche Weg" der bessere sein kann. Das fängt mit Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Innenstadt an, geht über Datenschutzregelungen bis hin zu meist sehr restriktiven Waffengesetzen.

Natürlich es ist verlockend sich auf eine verengte Technik-Ökonomie-Diskussion einzulassen, wenn die einem Recht zu geben scheinen. Nur befördert man damit schnell den Menschen zum Opfer der Technik, das vom autonomen Wesen zum Rädchen im Utilitarischen Getriebe wird. Es ist anstrengend wenn ausgerechnet der Springer-Verlag von Moral anfängt. Aber ohne Not sollte man nicht auf Freiheit oder Fairness in der Argumentation verzichten.

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